Das Opfer verstrickt sich in Widersprüche

Im Prozess gegen Ignaz W. standen am Dienstag dessen Ehefrau und die aktuelle Partnerin im Fokus.

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Gestern ging vor dem Landgericht Uri der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen den Erstfelder Barbetreiber Ignaz W. und den serbisch-kroatischen Doppelbürger Sasa S. aus Wolfenschiessen über die Bühne. Ignaz W. ist des versuchten Mordes und der versuchten Tötung angeklagt, Sasa S. wegen versuchten Mordes an N. K., der Noch-Ehefrau on Ignaz W. Zuerst sagte gestern S. D. aus, die aktuelle Lebenspartnerin von Ignaz W. «Für mich kommt er als Täter nicht in Frage», betonte sie mehrmals. S. D. brachte bezüglich Täterschaft den Kosovaren S. P. als neuen «Mitwisser» ins Spiel. Ihm gegenüber habe das Opfer N. K. nämlich erwähnt, dass eine Frau auf sie geschossen habe. Das Gericht beschloss deshalb, den Kosovaren am heutigen Verhandlungstag als zusätzliche Auskunftsperson aufzubieten.

Schwächer gebaut und jünger

Am Nachmittag war dann das Opfer N. K. als Auskunftsperson an der Reihe. Auf die Frage nach dem Schützen, der ihr die Verletzungen zugefügt habe, wiederholte sie mehr als einmal: «Ignaz W. kann ich ausschliessen. Der Täter war körperlich schwächer gebaut und jünger als Ignaz W.» Ob es sich um einen Mann oder um eine Frau gehandelt habe, konnte sie hingegen nicht mit absoluter Sicherheit sagen: «Auf den ersten Blick war es ein Mann, aber ich habe das Gesicht nicht gesehen.» N. K. konnte auch nicht zweifelsfrei bestätigen, dass der Mann, den sie am Abend in einem Schattdorfer Restaurant bedient hatte, mit dem mutmasslichen Schützen Sasa S. identisch gewesen sei. «Ich weiss, dass ein Fremder da war, weil sonst in diesem Restaurant fast nur Stammgäste verkehren. Aber ich habe ihn nicht so genau angeschaut.» Auch bei der Schilderung des Tathergangs verstrickte sich das Opfer gestern mehrmals in Widersprüche.

Das Opfer strich gestern vor allem die Gewalttätigkeit ihres Ehemanns Ignaz W. hervor. «Er hat mich oft geschlagen und mir mehrmals gedroht, mich umzubringen oder dafür zu sorgen, dass ich – ohne unseren gemeinsamen Sohn – wieder in die Ukraine zurück müsse.» Allerdings korrigierte sie eine dieser Aussagen wieder: «Mit der Rückreise in die Ukraine und die Wegnahme des Sohnes hat mir M. K. gedroht.» Und das Opfer betonte auch, dass sie noch immer in ständiger Angst lebe und dass sie diverse Anzeichen festgestellt habe, dass Ignaz W. sie umbringen wolle. Als sie von Linus Jäggi, dem Verteidiger von Ignaz W., um die konkrete Schilderung dieser Anzeichen befragt wurde, relativierte sie erneut mehrere anfänglich gemachte Aussagen.

«Das geht so nicht!»

Jäggi wollte bezüglich der angesprochenen häuslichen Gewalt mehr wissen und auch Aspekte aus anderen Verfahren anführen, die diesbezüglich gegen seinen Mandanten gelaufen seien oder noch im Raum stünden – «auch wenn dies der Staatsanwaltschaft und der Rechtsvertreterin des Opfers nicht passt». Und auch den vom Landgerichtsvizepräsidenten vorgeschlagenen Abbruch der Befragung aufgrund der vorgerückten Zeit wollte Jäggi nicht akzeptieren: «Es geht hier um ein schweres Delikt, und es sind hohe Strafen möglich. Organisatorische Belange lasse ich nicht gelten, und wenn der Prozess fünf Monate dauert!» Er müsse unbedingt auch Sachen aus andern Verfahren zur Sprache bringen können, denn zwischen den Protokollen bestünden gravierende Widersprüche und Ungereimtheiten, die er nur so belegen könne. «Nur damit habe ich die Möglichkeit, die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Opfers in Zweifel zu ziehen», betonte Jäggi. «Es ist eine totale Erschwernis für mich, dass man die diversen Verfahren derart auseinandergekoppelt hat und dass ich immer wieder mit der billigen Antwort abgespiesen werde, das gehöre zu einem andern Verfahren. Es werden Dinge aus andern Verfahren als Beweise herangezogen, aber plädieren darf man zu diesen andern Verfahren nicht. Das geht so einfach nicht.»

«Immer neue Unwahrheiten»

Mit dieser Argumentation setzte er sich durch. Die Befragung wurde weitergeführt. Den Zeitpunkt des Abbruchs des Verhandlungstags bestimmte Jäggi dann gleich selber, als er nach seiner letzten Frage meinte: «Ich könnte das Opfer noch vier Stunden lang befragen, und es würden immer neue Widersprüche und Unwahrheiten auftauchen.»

Bruno Arnold