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Das Wetter schreibt den Arbeitsplan von Raphaela Sager

Servieren, kochen, Souvenirs verkaufen statt im Büro am PC sitzen: Raphaela Sager hat auf dem Klausenpass ihren Traumjob gefunden.
Bruno Arnold
Regula Sager ist seit dem Sommer 2018 Pächterin des Kiosk-Restaurants auf der Klausen-Passhöhe und schwärmt: «Ich habe hier oben einen der schönsten und abwechslungsreichsten Arbeitsplätze.» (Bild: Bruno Arnold, Klausenpass, 9. August 2019)

Regula Sager ist seit dem Sommer 2018 Pächterin des Kiosk-Restaurants auf der Klausen-Passhöhe und schwärmt: «Ich habe hier oben einen der schönsten und abwechslungsreichsten Arbeitsplätze.» (Bild: Bruno Arnold, Klausenpass, 9. August 2019)

Freitag, 9. August: Strahlender Sonnenschein, angenehme Temperaturen, die 50 Plätze auf der Terrasse des Kiosk-Restaurants auf dem Klausenpass sind fast ausnahmslos besetzt. Stress? Raphaela Sager winkt ab: «Nein. Schön! Bei solchem Wetter ist dies der Normalfall», erklärt sie. «Von Stress spreche ich erst, wenn auch die 50 Plätze im Säli besetzt sind und gleichzeitig Gäste am Kiosk Schlange stehen», sagt die 53-jährige Luzernerin – und lacht herzhaft. «Nein, im Ernst: Das Ganze ist vor allem eine Sache der Organisation», betont sie. «Eigentlich ist das Rezept ganz einfach: Wenn viele Gäste kommen, muss auch genug Personal da sein.» Das Gespür dafür bekomme man nach und nach, das sei Erfahrungssache. Aber alles gute Planen nütze gar nichts, wenn die wichtigste Voraussetzung fehle: «Das Team muss flexibel sein. Zum Glück habe ich Angestellte, die auch mal sehr kurzfristig abrufbar sind», betont Sager, die den Betrieb auf dem Klausenpass seit 2018 als Pächterin führt. Vorerst für drei Jahre, mit Option auf eine Vertragsverlängerung.

35 Jahre lang hat die gelernte Kauffrau im Rechnungswesen und im Personalbereich in der Immobilienbranche gearbeitet. «Es war immer mein Traum, statt im Büro irgendwo in den Bergen tätig zu sein», erzählt sie. «Am ehesten als Gastgeberin, am allerliebsten als Hüttenwartin.» Anfangs 2017 hängte sie ihren Bürojob an den Nagel. Es folgten Einsätze auf einer Rinderalp im Pilatusgebiet und der Hüttenwartkurs in Thun mit Praktika auf der Hüfihütte im Maderanertal sowie auf der Anenhütte im Lötschental.

Seit fünfzehn Jahren im Schächental

«Den Kiosk auf dem Klausenpass zu führen, das war eigentlich nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt hatte», meint sie rückblickend. Die begeisterte Skitourengängerin, die seit fünfzehn Jahren eine Ferienwohnung in Unterschächen gemietet hat, kennt inzwischen das Schächental und einige Einheimische. So erfuhr sie auch, dass die Besitzerfamilie Pächter für das Kiosk-Restaurant auf der Passhöhe suchte. Bei einem Besuch vor Ort kam sie mit der damaligen Betreiberin ins Gespräch und meldete ihr Interesse an. Im Oktober 2017 erhielt sie bei einem Schnuppertag Einblick in den Betrieb. Sie fand Gefallen an der Tätigkeit im Service, am Kiosk und in der Küche, und Anita Arnold ihrerseits fand offenbar Gefallen an der sympathischen Luzernerin – obwohl sich die Besitzer als Ideallösung eigentlich eher ein einheimisches Paar vorgestellt hatten. Die Vertragsunterzeichnung war danach aber nur noch Formsache, zumal eine langjährige Mitarbeiterin, die den Betrieb und die Stammgäste bestens kannte, ihre Mithilfe zugesichert hatte.

Am 18. Mai 2018 startete die Kauffrau in das Abenteuer Klausenpass. Statt im Büro am Computer zu sitzen, Anstellungsgespräche zu führen, Korrespondenzen zu beantworten oder den Zahlungsverkehr abzuwickeln, hiess es für sie ab sofort: im Service, in der Küche, am Büffet oder am Kiosk arbeiten. Die Klausenpass-Saison dauert jeweils von zirka Mitte Mai bis Ende Oktober. Für die Pächterin bedeutet das: rund fünf Monate lang eine Sechstagewoche oder gut 130 Arbeitstage, die sehr oft 12 und mehr Stunden dauern. «Ich bin froh, dass Ruth Gisler und Heidi Bissig den ‹Laden› am Dienstag jeweils alleine schmeissen», erklärt sie. «So kann ich nach Hause fahren, ausschlafen, mit meinem Lebenspartner etwas unternehmen oder auch Bestellungen, Einkäufe und private Pendenzen erledigen.»

Velofahrer vor dem markanten Märcher Stöckli, nach dessen Namen im Kiosk- Restaurant auf dem Klausen am meisten gefragt wird. (Bild: Urs Hanhart (22. September 2018)

Velofahrer vor dem markanten Märcher Stöckli, nach dessen Namen im Kiosk- Restaurant auf dem Klausen am meisten gefragt wird. (Bild: Urs Hanhart (22. September 2018)

Meteo wird mehr geglaubt als dem Blick nach oben

«In meinem betrieb steht und fällt alles mit dem Wetter», sagt die Pächterin. «Die Prognosen bestimmen den Fahrplan der Gäste. Wenn tiefe Temperaturen, Regen oder Nebel angesagt sind, dann kommen die Leute nicht, auch wenn die Wolken im Verlaufe des Tages aufreissen und der Sonne Platz machen», hat sie festgestellt. «Ein Blick auf die Meteoswiss-App zählt für viele offensichtlich mehr als ein Blick Richtung Himmel.»

Kiosk und Restaurant im Ungleichgewicht

2018 hat sie den Kiosk und das Restaurant an nur gerade einer Handvoll Tage aufgrund des schlechten Wetters erst gar nicht geöffnet. Im Sommer 2019 war dies bisher an zwei Tagen der Fall. «Ehrlich gesagt: Ich bin nicht unglücklich, wenn mal schlechtes Wetter herrscht. Dann können wir Gulaschsuppe vorkochen, Kuchen backen, putzen und Büroarbeiten erledigen. Gulaschsuppe, Kartoffelsalat und heisser Beinschinken, Pizza und Flammkuchen sind übrigens die gefragtesten Speisen. Am Kiosk werden vor allem Getränke, einheimischer Alpkäse, aber auch Klausenpass-Sticker, Caps oder Schlüsselanhänger verlangt. «Am Kiosk machen wir nur gerade rund 5 Prozent des Umsatzes», erklärt die Kauffrau. Früher sei der Unterschied zwischen den Einnahmen am Kiosk und denjenigen im Restaurant deutlich geringer gewesen, habe sie erfahren. Grösser geworden ist allerdings die Funktion als Fundbüro. Abgegeben werden Brillen, Natels, Portemonnaies, Regenjacken und vieles mehr.

Nicht alle akzeptieren die Wartezeiten

Weil die Küche sehr klein ist, kann es bei der Verpflegung der Gäste schon mal zu Wartezeiten kommen – gerade, wenn grössere Gruppen Platz nehmen. «10 bis 20 Prozent unserer Gäste scheinen auf der Flucht zu sein», sagt Raphaela Sager augenzwinkernd. «Sie wollen ein Souvenir kaufen, etwas trinken oder essen und möglichst schnell weiterfahren. Das alles möchten sie in ein paar wenigen Minuten erledigen», schildert sie. «Es fehlt ihnen leider etwas die Geduld, weil sie einfach allzu viel in einem einzigen Tag hineinpacken ‹müssen›.»

Regula Sager: «Den Kiosk auf dem Klausenpass zu führen, das war eigentlich nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt hatte.» (Bild: Bruno Arnold (Klausenpasse, 9. August 2019)

Regula Sager: «Den Kiosk auf dem Klausenpass zu führen, das war eigentlich nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt hatte.» (Bild: Bruno Arnold (Klausenpasse, 9. August 2019)

Inzwischen bereits eine Stammkundschaft

«Ich lerne aber auch sehr viele interessante Leute kennen», sagt sie. «Einige sind mittlerweile zu Stammgästen geworden, die ab und zu auch zweimal täglich vorbeikommen.» Dazu gehören Älpler, Einheimische, Wanderer, Töff- und nicht zuletzt Velofahrer. «Bei einem grossen Teil der Letzteren handelt es sich um Herren im Pensionsalter», weiss die Wirtin. Sie betont:

«Wenn diese den Pass erreicht haben, ist das für sie mit einem Glücksgefühl und positiver Stimmung verbunden. Das überträgt sich auch auf uns.»

Gerade in solchen Momenten werde ihr jeweils bewusst: «Hier oben bin ich sehr happy. Ich möchte nicht mehr tauschen, denn ich habe auf dem Klausenpass einen der schönsten und abwechslungsreichsten Arbeitsplätze.» Auch wenn sie die immer gleichen Fragen beantworten müsse – zum Beispiel: «Wie heisst der Berg da oben?» (Gemeint ist meistens das Märcher Stöckli.) «Wo hält die Post an?» (Sie steht ein paar Meter weiter vorne.) «Ist hier Selbstbedienung?» (Die Serviertochter kassiert am Tisch nebenan ein.) Immerhin: Nach dem Weg zum Gletscherseeli wird kaum mehr gefragt, seit auf Sagers Wunsch hin ein Wegweiser aufgestellt wurde. «Höchstens noch nach dem Zeitbedarf...»

Grössere Küche und E-Bike-Ladestation

Vermisst die Pächterin auf dem Klausenpass also rein gar nichts? «Doch, zu einer etwas grösseren Küche und zu einer gesponserten Ladestation für die E-Bikes würde ich nicht Nein sagen», meint sie vielsagend. Vielleicht erfüllen sich ja diese beiden Wünsche. Dann dürfte der Einlösung der Option wohl kaum mehr etwas im Wege stehen.

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