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Kolumne

Der «Exil-Urner-Effekt»

Redaktorin Carmen Epp hat nach ihrem Wegzug aus dem Kanton Uri eine ganz besondere Fähigkeit entwickelt. Diese zeigte ihr auch, dass man offen bleiben sollte für das Unerwartete.
Carmen Epp
Carmen Epp

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Seit ich vor neun Jahren aus dem Kanton Uri weggezogen bin, habe ich eine Fähigkeit entwickelt, die ich den «Exil-Urner-Effekt» nenne: das Erkennen von Urnern ausserhalb deren Heimatkanton. Nicht, dass ich eine Wahl gehabt hätte; vielmehr handelt es sich dabei wohl um eine Abwandlung des aus der Psychologie bekannten «Cocktailparty-Effekts». Der beschreibt die Fähigkeit des menschlichen Gehörsinns, im lauten Durcheinander einer Cocktailparty das herauszufiltern, das einen interessiert oder betrifft. Sodass man zwar die Gespräche der andern nicht im Detail mitverfolgen, sehr wohl aber sofort hören kann, wenn etwa der eigene Name fällt – oder in meinem Fall: ein Wort in Urner Dialekt.

Am Anfang war die Fehlerquote noch ziemlich hoch. Vor allem, weil ich zuerst im Kanton Obwalden wohnte. Allzu oft liess mich ein Wort am Nebentisch im Restaurant, an der Kasse im Supermarkt oder am Post-Schalter aufhorchen, bis ich merkte, dass dem verdächtig Urnerischen «chäüfä» ein «dui» folgte. Sodass ich es meinem Freund auch nicht verübeln konnte, dass er lange Zeit felsenfest behauptete, Urner- und Obwaldner-Dialekt sei dasselbe. Das Gehör für die zwar kleinen, aber feinen Unterschiede wird wohl nur «Muttersprachlern» mitgegeben, und auch die müssen es permanent schulen. Inzwischen kann ich von mir behaupten, dass ich zu 90 Prozent richtig liege, wenn ich meine, einen Urner zu hören. In Obwalden teilweise sogar ohne den «ü oder ui»-Test.

Auch meine visuelle Wahrnehmung hat sich auf das Erkennen von Urnerinnen und Urnern spezialisiert. Auf der Autobahn erkenne ich ein «UR» am Heck der Autos oft schneller als die Verkehrstafeln, genau so wie die Uristier-Aufkleber neben auswärtigen Nummernschilder. Ganz schlimm auch bei Sportveranstaltungen im Fernsehen: Da erkenne ich die gelbschwarze Fahne meist, noch bevor ich weiss, worum es eigentlich geht.

Doch trotz aller Fähigkeiten bin auch ich nicht vor Überraschungen gefeit. So zum Beispiel letztens an einem Lottomatch in meiner Wohngemeinde Neuenkirch. Meine Ohren waren auf den Tisch hinter mir fokussiert, unschlüssig darüber, ob da nun Urner oder Nidwaldner miteinander sprechen – die mitunter schwierigste Unterscheidung. Gegen Ende des Abends – der Tisch hinter mir blieb ein Rätsel – entpuppte sich dann aber ausgerechnet die Asiatin mit Zürcher Dialekt, die mir gegenüber sass, als Urnerin. Adoptiert von einer Familie Simmen aus Realp habe sie zwar nie in Uri gewohnt, aber viele Winter im Urserntal verbracht, sagte sie – und nannte sogar einen bekannten Verwandten in der Urner Regierung: Roger Nager.

Die Welt ist klein. Und doch grösser, als man denkt. Um das zu erfahren, braucht man mehr als ein geschultes Ohr oder den Blick für zwei Buchstaben und Uristiere. Man muss Augen und Ohren offen halten für das Überraschende. So lässt der «Exil-Urner-Effekt» bei aller Routine noch Raum für Unerwartetes.

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