Bernhard Brägger: «Das ist fast so etwas wie Meditieren»

Der Exil-Urner hat eine rund 25’000 Kilometer lange Reise in die Langsamkeit unternommen. Im Interview erklärt er unter anderem, wie dabei eine beinahe mystische Beziehung zu einem fast 90-jährigen Auto entstanden ist.

Bruno Arnold
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Die «Tin Lizzy» auf dem Marktplatz in Leoben in der österreichischen Steiermark. (Bild: Bernhard Brägger)

Die «Tin Lizzy» auf dem Marktplatz in Leoben in der österreichischen Steiermark. (Bild: Bernhard Brägger)

Bernhard Brägger (siehe Box) ist während eines Jahres mit einem Ford T (Baujahr 1926), auch «Tin Lizzy» genannt, an den westlichsten, südlichsten, östlichsten und nördlichsten Punkt Europas gefahren. Was er auf seiner gut 25’000 Kilometer langen Reise erlebt hat, ist in ein Buch mit 48 eigenständigen Geschichten und über 160 eindrücklichen Fotos eingeflossen. Der Autor erzählt von den Beweggründen für seine Reise in die Vergangenheit und von seinen Erlebnissen.

Bernhard Brägger, kann eigentlich jeder, der einen Führerausweis besitzt, einen Ford T fahren?

Grundsätzlich ja. Es braucht aber schon ein paar hundert Kilometer, bis man das Gefährt beherrscht und stresslos durch den heutigen Verkehr steuern kann.

Die Reise in die Vergangenheit führte auch über Brücken und Wege abseits des grossen Verkehrs. (Bild: PD)
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Unterwegs in der Unendlichkeit des hohen Nordens. (Bild: PD)
Bernhard Brägger kurvt mit seinem auch «Tin Lizzy» genannten Ford T durch die engen Kurven in La Clue d’Aiglun in den französischen Seealpen. (Bild: PD)
Bernhard Brägger aus Oberwil ZG legte mit diesem Ford T (Baujahr 1926) rund 25'000 Kilometer an die entferntesten Punkte Europas zurück. (Bild: PD)
Der Ford T, auch «Blechliesel» genannt, unterwegs auf der ehemaligen Reichsstrasse im heutigen Polen.
Pannendienst in Serbien. (Bild: PD)
Auf dem Marktplatz in Leoben in der Steiermark. (Bild: PD)
Die Reise führte auch an Häusern vorbei, die noch heute an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien erinnern. (Bild: PD)
Die Räder der «Tin Lizzy» passen haargenau auf das Geleise einer eingestellten Bahnlinie in der Nähe von Prag. (Bild: PD)
Bundesstrasse 1 heisst sie heute in Deutschland, DK 22 in Polen. Zwischen 1934 und 1945 wurde sie zur Reichsstrasse 1. Von Aachen führt sie durch das Ruhrgebiet nach Berlin, ins ostpreussische Königsberg und von dort nach Eydtkuhnen (Eydtkau) an der Grenze zu Litauen.
Bernhard Brägger hat in Cabo da Roca den westlichsten Punkt seiner Reise erreicht. (Bild: PD)
Montieren der Winterreifen vor der stellenweise schneebedeckten DK22 in Polen. (Bild: PD)
Vor dem historischen Bahnhof in Brindisi. (Bild: PD)
Auch Kinder interessierten sich für das fast 100-jährige Fahrzeug. (Bild: PD)
Der Ford T (Baujahr 1926) war überall ein beliebtes Fotosujet für die Einheimischen. (Bild: PD)
Auch im Schneegestöber bewährte sich die Tin Lizzy. (Bild: PD)
Ein Spinnennetz zwischen Rücksitz und Dachgestänge als blinder Passagier. (Bild: PD)
Kurz vor der Barentssee in Norwegen fielen die Temperaturen erstmals in den Bereich von minus 20 Grad. (Bild: PD)
Das Titelbild von Bernhard Bräggers Buch. (Bild: PD)

Die Reise in die Vergangenheit führte auch über Brücken und Wege abseits des grossen Verkehrs. (Bild: PD)

Welches sind die Schwierigkeiten?

Der Ford T hat kein konventionelles Getriebe, sondern einfach zwei Gangstufen, die mit den Füssen bedient werden müssen. Wenn das Gangpedal – bei einem heutigen Auto das Kupplungspedal – ganz durchgedrückt wird, beschleunigt der Ford T. Er macht also genau das Gegenteil dessen, was ein heutiges Auto tut. Es braucht viel Routine, damit gerade in Stresssituationen nicht die gewohnten Automatismen wie bei der Bedienung eines modernen Autos ablaufen, sondern dass man die richtigen Schalt- und Bremsmanöver für den Ford T abrufen kann. Zudem wirken die Bremsen nur auf die Hinterräder. Sie werden schnell heiss und funktionieren dann überhaupt nicht mehr. Abkühlung bringen der Stillstand, das Rollen im Leerlauf und der Fahrtwind. Bergab bin ich oft mit ausgeschaltetem Motor gerollt und erst wieder voll auf die Bremse getreten, wenn es zu schnell wurde. Das war ein Gefühl wie beim Fliegen. Aber zurück zu den Schwierigkeiten: Wenn die Bremsen des Ford T blockieren, kann die Hinterachse schon mal ausbrechen, gerade auf nassen Strassen. Dann wird es brenzlig. In solchen Situationen war meine Erfahrung als Rallyefahrer sicher nützlich.

Zur Person:

Bernhard Brägger war ab den 1960er-Jahren in Göschenen und Flüelen als Lehrer tätig. Später arbeitete er als Projektleiter im In- und Ausland, unter anderem für die Caritas. Seine Leidenschaft ist der Motorsport. Als aktiver Rallyefahrer hat er unter anderem dreimal an der weltberühmten Rallye Monte Carlo teilgenommen. Er war Sportkommissar des ACS Schweiz sowie Initiant und Gesamtleiter der Klausenrennen-Memorials von 1993, 1998 und 2002. Im Jahr 2007 liess er zudem die polysportive Jungfrau-­Stafette der 1930er-Jahre aufleben. Aus der Feder des heute 76-jährigen Autoren stammen «Kompressoren am Berg – Mythos Klausen», «Die Geschichte der Rallye Monte Carlo» oder «Der Maserati 3015. Seine Geschichte». (bar)

Wie kommt man auf die Idee, mit einem fast 90-jährigen Auto durch ganz Europa zu fahren?

Ich habe die Reise als eine Art Entschleunigung angesehen, als Kontrapunkt zur heutigen unglaublich schnelllebigen und nur auf Tempo und Hektik ausgerichteten Lebensweise. Ich wollte etwas tun, das nicht jeder tut und das irgendwie quer in der Landschaft steht. Einerseits wollte ich erleben, wie es vor fast 100 Jahren gewesen sein muss, mit einem derart langsamen Vehikel unterwegs zu sein. Und anderseits wollte ich wissen, ob man mit einem Ford T in der heutigen Verkehrswelt effektiv «überleben» kann.

Sie sitzen vis-à-vis – also ist es möglich. Was braucht es vor allem?

Vernunft. Man muss sich immer bewusst sein, dass man mit etwas völlig Archaischem unterwegs ist, mit einem nur gerade 22 PS «starken» Fahrzeug, das zum Verkehrshindernis werden kann und das eine miserable Bremswirkung hat. Vernunft bedeutet auch, die Routen so auszuwählen, dass man auf Fahrten über idyllische, aber halt allzu steile Passstrassen verzichtet und Städte möglichst umfährt. Ich bin aber zum Beispiel auch bewusst nicht nach Russland gefahren – einerseits wegen Erfahrungen, die ich dort bei Grenzkontrollen während meiner beruflichen Tätigkeiten für die Caritas gemacht habe, anderseits, weil ich gesehen habe, wie dort gefahren wird. Ein Hasardeur bin ich nun definitiv nicht. Geholfen hat mir aber sicher auch die fast mystische Beziehung, die sich zwischen mir und dem Auto ergeben hat.

«Das Alleinsein im Auto war für mich während der ganzen Reise nie ein Problem.»

Wie meinen Sie das?

Ich habe auf «Lizzy» gehört, bin auf die Launen, Stärken und Schwächen des uralten, klapprigen Wagens eingegangen, habe vorsichtig geschaltet und gebremst, bin nie mehr als 50 oder 55 km/h gefahren. Mit dem Resultat, dass mich das Auto nie im Stich gelassen hat.

Das heisst: Sie sind unfall- und pannenfrei durchgekommen?

Unfallfrei ja, aber nicht ganz pannenfrei. Was ich selber reparieren konnte, habe ich selber repariert. Manchmal musste ich halt auf Ersatzteile warten, so etwa während der Weihnachtszeit in Polen, als keine Werkstätte offen war, um einen Zündungsdefekt zu beheben. Und wenige Wochen nach Beginn meiner Reise ist mein Kollege Max Burkart aus der Schweiz kurzentschlossen nach Madrid geflogen und von dort mit dem Bus zum 250 Kilometer entfernten Campingplatz in Burgos gefahren, um mir ein spezielles Gusseisenstück zu bringen, das ich nirgendwo erhalten hätte. Sozusagen als Dankeschön durfte er mich ein paar Tage begleiten. Ihm erging es dabei übrigens wie allen anderen, die mich kurzzeitig begleitet haben (schmunzelt).

Was heisst das?

Wenn ich mit dem Ford T unterwegs bin, rede ich grundsätzlich nur sehr wenig, weil ich mich jeweils voll und ganz auf das Auto und den Verkehr konzentrieren muss. Übrigens: Das Alleinsein im Auto war für mich während der ganzen Reise nie ein Problem. Ich habe es sogar richtiggehend genossen. In Finnland fährt man zum Beispiel über x Kilometer geradeaus, es begegnet einem die längste Zeit niemand, höchstens mal ein Schneepflug oder ein schwerer Holztransporter, man fährt stundenlang mit demselben Tempo, hört das immer gleiche monotone Geräusch des Motors: Das ist dann fast so etwas wie Meditieren.

Und wie haben «Lizzy» und Sie – als Fahrer des halb offenen Autos – die Kälte im Norden überstanden?

Ich habe vorgesorgt und als Konzession an das dortige Klima eine elektronische Umwälzpumpe eingebaut. Sie hat die Wassertemperatur reguliert respektive bei 60 Grad aus- und bei 40 Grad eingeschaltet. Ohne diese Pumpe wäre die Fahrt mit der «Lizzy» nicht machbar gewesen. Garagen oder Einstellhallen kennt man dort oben kaum. Auch modernste Autos sind deshalb mit Umwälzpumpen ausgerüstet, um den Motor starten zu können. Und was mich persönlich angeht: Eigentlich habe ich kaum gefroren. Ich konnte mit einem einzigen Griff einen Teil des Fahrzeug-Holzbodens entfernen und meine Füsse dann auf das Getriebe oder den Motor stellen. Und wer warme Füsse hat, der friert bekanntlich kaum. Natürlich hatte ich auch genügend warme Kleider dabei.

«In Italien gab es auch schon mal morgens um 3 Uhr an einer kleinen Raststätte ein Riesengaudi, weil sich alle ins Auto setzen und da Fotos schiessen wollten.»

Wie haben eigentlich die Leute auf Ihr Auto reagiert?

Ganz unterschiedlich. In Frankreich haben sich die Leute vor allem für die Technik des fast 90 Jahre alten Autos interessiert. In Italien gab es auch schon mal morgens um 3 Uhr an einer kleinen Raststätte ein Riesengaudi, weil sich alle ins Auto setzen und da Fotos schiessen wollten. In Griechenland und Richtung Balkan standen die Leute dann meistens eher staunend und mit gebührendem Abstand um das Auto herum. Aber dort haben fast alle Kinder den Ford T gekannt, weil sie nach wie vor Laurel-und -Hardy-Filme schauen. Im Norden dominierte vor allem die Einsamkeit.

Sie waren fast ein Jahr lang unterwegs. Nun haben Sie Ihre Erlebnisse, aber auch Ihre Gedanken bei Aufenthalten oder Begegnungen an Orten, an denen Zeitgeschichte geschrieben wurde, in einem Buch verewigt. War das von Anfang an ein Ziel der Reise?

Nicht unbedingt. Aber je näher ich dem Ziel gekommen bin, desto mehr habe ich gespürt, dass ich Stoff für ein Buch hätte. Nicht einfach konventionellen Stoff. Mehrere Verlage wären an einer Publikation interessiert gewesen, wenn ich aus meinen Aufzeichnungen eine Art Reisebuch gemacht hätte. Das wollte ich nicht. Schliesslich hat Raini Sicher vom Teammedia in Gurtnellen Interesse gezeigt.

Wieso gerade er?

Manchmal spielen halt Zufälle oder auch die Vergangenheit eine Rolle. Raini Sichers Vater hat mein erstes Buch «Kompressoren am Berg» über die Geschichte der Klausenrennen gedruckt. Raini Sicher ist als gelernter Reprofotograf vom Fach und war früher Rallyefahrer. Er teilt meine Leidenschaft für den Motorsport.

Statt eines Reisebuchs ist also ein Buch für Motorsportfreaks entstanden?

Nein. Das Buch enthält 48 eigenständige Geschichten über Menschen, denen ich begegnet bin, aber auch zu Spuren und Zeitzeugen, die ich in geschichtsträchtigen Gegenden aufgespürt habe. Ich habe Gedanken, Erzählungen und Anekdoten festgehalten, die ich aufgeschnappt habe. Es sind Geschichten, die das Leben schreibt, Geschichten zum Staunen, Geniessen und Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken.

Das Buch «Mit der Tin Lizzy an die entferntesten Ecken Europas» von Bernhard Brägger kann im Buchhandel gekauft oder online bei teammedia.ch zum Preis von 35 Franken bestellt werden.