Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Der Chor wird definitiv aufgelöst

Mit einem Schlusssingen wird der Evangelisch-Reformierte Kirchenchor Erstfeld am 17. Juni sein 120-jähriges Bestehen beenden. Ein steter Mitgliederrückgang hat zur Vereinsauflösung geführt.
Walter Bär-Vetsch
Die Sängerinnen und Sänger des aufgelösten Evangelisch-Reformierten Kirchenchors Erstfeld. (Bild: PD)

Die Sängerinnen und Sänger des aufgelösten Evangelisch-Reformierten Kirchenchors Erstfeld. (Bild: PD)

Der Bau der Gotthardbahn zog zwischen 1872 und 1882 viele Arbeiter und Angestellte ins Urnerland. Den Bauarbeitern folgte das Bahnpersonal, das sich im Tessin und im Reusstal eine neue Heimat suchte. Nach dem Bahnbau und der Aufnahme des Bahnbetriebs kam um die Jahrhundertwende die Industrie. Die Betriebe, die sich im unteren Kantonsteil und im mittleren Reusstal ansiedelten, benötigten auswärtige Fachleute verschiedener Berufe, unter ihnen viele Protestanten.

Bei den reformierten Ansiedlern regte sich bald der Wunsch nach einer Glaubensgemeinschaft. In Erstfeld, dem damaligen Zentrum, fanden 1884 die ersten reformierten Gottesdienste in einem Zimmer des Kirchmatt-Schulhauses statt. Am 11. Mai 1885 beschloss eine Versammlung die Gründung der Protestantischen Kirchgemeinde Uri, welche die zwischen Altdorf und Göschenen lebenden rund 420 Protestanten vereinigte. 1911 schlossen sich die Kirchgenossen im Urserntal ihren Mitgläubigen im unteren Kantonsteil an. Die Protestantische Kirchgemeinde Uri gliederte sich später in die drei Lokalgemeinden Erstfeld, Altdorf und Andermatt-Göschenen. Am 10. Dezember 1899 konnte in Erstfeld die protestantische Kirche feierlich eingeweiht werden.

Offiziell im Jahr 1899 gegründet

Bereits bei den Gottesdiensten im Kirchmatt-Schulhaus begleitete ein 1886 gespendetes Harmonium den Gesang der Kirchgemeinde. War die Kirche fortan das äussere Zeichen der Kirchgemeinde, so sollten Musik und Gesang die Liturgie bereichern. Unter den damals rund 300 Mitgliedern der Protestantischen Kirchgemeinde Erstfeld regte sich Ende 1898 der Wunsch nach einem eigenen Kirchenchor. 1899 gründeten sangesfreudige Kirchgänger den Protestantischen Kirchenchor Erstfeld. Als Ziel galten die Förderung des Kirchengesangs und die Mitwirkung an Gottesdiensten bei hohen Feiertagen und anderen kirchlichen Anlässen. Die Kirchenpflege unterstützte dieses Vorhaben. Bald fanden sonntagabends, zeitweise auch samstags um 17.30 Uhr, im Hotel Hof, im Casino oder zu Hause bei Chormitgliedern Proben statt. Sekundarlehrer Brugger von der Erstfelder Gotthardbahn-Schule leitete die ersten Gesangsstunden. An der Grundsteinlegung der protestantischen Kirche Erstfeld vom 14. Mai 1899 trat der Chor erstmals öffentlich auf. Das erste Kirchenchorkonzert fand am 20. Mai 1900 statt. Bei der Beerdigung von Pfarrer Karl Blum (von 1902 bis 1909 in Erstfeld tätig) sang der Kirchenchor 1909 erstmals ein Grablied – getreu einem Ausspruch von Franz von Assisi: «Ein Lied kann viel Dunkelheit erhellen.»

Die Kirchenpflege entsprach dem allgemeinen Anliegen nach einer Kirchenorgel. Am 21. Oktober 1915 konnte sie eingeweiht werden. Sie ersetzte das bisherige Harmonium und begleitete den Kirchenchor fortan bei seinen Gesängen.

Höhen und Tiefen in der Vereinsgeschichte

Neben glanzvollen Höhepunkten bei Konzerten und anderen Anlässen musste der Kirchenchor auch Tiefpunkte verkraften, wenn die Mitgliederwerbung und die Suche nach einem geeigneten Dirigenten Sorgen bereiteten. 1905 gab sich der Verein erstmals Statuten. Mit dem gesungenen biblischen Wort sollte der Chor Herz und Gemüt der Kirchgemeinde erfreuen und seinen Sängerinnen und Sängern Kraft, Freude und Vertrauen für den Alltag schenken. 1910 zogen erste dunkle Wolken auf. Dirigenten- und Präsidentenwechsel führten fast zur Probeneinstellung. Doch der bisherige Dirigent, Lehrer Brugger, liess sich zum Weitermachen umstimmen. Der Kirchenchor lebte wieder auf und verschönerte 1915 die Orgeleinweihung in Erstfeld und die Kircheneinweihung in Andermatt. Am 11. Mai 1919 feierte der Verein gebührend sein zwanzigjähriges Bestehen.

Wohnortwechsel führt zu grosser Fluktuation

Der Kirchenchor wurde zum tragenden Element des kulturellen Lebens in der Pfarrei. In zahlreichen Proben eignete sich die Sängerschar ein grosses Repertoire kirchlicher und weltlicher Lieder an. Doch bereits damals machte dem Verein die Mitgliederfluktuation zu schaffen. Bedingt durch den Arbeitsplatz bei der Bundesbahn, wechselten die Bähnlerfamilien häufig ihren Wohnort. Sängerinnen und Sänger kamen und gingen. In der Hoffnung, damit neue Mitglieder zu gewinnen, änderte der Verein 1920 seinen Namen in Protestantischer Gemischter Chor Erstfeld.

Die Auftritte beschränkten sich nicht nur auf die Gottesdienste in Erstfeld. Der Chor trat auch bei reformierten Gottesdiensten und Anlässen in Altdorf, Andermatt, Göschenen, Gurtnellen (bis 1966) und Amsteg (bis 1973) auf. Die Teilnahme an Kirchengesangsfesten ermöglichte den Sängerinnen und Sängern nicht nur, ihre Liebe zum Gesang auszudrücken, sondern die Kameradschaft über die Gemeindegrenze hinaus zu pflegen und neue Werke zu lernen. Bei Begegnungskonzerten, bei denen alle Chöre ihre Lieblingswerke vortrugen, beurteilte eine Fachjury auf Wunsch die Darbietung. Dabei ging es primär nicht um Punkte und Ränge, sondern vielmehr um eine Standortbestimmung.

Erstfelder Radioabend als unvergessliches Erlebnis

Die Auftritte mit dem Gemischten Chor der katholischen Kirchgemeinde Erstfeld galten bald als Zeichen gelebter Ökumene. Unter der Leitung von Alfred Zwyer traten die beiden Chöre 1970 beim Erstfelder Radioabend gemeinsam auf. Wenn die Direktübertragung aus dem Casinosaal auch nur wenige Minuten dauerte, so war sie für die Sängerinnen und Sänger ein unvergessliches Erlebnis. Seit 1982 verschönerten die beiden Chöre jährlich gemeinsam einen ökumenischen Gottesdienst. Die gegenseitige Anwesenheit von Vorstandsmitgliedern der beiden Chöre und auch des Kirchenmusikverbands Uri an den Generalversammlungen bestätigten den freundschaftlichen Kontakt und zeugten von Respekt und Wertschätzung.

Die Vereinsführung strengte sich immer wieder an, neue Mitglieder zu werben. Oft waren die Ergebnisse ernüchternd. Aber man gab nie auf. In seinen besten Zeiten – in den 1960er-Jahren – zählte der Protestantische Kirchenchor Erstfeld rund vierzig aktive Sängerinnen und Sänger sowie etwa sechzig Passivmitglieder. Schwankte früher der Mitgliederbestand, meist bedingt durch den Weg- und Zuzug der Bähnlerfamilien, trat ab den 1970er-Jahren ein markanter Mitgliederschwund ein. 1986 fiel die Zahl auf erstmals unter hundert Mitglieder, wovon lediglich noch 13 Aktive. Im Jahr 2000 lud der Vorstand alle rund 220 protestantischen Gemeindeglieder im Alter zwischen 20 und 65 Jahren persönlich zu einer Chorprobe ein. Leider folgte niemand diesem Aufruf. Am 5. Mai 1983 beschloss die ordentliche Versammlung der Kirchgemeinde Uri die Änderung ihres Namens in Evangelisch-Reformierte Kirchgemeinde. Der Kirchenchor übernahm diese Änderung und nannte sich fortan Evangelisch-Reformierter Kirchenchor Erstfeld.

Wenn sie nicht aus Erstfeld wegzogen, blieben viele Männer und Frauen bis zu ihrem Ableben treue Mitglieder. Dazu trug sicher auch die gelebte Geselligkeit bei. Dieses gemütliche Zusammensein fand an Kegelabenden, Klausfeiern und Vereinsausflügen statt. Nicht selten besuchte der Chor auf seinen Ausflügen weggezogene Vereinsmitglieder, um sie und ihre neue Kirchgemeinde mit einer musikalischen Darbietung zu überraschen. Ehemalige Mitglieder organisierten aber auch Treffen mit ihrem neuen Kirchenchor, um anlässlich eines Vereinsausflugs einen Gottesdienst in Erstfeld mit Gesang zu verschönern.

Verein ist aufgelöst, aber Gesang lebt weiter

Mit viel Zuversicht und grosser Liebe zum Singen haben sangesfreudige Männer und Frauen den Protestantischen Kirchenchor Erstfeld gegründet, «um Gott zu loben, ehren und zu preisen». Das gesprochene Wort spricht in erster Linie den Verstand an, das gesungene Wort berührt auch das Herz. Diese Aufgabe hat sich bis zur Auflösung nicht geändert. Der Kirchenchor hat in unzähligen Gottesdiensten, in Konzerten und bei anderen Gelegenheiten die gute Botschaft von der Liebe Gottes den Menschen in die Herzen gesungen und damit das Vertrauen gestärkt, aber auch die Lebensfreude erneuert. Heute steht man wegen der beruflichen Mobilität und des grossen Angebots an Freizeitaktivitäten mehr denn je einem sozialen Wandel gegenüber.

Auch am Kirchenchor sind diese Veränderungen nicht spurlos vorbeigegangen. Dennoch ist er bis zur Auflösung ein lebendiges Glied der Kirchgemeinde Erstfeld geblieben. Der Chor hat die musikalische Umrahmung verschiedenster Gottesdienste an hohen Feiertagen und weiteren kirchlichen Anlässen als seine wichtige, wertvolle und dankbare Aufgabe betrachtet. Mit dem gesungenen biblischen Wort Herz und Gemüt der Zuhörerinnen und Zuhörer zu erfreuen, hätte doch eigentlich optimistisch stimmen müssen. Doch der stete Mitgliederschwund hat ein Fortbestehen des Evangelisch-Reformierten Kirchenchors Erstfeld – des einzigen reformierten Kirchenchors seit der Auflösung des Altdorfer Kirchenchors im Jahr 1998 – schliesslich dennoch verunmöglicht. Aber falls sich Sängerinnen und Sängern einfinden, sollte es weiterhin möglich sein, für spezielle Anlässe einfache Lieder zu proben und dann vorzutragen. Das Singen bei einem Gottesdienst im Dezember im Alters- und Pflegeheim Spannort ist jedenfalls bereits geplant.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.