Das verbindet den Urner Wilhelm Tell
mit Südafrika

Historikerin Tanja Hammel hat im Tell-Museum in Bürglen über zwei südafrikanische Freiheitskämpfer referiert. Die Veranstaltung ermöglichte eine neue Perspektive auf die Figur Wilhelm Tell.

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Heldenkult um Nelson Mandela: Die Referentin Tanja Hammel mit Bildern des bekannten südafrikanischen Nobelpreisträgers. (Bild: PD (Bürglen, 5. Oktober 2018))

Heldenkult um Nelson Mandela: Die Referentin Tanja Hammel mit Bildern des bekannten südafrikanischen Nobelpreisträgers. (Bild: PD (Bürglen, 5. Oktober 2018))

Die geografische Distanz zwischen Südafrika und Uri ist gewaltig. Umso überraschender waren die Parallelen, welche die Historikerin Tanja Hammel zwischen Wilhelm Tell und dem südafrikanischen Freiheitskämpfer Makhanda in ihrem Referat im Tell-Museum am vergangenen Freitag aufdeckte.

Makhanda kämpfte zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Anführer des Volksstammes der Xhosa gegen Kolonialisten aus Europa. Zwar unterlagen die Xhosa den Briten, doch werden die kriegerischen Taten Makhandas noch heute weitererzählt und erhalten immer mehr Aufmerksamkeit. In der Nähe der südafrikanischen Stadt Grahamstown, wo die Xhosa und Briten gegeneinander kämpften, erinnert ein Denkmal an die vergangenen Schlachten. Seit dem 3. Oktober dieses Jahres heisst die Stadt Makhanda.

Nelson Mandela – ein Nachfolger Makhandas?

Anders als Makhanda kämpfte Nelson Mandela zwar gegen die Apartheid, aber für ein vereintes Südafrika. Der erste schwarze Präsident Südafrikas war von 1994 bis 1999 im Amt und erhielt 1993 zusammen mit Frederik Willem de Klerk den Friedensnobelpreis. Mandela gelang es, die schwarze und weisse Bevölkerung Südafrikas zusammenzubringen. Sich selbst bezeichnete er als Nachfolger einer Reihe von südafrikanischen Freiheitskämpfern, darunter Makhanda. Diese Einreihung war nicht zuletzt ein Versuch, die Geschichte des Landes als politisches Kapital zu gebrauchen.

Hier bestehen eine der Parallelen zur Figur Tells: Politiker bemühen sich immer wieder, den Nationalhelden für ihr politisches Programm zu instrumentalisieren. Tell steht dabei in der Regel stellvertretend für positive Konzepte wie beispielsweise die demokratischen Werte der Schweiz. In dieser Funktion spricht Tell alle Schweizer an, die sich mit diesen Werten identifizieren.

Tell gewinnt an Bedeutung

Die Figur Wilhelm Tell gewann im 19. Jahrhundert an politischer Bedeutung für die Schweiz: Im Sonderbundskrieg (1847) riss der Graben zwischen Konservativen, die eine föderalistische Schweiz wollten, und Liberal-Radikalen Befürwortern eines Bundesstaates auf. Trotz zahlreicher Kompromisse in der 1848 eingeführten Bundesverfassung sahen sich die Konservativen unterlegen. Zur konservativen Fraktion gehörten auch die katholischen Orte der Innerschweiz.

In der Zeit nach 1848 sahen Politiker und Kulturschaffende in der Figur Wilhelm Tells die Möglichkeit, die Innerschweiz und die übrige Schweiz wieder anzunähern: Die Inszenierung des Urners Tell als Gründerfigur der Schweiz erleichtere, dass sich auch die Innerschweizer mit dem Bundesstaat zu identifizieren begannen. Die Folge war eine regelrechte Tell-Begeisterung. 1895 wurde das Tell-Denkmal in Altdorf eingeweiht,  und 1899 fanden die ersten Altdorfer Tellspiele statt.

Markhanda steht für gesellschaftliche Spaltung

In seiner integrativen Funktion unterscheidet sich Tell stark von Makhanda: Während Tell für den mythischen, gemeinsamen Kampf der Schweiz gegen die ungerechte Herrschaft der Vögte steht, steht Makhanda für den Widerstand der schwarzen Südafrikaner gegen die weissen Eindringlinge. In Südafrika, mit seinen weissen und schwarzen Staatsbürgern, betont die Referenz auf Makhanda nicht die gesellschaftliche Integration, sondern deren Spaltung.

Entlang dieser Diskussion um die Bedeutung Makhandas für die schwarze und weisse Bevölkerung Südafrikas laufen auch heute noch Auseinandersetzungen in Südafrika. Tanja Hammel konnte in ihrem Referat diese Deutungsprozesse von Freiheitskämpfern an den Beispielen Mandelas und Makhandas sehr gut illustrieren. (pd/ml)