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«Alpentöne»-Projekt: «Der Ländler hat sich immer verändert»

Andreas Gabriel hat für sein Ensemble eine neue Ouvertüre geschrieben. Diese erlebt am «Alpentöne»-Festival in Altdorf am kommenden Wochenende ihre Premiere.
Christian Tschümperlin
Der Luzerner Geiger Andreas Gabriel führt mit seinem Ensemble den «Verändler» auf. Bild: PD

Der Luzerner Geiger Andreas Gabriel führt mit seinem Ensemble den «Verändler» auf. Bild: PD

Alle zwei Jahre treffen sich Musikfreunde aus nah und fern bei «Alpentöne» in Altdorf. Das Musikfestival zelebriert das musikalische Erbe des Alpenraums mit virtuosen Begegnungen, die musikalische Grenzen überschreiten. Auch dieses Jahr sind spannende Gäste mit von der Partie. Einer von ihnen ist der Luzerner Geiger Andreas Gabriel.

Bei «Alpentöne» braucht es keine Vorarbeit

Die Vorfreude auf das Musikfestival ist ihm anzumerken. «‹Alpentöne› hat ein offenes Publikum, das die Materie bereits kennt», sagt er während unseres Treffens in einem kleinen Café in Luzern. Bei der Kleinkunst spiele man vielfach vor einem Publikum, das man noch überzeugen müsse. Dieses sei sich anfangs nicht sicher, was gespielt werde: Ländler oder Jazz? «Bei ‹Alpentöne› muss man diese Vorarbeit nicht leisten, es hat Fans, die Experimente wertschätzen.»

Andreas Gabriel fand schon als Sechsjähriger zur Geige. (Bild: PD)

Andreas Gabriel fand schon als Sechsjähriger zur Geige. (Bild: PD)

Eine Spezifizierung des Begriffs Alpenmusik sei denn auch schwierig. «Das ist einfach alle Musik, die im Alpenraum gespielt wird», sagt Gabriel. Lustig sei beispielsweise, dass der Techno gerade in Europa sehr populär geworden sei. «Das hat meiner Meinung nach viel damit zu tun, dass wir in der Volksmusik bereits den ‹Schottisch› hatten», sagt er. Der «Schottisch» basiert auf einem Zweier-Rhythmus, wie man ihn etwa vom bekannten Lied «Grüezi wohl Frau Stirnimaa» kennt. «Techno ist im Prinzip dasselbe mit mz, mz, mz», so Gabriel. Ein solcher Zweier-Rhythmus war denn auch der Ausgangspunkt für die Ouvertüre, die er für seine neue Tour geschrieben hat und die er bei «Alpentöne» erstmals präsentieren wird. «Ich habe einen Takt genommen von einem alten schönen ‹Schottisch›, habe diesen immer wiederholt, dadurch entstand das Repetitive wie im Techno», sagt er.

Familie ist mit Musiktradition verbunden

(cts) Andreas Gabriel (geboren 1982) stammt aus einer mit der Schweizer Musiktradition verbundenen Nidwaldner Familie. Er spielte schon als Kind mit seinen Geschwistern und seinem Vater in der Familienmusik mit. Nach der Matura studierte Gabriel Violine an der Musikhochschule Luzern bei Daniel Doods. Nach Abschluss seines Studiums begann er nach der verschollenen Fiedelmusik in der Schweiz zu forschen und experimentierte mit altem Melodiengut. Heute wohnt er in Luzern und unterrichtet Violine Schwerpunktfach Volksmusik an der Hochschule Luzern für Musik und an der Städtischen Musikschule Luzern. An Kursen und Workshops gibt er sein vielseitiges musikalisches Wissen weiter. So unterrichtet er regelmässig auch im Haus der Volksmusik in Altdorf.

Geige gehörte zur Volksmusik – noch vor dem Örgeli

Am Musikfestival «Alpentöne» wird Gabriel mit seinem Ensemble auftreten und den «Verändler» aufführen. Die Formation besteht aus drei Geigen, einem Cello, einer Halszither, einem Akkordeon, Kontrabass, Saxofon, Trompete und Posaune. Es fällt auf, dass nicht das Örgeli, sondern Streicher und Bläser tonangebend sind. Die Zusammensetzung seiner Formation ist laut Gabriel nicht untypisch. «Im 19. Jahrhundert hat man sich in der Volksmusik sehr oft der Streicher und Bläser bedient. Das Örgeli kam erst Ende des 19. Jahrhunderts dazu», so Gabriel. Dieses sei deshalb so beliebt geworden, weil man damit fast alles machen könne. «So konnten Musiker eingespart werden.»

Ob man deshalb davon sprechen könne, dass er Volksmusik modern interpretiere? «Was ist modern?», fragt Experte Gabriel zurück – und gibt sich die Antwort gleich selber. Modern sei immer das, was die Zeit als modern empfinde. Gabriel betont:

«Was mich interessiert ist Musik, die sich in mir weiterentwickelt.»

Musik sei nichts Statisches, sondern die flüchtigste Kunstform, die es gebe. «Der Länder hat sich immer verändert.»

Die Veränderung liegt der Volksmusik also quasi im Blut. Deshalb ist «Verändler» auch ein Wortspiel, das sich aus den Begriffen Veränderung und Ländler zusammensetzt. Die Musik dazu hat Gabriel für das Festival Stubete am See im Jahr 2018 geschrieben. «Ich musste 40 Minuten Musik schreiben. Das war das erste Mal, dass ich so etwas Langes geschrieben habe», sagt der 37-Jährige. Anfänglich habe er gar nicht gewusst, was dabei herauskomme. «Ich dachte, das, was ich schreibe, tönt atonal, dissonant, das ist provokativ», sagt er. Er habe das Klischee der heilen Welt ein bisschen aufbrechen wollen. Beim Schreiben sei ihm dann aber aufgefallen, dass alles viel harmonischer wurde als gedacht. «Während des Prozesses merkte ich, dass es mir gar nicht mehr wichtig ist, zu provozieren, sondern dass ich die Musik in mir einfach weiterentwickeln will», sagt Gabriel.

Beim «Verändler» greifen die Rhythmen ineinander

Neben der Melodie zeichnen sich die «Verändler» auch über einen besonderen Aspekt in der Rhythmik aus: «Wir spielen polyrhythmisch. Das heisst, wir spielen mit verschiedenen Rhythmen, die ineinander übergreifen. Der eine spielt im Zweier-Rhythmus, der andere im Dreier-Rhythmus, die werden überlagert.»

Die Inspiration zur Komposition entspringt unter anderem der Muotathaler Volksmusik. Das ist kein Zufall: «Das Muotathal hatte wie viele Täler nördlich der Alpen eine reiche Geigertradition», unterstreicht Gabriel. Er bediente sich bei zwei Quellen: Einerseits erhielt er Aufnahmen des alten Geigers «Predigers Josef». «Das war für mich eine riesige Entdeckung. Die Stücke waren einfach, aber nicht plump», so Gabriel. Den Geist der Stücke habe er in die «Verändler» einfliessen lassen. Zudem griff er auf Aufnahmen vom schweizerisch-französischen Musikwissenschaftler Hugo Zemp zurück. Dieser gab die Platte «Jüüzli Jodel Du Muotatal» heraus. «Ich habe daraus ein ‹Bücheljüützli› genommen, und daraus entstand meine Interpretation in die heutige Zeit», sagt Gabriel. Aber auch seine Beschäftigung mit skandinavischer, europäischer und globaler Volksmusik hat in ihm etwas ausgelöst. Ob er denn diese Einflüsse bewusst eingebaut habe? Gabriel sagt weiter:

«Die zeitgenössischen Einflüsse sind gegeben. Ich kann ja nicht das Hirn abschalten, ich muss die Musik mit meiner Zeit verbinden.»

Wenn er selber komponiere, dann lasse er es einfach geschehen. «Denn der Einfall hat mit irgendwas zu tun, was man schon gehört hat. Ich nehme einfach das, was kommt», so Gabriel.

Trio mit Markus Flückiger und Pirmin Huber

Und was sind Gabriels nächste Projekte? «Mein Hauptprojekt im Moment ist das Trio Ambäck mit Markus Flückiger am Schwyzerörgeli und Pirmin Huber am Kontrabass.» Markus Flückiger ist bekannt, weil er als einer der ersten ausbrach aus der schweizerischen Volksmusik als Korsett. Und Pirmin Huber ist einer der ersten, der Volksmusik und Jazz studiert hat. Die zweite CD von Ambäck erscheint im kommenden November.

Mehr zu Andreas Gabriel erfährt man unter www.andreasgabriel.ch.

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