Das sagt der Urner Kantonsarzt zur Massenquarantäne

Sämtliche Besucher, die am Wochenende die Altdorfer Tellenbar oder das «Londoner» besucht haben, sind in Quarantäne. Kantonsarzt Jürg Bollhalder sagt, weshalb beinahe niemand auf eine Ausnahme hoffen kann.

Florian Arnold
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Nicht nur im Kanton Nidwalden wurde eine Massenquarantäne für 400 Personen angeordnet. Auch im Kanton Uri müssen 300 Partygäste nun zu Hause bleiben. Am vergangenen Wochenende waren zwei Personen, die am 13. Oktober positiv auf Covid-19 getestet wurden, am Freitag- sowie am Samstagabend in der Altdorfer Tellenbar sowie im «Londoner unterwegs. Sämtliche Besucher, die an einem der beiden Abenden dieselben Bars aufsuchten, wurden in Quarantäne geschickt. Dabei handelt es sich um 300 Personen.

Insgesamt sind in Uri nun rund 450 Personen in Quarantäne. 42 davon gehen auf die Quarantäne wegen Reisen in ein Risikogebiet zurück. Am 15. Oktober, 9.30 Uhr, waren in Uri 41 Fälle von positiv auf das Coronavirus getesteten Personen bekannt. Zwei Covid-Patienten sind nach wie vor in Spitalpflege.

Nach dem Ampelsystem, nach dem sich die Kantone richten, befinde man sich nun in einer besonderen Lage, sagt Kantonsarzt Jürg Bollhalder. «Wir sind recht beunruhigt aufgrund der Entwicklung. Wir haben mehrere Infektionsherde, die keinen direkten Zusammenhang haben.» Die Situation habe man noch im Griff, «aber wir sind an einer Schwelle, an der wir wirklich auf die Eigenverantwortung hoffen müssen». Konkret rät der Kantonsarzt, auf grössere Menschengruppen zu verzichten – dies im privaten, öffentlichen und beruflichen Umfeld.

Jürg Bollhalder, Urner Kantonsarzt

Jürg Bollhalder, Urner Kantonsarzt

PD

Konzepte werden umgesetzt – dies reiche jedoch nicht aus

Mit der «Urner Zeitung» haben sich viele betroffene Personen in Verbindung gesetzt. Vielerorts ist der Unmut spürbar gegenüber der rigorosen Massenquarantäne. Unverständlich ist etwa für einige, weshalb das Barpersonal in Quarantäne gesetzt werden musste, werden doch die Schutzkonzepte von GastroSuisse konsequent umgesetzt. Beispielsweise ist der Thekenbereich des «Londoners» augenscheinlich mit Plexiglasscheiben ausgestattet, das Personal kommt mit den Gästen auf diese Weise nur für kurze Zeit in Kontakt, nie jedoch für eine Viertelstunde. Kantonsarzt Bollhalder dazu:

«Wir betrachten das Barpersonal als gefährdet, weil es in den geschlossenen Räumen unterwegs war und weder die Mitarbeiter noch die Gäste Masken trugen.»

Sobald eine Durchmischung stattfinde, könne eine Ansteckung nicht ausgeschlossen werden. Bollhalder gibt aber zu: «Eine hieb- und stichfeste Regelung gibt es nicht.»

Grosses Stück des Puzzles fehlt

Die Besucher sind bei beiden Bars verpflichtet, ihre Kontaktangaben zu hinterlassen. Dazu zählen auch ein Ankunftszeitpunkt sowie gegebenenfalls eine Tischnummer. Diesen Angaben scheint aber keine grössere Beachtung geschenkt worden zu sein. «Das Gesamtpaket ist zu schwammig», so Bollhalder, «uns fehlt ein grosses Stück vom Puzzle.»

So bereiteten die handschriftlich ausgefüllten Zettel dem Contact-Tracing-Personal grosse Schwierigkeiten, wie der Sonderstab des Kantons bekanntgab. «Leider wurde die Arbeit des Contact-Tracing erschwert, weil die Kontaktangaben nicht immer vollständig, korrekt und lesbar angegeben wurden. Trotzdem ist es gelungen, mit dem Grossteil der Besucherinnen und Besucher Kontakt aufzunehmen», schreibt der Urner Sonderstab. Doch kann sich jemand, der in Quarantäne gesetzt wurde, gegen die Verordnung wehren?

Sonderstab will hart bleiben

«Wir nehmen Beschwerden schriftlich entgegen und prüfen das Anliegen», sagt Bollhalder. «Wenn jemand einen hieb- und stichfesten Beleg liefern kann, dass er nicht in der Bar war, dann werden wir ihn von der Quarantäne befreien können.» Jedoch genüge es nicht, aufzuzeigen, dass man mit den entsprechenden angesteckten Personen keinen Kontakt gehabt habe. Dort will der Sonderstab hart bleiben. «Das sind Lerneffekte aus anderen Kantonen, in denen man teilweise zu viele Personen wieder aus der Quarantäne entliess», so Bollhalder.

Auch kein Grund, die Quarantäne verlassen zu dürfen, ist ein negativer Covid-Test. «Das verstehen zwar nicht alle. Aber aufgrund der Inkubationszeiten müssen die zehn Tage eingehalten werden.» Diese zehn Tage Quarantäne gelten ab dem möglichen Kontaktzeitpunkt. Bollhalder ruft in Erinnerung: «Wer Symptome aufweist, sollte sich unbedingt testen lassen.»

Betroffene sollen sich melden

Dem Contact-Tracing-Team ist es nicht gelungen, sämtliche Zettel zu entziffern. Wer sich in den fraglichen Nächten in den beiden Nachtlokalen in Altdorf aufhielt, wird deshalb gebeten, sich unverzüglich beim Contact-Tracing-Team Uri zu melden. Telefonnummer 041 875 50 55.

Die Betreiber der Tellenbar sowie des «Londoners» wollen selber gegenüber den Medien keine Auskunft geben. Die Tellenbar soll geöffnet bleiben, während das «Londoner» vorübergehend schliesst.

Blick in die Tellenbar, hier in einer Aufnahme vom 30. September 2020.

Blick in die Tellenbar, hier in einer Aufnahme vom 30. September 2020.

Bild: Tellenbar / Facebook

Am Mittwoch, 14. Oktober, fand laut dem Sonderstab ein Informations- und Gedankenaustausch zur aktuellen Lageentwicklung zwischen einer Delegation des Regierungsrats und Spitzenvertreterinnen und Spitzenvertretern von Wirtschaft, Detailhandel, Gastronomie und Gemeinden des Kantons Uri statt. Neben dem Austausch von aktuellen Informationen zur Coronasituation im Kanton Uri wurden mögliche Massnahmen für den Fall weiter ansteigender Fallzahlen gemeinsam erörtert. «Der Dialog zwischen den Behörden und der Wirtschaft diente auch dem Sammeln von Ideen und Vorschlägen, wie ein neuerlicher Lockdown im Kanton Uri verhindert werden kann», heisst es in der Mitteilung. «Es herrschte Einigkeit darüber, dass alles unternommen werden muss, um diese schärfste Massnahme zu verhindern.»

Eigenverantwortung jetzt wahrnehmen

Über die jüngste Entwicklung der Infektionszahlen im Kanton Uri zeigten sich die Konferenzteilnehmer sehr besorgt. «Die ganze Urner Bevölkerung ist nun aufgerufen, ihre Eigenverantwortung zum Schutz der Urner Wirtschaft, der Risikopersonen und der Institutionen des Gesundheitswesens wahrzunehmen.» Der Abstand von 1,5 Metern zwischen Personen und die Hygieneregeln müsse unbedingt eingehalten werden. «Wenn dies nicht möglich ist respektive bei grösseren Menschenansammlungen, sollen vor allem in geschlossenen Räumen freiwillig Hygienemasken getragen werden. So kann man sich und andere schützen.» In Gastronomie- und Gewerbebetrieben, Einkaufsgeschäften und Veranstaltungen müssen die lokalen Schutzkonzepte strikte eingehalten werden.

Um Infektionsketten rechtzeitig mit Isolations- und Quarantänemassnahmen unterbrechen zu können, ist das Contact-Tracing zudem auf korrekt ausgefüllte Präsenzlisten angewiesen. «Der Sonderstab wird die Kontrollen entsprechend verschärfen», wird betont.

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