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Leiterin der Pflegewohngruppe Höfli in Altdorf: «Demenz hat viele Gesichter»

Ursulina Cadruvi begleitet täglich demente Menschen. Die Leiterin der Pflegewohngruppe Höfli erklärt, was sie von der Bezeichnung «Krankheit der Angehörigen» hält und warum Demenz kein Schreckgespenst sein muss.
Interview: Remo Infanger
Ursulina Cadruvi weiss, dass Humor im Umgang mit dementen Menschen unumgänglich ist. (Bild: Remo Infanger (Altdorf, 21. November 2018))

Ursulina Cadruvi weiss, dass Humor im Umgang mit dementen Menschen unumgänglich ist. (Bild: Remo Infanger (Altdorf, 21. November 2018))

Orientierungslosigkeit, Sprachschwierigkeiten, Vergesslichkeit: Wer an Demenz erkrankt, büsst schrittweise an geistigen Fähigkeiten ein. Im Kanton Uri sind rund 690 Menschen von der Krankheit betroffen. Ein interaktiver Vortrag widmet sich am Dienstagabend, 27. November, diesem Thema. Unsere Zeitung hat sich mit der Referentin, Ursulina Cadruvi, getroffen.

Ursulina Cadruvi, Sie leiten seit drei Jahren die Pflegewohngruppe (PWG) Höfli. Hat sich Ihr Bild von Demenz durch die alltägliche Nähe mit der Krankheit verändert?

Als ich hier angefangen habe, war ich mit der Krankheit bereits vertraut. Mein Vater ist an Demenz erkrankt, als ich 19 Jahre alt war, und auch durch den beruflichen Werdegang bin ich immer wieder mit Demenz in Kontakt gekommen. Die Zeit in der PWG Höfli hat mit aber gezeigt, dass die Krankheit viele Gesichter hat.

Wie meinen Sie das?

Es gibt nicht den dementen Menschen. Hat ein Betroffener beispielsweise Mühe, sich sprachlich auszudrücken, muss die Person nicht gleichzeitig auch sehr vergesslich sein. Fähigkeiten, die zuvor da gewesen sind, nehmen mit der Zeit ab – aber das zeigt sich bei jedem Betroffenen unterschiedlich.

Apropos Vergesslichkeit: Woran erkennen Angehörige, ob jemand wirklich an Demenz erkrankt ist, oder altersbedingt einfach vergesslich wird?

Das kann man mit einem Beispiel erklären: Ein gesunder Mensch kann den Autoschlüssel beim Verstauen des Einkaufs aus Versehen im Kühlschrank liegen lassen. Nach langer Suche findet er diesen wieder und erinnert sich genau, wie der Schlüssel dorthin gekommen ist. Eine demente Person jedoch fragt sich, was das ist, erkennt, dass das Objekt nicht in den Kühlschrank gehört und würde den Schlüssel vielleicht in den Müll werfen. Es ist wichtig zu sagen, dass nicht jede Vergesslichkeit im Alter gleich eine Demenz ist. Die Diagnose schlussendlich stellt der Arzt.

Ist Demenz ein Tabu-Thema?

Ich stelle fest, dass das regional sehr unterschiedlich ist. Vor 20 Jahren ist Krebs die schlimmste Krankheit überhaupt gewesen. Heute gilt Demenz als das Schreckgespenst. Es braucht sicher viel, bis Angehörige bereit sind, die Diagnose mit dem Umfeld zu teilen. Das ist aber ein sehr wichtiger Schritt, denn nur wenn man Bescheid weiss, kann man einer betroffenen Person die Unterstützung zukommen lassen, die sie braucht.

Worin bestehen die grossen Herausforderungen bei der Betreuung von Dementen?

Eine geeignete Wohnstruktur für Betroffene zu schaffen, ist oft eine grosse Herausforderung. Man muss ihnen so viel Freiraum wie möglich gewähren. Wichtig dabei ist Ruhe und Geduld. Und natürlich eine grosse Prise Humor, denn wenn man zusammen lachen kann, geht vieles leichter.

Nur wenn man Bescheid weiss, kann man einer betroffenen Person die Unterstützung zukommen lassen, die sie braucht.

Demente gelten als misstrauisch und teilweise aggressiv. Sind diese Vorurteile gerechtfertigt?

An Demenz erkrankte Menschen verlieren immer mehr ihre bekannte Welt und können mit dem Tempo und den Anforderungen der Gesellschaft nicht mehr Schritt halten. Das löst bei ihnen Verunsicherung aus – und diese zeigt sich immer unterschiedlich. Was dann Leute auf der Strasse beispielsweise als Aggression bezeichnen, ist in Wirklichkeit die situationsbedingte Hilflosigkeit der dementen Person. Es braucht im Umfeld ein offenes Herz und eine empathische Haltung, um mit diesen Emotionen umgehen zu können. So wie Demente schnell einmal unanständige Worte verlieren können, verlieren sie eben auch das Verständnis der Bedeutung dieser Worte.

Also liegt der Schlüssel zum korrekten Umgang mit dementen Menschen in der Toleranz?

Ja, im Grossen und Ganzen ist es das. Mit viel Geduld und Verständnis erreicht man viel. An Demenz Erkrankte sind Reisende von der Normalwelt in die Anderswelt – und wir sind ihre Reisebegleiter.

Demenz wird auch «Krankheit der Angehörigen» genannt, da das Umfeld häufig stärker an der Diagnose leidet als der Erkrankte selber.

Ich habe nicht so Freude an dieser Bezeichnung. Sicher ist, dass die Krankheit das Umfeld sehr stark fordert, da man eine vertraute Person, auf die Weise, wie man sie gekannt hat, schrittweise verliert. Angehörige, die sich aber auf den «neuen» Menschen einlassen, erkennen, dass die Krankheit nicht nur Schattenseiten hat. So können sie einen beispielsweise oft zum Schmunzeln bringen.

An Demenz Erkrankte sind Reisende von der Normalwelt in die Anderswelt - und wir sind ihre Reisebegleiter.

Ein Heilmittel für Demenz ist nicht bekannt. Kann man ihr aber prophylaktisch entgegenwirken?

Das Gedächtnis bleibt länger gesund, wenn motorische und geistige Aktivitäten miteinander kombiniert werden. Das Hirn soll gefordert werden, man darf sich auch im Alter noch neuen Herausforderungen stellen. Warum nicht auch mit 70 noch anfangen, Klavier zu üben?

Die Krankheit kann aber jeden treffen?

Grundsätzlich ja. Man weiss aber, dass das Risiko etwa bei Depressionen, Suchtverhalten oder anderen Krankheiten steigt.

Heute Abend halten Sie ein Referat zu diesem Thema. Was werden Sie den Zuhörern mit auf den Weg geben?

Es geht darum, die Leute zu sensibilisieren. Ich möchte zeigen, dass Demenz kein Schreckgespenst ist, sondern eine Krankheit, wie andere auch. Zudem wünsche ich mir, dass man versteht, dass Demenz viele Facetten hat und die Krankheit nebst den schweren auch viele schöne Momente mit sich bringen kann.

Der Vortrag zum Thema findet am Dienstagabend, 27. November, um 19 Uhr, in den Räumlichkeiten von TriffAltdorf, Dätwylerstrasse 15, statt. Der Eintritt ist frei, alle sind eingeladen.

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