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Der Anker fällt ins kalte Nass: Erinnerungen ans Urner Reussdelta

Für die Serie «Mein Lieblingsplatz» hat UZ-Praktikant Christian Tschümperlin einen Ausflugsort seiner Kindheit neu entdeckt.
Christian Tschümperlin
UZ-Praktikant Christian Tschümperlin ist zurück an seinem Lieblingsplatz – einem Ort voller Geschichten und Hintergründen. (Bild: Florian Arnold, Flüelen, 25. Juli 2019)

UZ-Praktikant Christian Tschümperlin ist zurück an seinem Lieblingsplatz – einem Ort voller Geschichten und Hintergründen. (Bild: Florian Arnold, Flüelen, 25. Juli 2019)

Der Bub wirft am Bug einen Anker aus. Klirrend rumpelt die Kette von Bord, hinab ins blaue Nass. Das Metall glitzert in der Sonne, der Wind steht günstig. Er bläst das Schiff landeinwärts. Es nimmt Fahrt auf, Druck kommt auf die Ankerkette. Es folgt der Moment der Entscheidung: Würde der Anker halten? «Er hält», ruft der Skipper dem Bub zu. Die Segel können eingeholt werden. Mit einem gelben Gummiboot setzen der Bub, seine Schwestern und der Skipper daraufhin aufs Land über. Im Gepäck führen sie Bratwürste, Feuerzeuge und Badehosen.

Dieser Bub, das war ich. Vor zwanzig Jahren. Heute bin ich zurück an meinem Lieblingsplatz. Irgendwie ist alles noch wie damals. Das entfernte Brummen der Autobahn versinkt im Rauschen von Blättern und Wellen. Vögel zwitschern von den Bäumen, Kinder kreischen am Strand. Wanderer und Velofahrer gehen an den Badegästen vorbei. Der Blick auf die Inseln zeugt von einem idyllischen Flecken Erden. An einem schwülen Tag könnte man sich in der Karibik wähnen. Der Leser hat es sicherlich schon erraten: Es handelt sich um das Reussdelta, unter Badefans besser bekannt als «der Mississippi».

Davongerannt vor den Schwänen – das war nicht obercool

Patrick Gisler aus Altdorf ist einer der Badegäste an jenem Junitag. Er geniesst mit seinem Kollegen Lukas Imholz aus Seedorf und zwei weiteren Kolleginnen das gute Wetter. Nach einem Badegang macht er es sich auf seinem Badetuch bequem. «Wenn die Sonne kommt, sind alle da», sagt er. Manchmal könne es zwar eng werden. «Darum bin ich lieber im Gruonbach», sagt seine Kollegin. «Dafür ist es hier immer schön sauber», meint Lukas. Und zum Grillieren sei es natürlich top. Der Ort ist für die Jugendlichen mit vielen Erinnerungen verbunden. «Wir waren vor vier, fünf Jahren mal zu zwanzigst auf dem Heimweg. Ein Schwan schlief im Gebüsch. Dann ging einer im Gebüsch pinkeln. Der Schwan kreischte schrecklich laut auf. Wir rannten alle davon. Und wir sind ja die Obercoolen», erzählt Gisler und lacht. Nach dieser kleinen Episode wollte ich von ihm noch wissen, ob es am Mississippi denn Konflikte gäbe? «Die Holzstellen werden oft geschändet», erzählt Gisler. Das Holz sei zwar zum Brauchen da, aber nicht im Übermass und nicht nach 22 Uhr. «Man sollte den anderen auch noch genug Holz hinterlassen», sagt Imholz.

Einer, der die Situation am Mississippi bestens kennt, ist Beat Infanger. Er ist so etwas wie die gute Seele im Hintergrund. Im Auftrag der Reussdeltakommission unterhält er die Anlage: Von den Feuerstellen über die Abfallbewirtschaftung bis zu den sanitären Anlagen, überall schaut er zum Rechten. «Für das Brennholz sind die Bauern des Maschinenrings im Auftrag der Reussdeltakommission zuständig», sagt er. Auf die manchmal überbordende Benützung des Holzes blickt er locker:

«Am Abend wird manchmal Lagerfeuer gemacht statt grilliert. Das ist nicht so gravierend, es kommt immer darauf an, ob man es grosszügig sieht oder nicht.»

Christian Tschümperlin am Reussdelta. (Bild: Florian Arnold, Flüelen, 25. Juli 2019)

Christian Tschümperlin am Reussdelta. (Bild: Florian Arnold, Flüelen, 25. Juli 2019)

An Spitzentagen kommt sehr viel Abfall zusammen

An Spitzentagen nimmt er aber bis zu 500 Kilogramm Abfall aus dem Reussdelta mit. Dabei war Littering immer wieder ein Thema. Allerdings zieht er eine positive Bilanz: «Im Vergleich zu früher hat sich die Problematik stark verbessert. Dabei hilft sicher auch, wenn man das Gespräch mit den Gästen sucht und am Abend Präsenz zeigt», sagt er. Und wenn viele Gäste vor Ort seien, würden sich die Leute gegenseitig kontrollieren. Die meisten Badegäste werfen ihren Abfall also in die bereitstehenden Kübel. Auch sei es in den letzten zwei Jahren zu keinen gravierenden Sachbeschädigungen mehr gekommen, seit Videokameras installiert wurden. Trotzdem beginnt sein Tag früh: «Heute bin ich seit 8 Uhr unterwegs», sagt er. Pro Tag komme er am Reussdelta schon auf sechs, sieben Arbeitsstunden.

Das kleine Paradies entstand im Zuge der Seeschüttungen mit sauberem Ausbruchmaterial aus dem Gotthard-Basistunnel: 3,3 Millionen Tonnen Gestein wurden zwischen 2001 und 2008 im Urnersee versenkt. Damit konnte für das Gestein eine sinnvolle Verwendung gefunden werden: Mit der Seeschüttung entstanden Flachwasserzonen und zwei Inselgruppen in Ufernähe. Die Lorelei-Inseln ziehen Badefans aus der ganzen Schweiz in ihren Bann, und auf den Neptun-Inseln nisten der Flussregenpfeifer, die Bachstelze, der Zwergtaucher und weitere Vogelarten.

Alexander Imhof, Vorsteher des Amts für Umweltschutz, sagt:

«Die Menge und das Artenspektrum in der Tier- und Pflanzenwelt im neu entstandenen Flachwasserbereich und auf den Naturschutzinseln am Südufer des Urnersees haben sich durchs Band erhöht.»

Man sei auf dem richtigen Weg. Dieser Weg soll konsequent weiter beschritten werden: Mit dem Bau des Sisikoner Tunnels und der zweiten Gotthardröhre gewinnen die Arbeiter wieder Material aus dem Berg. «Geplant ist, dass das saubere Material zur Schüttung weiterer Flachwasserzonen verwendet werden soll», sagt Roland Senn, Projektleiter Seeschüttung von der Gesundheits-, Sozial- und Umweltdirektion. Zusätzliche Inseln hingegen seien keine geplant.

Mein Lieblingsplatz in Uri: Christian Tschümperlin hat sich das Reussdelta ausgesucht. (Bild: Florian Arnold, Flüelen, 25. Juli 2019)

Mein Lieblingsplatz in Uri: Christian Tschümperlin hat sich das Reussdelta ausgesucht. (Bild: Florian Arnold, Flüelen, 25. Juli 2019)

Die Flachwasserzonen sollen voraussichtlich ab Ende 2022 erweitert werden, und zwar in einem ähnlichen Ausmass wie die bereits heute bestehenden. Diesmal werden 1,4 Millionen Tonnen Gestein aus dem Sisikoner Tunnel und 2,8 Millionen Tonnen Gestein aus der zweiten Gotthardröhre erwartet. Das Material vom Gotthard-Tunnel wird mit der Bahn nach Flüelen geliefert und dann aufs Schiff geladen. Der Grossteil der Gesteine vom Sisikoner Tunnel wird direkt in Sisikon aufs Schiff verladen. «Mit den Schüttungen stellen wir einen früheren Zustand wieder her. Die ursprünglichen Flachwasserzonen sind aufgrund des damals verlängerten Reussdamms in den See sowie infolge des intensiven Kiesabbaus im letzten Jahrhundert verloren gegangen», sagt Senn. Bei den sogenannten Flachwasserzonen versteht man den Unterwasserbereich bis in eine Tiefe von rund 10 Metern. Der Vorteil liegt darin, dass diese Flachwasserzonen aufgrund des sauberen Urnersees und somit der guten Lichteinstrahlung ideal sind für das Gedeihen von Unterwasserpflanzen und dadurch Lebensraum auch für die Fische bilden.

Christian Tschümperlin am Reussdelta. (Bild: Florian Arnold, Flüelen, 25. Juli 2019)

Christian Tschümperlin am Reussdelta. (Bild: Florian Arnold, Flüelen, 25. Juli 2019)

Und welche Zukunft hat die Ankerbucht?

Eine Frage brannte mir dann aber doch noch unter den Nägeln: Wenn die Flachwasserzone ausgedehnt wird, was geschieht dann mit den Booten, die im Gebiet ankern? «Die Schüttungen werden innerhalb des heutigen Reussdelta-Perimeters durchgeführt. Die Schutzbestimmungen werden höchstwahrscheinlich auch nach den Schüttungen gleich bleiben. Das heisst innerhalb der Umgebungszone sind Ruderboote zugelassen, jedoch keine Motorboote», meint Senn.

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