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Altdorf: Der Pfarrer «zum Anfassen» geht

Sein Weg führte Reinhard Eisner von der Oberlausitz zu DDR-Zeiten über den Thüringer Wald bis in die Schweizer Berge des Kantons Uri – und wieder weg. Doch vorher blickt er noch mal zurück auf seine Zeit in Uri.
Claudia Naujoks
Pfarrer Reinhard Eisner mit seiner Frau Belinda. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 25. Januar 2019))

Pfarrer Reinhard Eisner mit seiner Frau Belinda. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 25. Januar 2019))

«Der Mensch denkt, Gott lenkt.» (Sprüche 16,32) Oft schon ist Reinhard Eisner, der Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirche Altdorf an einem Punkt angelangt, an dem er die Entscheidung, in welche Richtung er weitergehen soll, Gott anvertraut hat. Es waren einerseits Momente, in denen er das Glück hatte, zwischen mehreren Möglichkeiten wählen zu können, anderseits aber auch Momente der Not, in denen er selber nicht mehr weiter wusste.

Gott lenkt: Im Februar verlassen Reinhard Eisner und seine Frau Belinda die Kirchgemeinde. Nach einem kurzen, auch mit Zweifeln durchzogenen Ablösungsprozess, den sie beide durchgemacht haben, freuen sie sich nun auf die neue Wirkungsstätte. «Das ist unser Weg», sind sich beide einig. Doch Eisner betont:

«Altdorf ist und bleibt für mich einer der schönsten Orte der Welt, und auf Uri lasse ich nichts kommen.»

Reinhard Eisner kommt 1959 – noch zu DDR-Zeiten – in Wittichenau bei Hoyerswerda in der Oberlausitz auf die Welt. Sein Grossvater begeistert ihn schon bald für das Bergwandern und löst in ihm eine tiefe Sehnsucht nach den Bergen aus. Schon früh sucht er Antworten auf wichtige Lebensfragen in den Bergen. Dort kann er Gott fragen, mit ihm ins Gespräch kommen und mit ihm zusammen einen Entscheidungsprozess anstossen. So geschehen bei der Berufswahl. Manager einer Fahrschule? Lehrausbilder in einem Bauunternehmen? Theologiestudium?

In der 600 Kilometer entfernt gelegenen Hohen Tatra besteigt der junge Reinhard Eisner die Lomnitzer Spitze, den höchsten Gipfel dieses Gebirgszugs. Auf 2632 Metern über Meer erhofft er sich eine Entscheidungshilfe von Gott. Seine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Erst auf der Heimfahrt erhält er durch ein eindeutiges Zeichen die ersehnte Antwort. Er wird Pfarrer.

Österreich, Süddeutschland und erst dann die Schweiz

Nach seinem Theologiestudium wählt er seinen ersten Pfarramtssitz im höchsten Gebirge der DDR, dem Thüringerwald. Aber irgendwie wird die Anziehungskraft der Alpen immer grösser, und an jedem freien Tag fährt er zum Wandern dorthin. Weil sich dies aus ökologischen Gründen nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren lässt, beschliesst er zusammen mit seiner Frau, den Alpen näherzukommen. Trotz aller behördlichen Zusagen und bereits erteilter Arbeitsgenehmigung scheitert aber sein Projekt, sich in Österreich als Hotelier und Pfarrer niederzulassen, am nötigen Kleingeld. «1 Million wollte die Bank dann doch nicht so ohne weiteres rausrücken – ohne Sicherheiten und für ein risikohaftes Konzept», erzählt er mit einem Lächeln. Auch ein potenzieller Geldgeber aus Innsbruck lässt sich nach langem Hin und Her nicht darauf ein.

Plan B, in Süddeutschland eine Stelle zu finden, ist ebenfalls ein erfolgloses Unterfangen: Niemand will aus dem gut bezahlten Job in den Osten, und nur ein Jobtausch würde Reinhard Eisner den Wechsel ermöglichen. Seine Frau Belinda ermutigt ihn, es doch in der Schweiz zu versuchen. Mit Erfolg. Doch auch hier überlässt er die Entscheidung am Ende Gott: Zuoz im Kanton Graubünden oder Uerkheim AG?, lautet die Frage. 2001 übersiedelt er zusammen mit der Familie in den Kanton Aargau. «Ich lasse immer auch Platz, dass Gott seine Hand im Spiel haben kann, ich bin nicht einer, der es mit der Brechstange versucht», sagt er. Und fügt an:

«Ich staune immer wieder, wie traumhaft gut es kommt, wenn man nicht den eigenen Willen lebt, sondern wenn man Gott mitregieren und mitwirken lässt.»

Die vereinsamten Kirchen füllen sich wieder

2009 zieht Reinhard Eisner mit seiner Familie nach Altdorf. Der dortige Kirchenrat wünscht sich eine Erneuerung in der evangelisch-reformierten Kirche in Uri und setzt die gesamte Hoffnung auf den «Neuen». Er selber hat als progressiver Pfarrer die Vision einer Kirchengemeinde, die alle Menschen jeden Alters anspricht und einlädt. Eisner ist nah bei den Menschen, interessiert sich für deren Sorgen und Nöte, ist sozusagen ein Pfarrer zum Anfassen. Er verkündet das Evangelium in Worten, die jeder versteht. Er lebt es aber auch in Aktionen, aus denen klar wird, dass für ihn im Dienst Gottes auch im Dienst für die Menschen zu stehen heisst. Der Erfolg gibt ihm Recht: Die vereinsamte Kirche füllt sich zu den Gottesdiensten wieder mit Menschen, es finden zahlreiche Feste statt, die gut besucht sind.

Ein positives Gefühl des Aufbruchs habe sich am Anfang in Altdorf eingestellt, erinnert sich Pfarrer Eisner – ein wenig wehmütig. Denn dieses Gefühl wird schon kurze Zeit nach der Amtseinführung des neuen Pfarrers getrübt: Der anfängliche Enthusiasmus schlägt plötzlich um in eine Lethargie, ja sogar in eine Gegenbewegung. Diese bewirkt, dass die Umsetzung neuer Ideen und angedachter Aktionen ausgebremst wird. Rückblickend sieht Pfarrer Eisner dafür mehrere Gründe. Zum einen habe wohl der Kirchenrat die Vollversammlung vor der Sitzung mehrmals zu wenig informiert und in die Entscheidungsfindung eingebunden. «Das war für mich deutlich spürbar, sogar zwischen dem Kirchenrat und den Pfarrern. Hier herrschte kein Gemeinschaftsgefühl, kein Wir mehr», sagt er. «Dabei wäre es so wichtig, dass Pfarrer und Kirchenrat gemeinsam konzeptionell arbeiten würden, um die Institution Kirche überhaupt in eine Zukunft führen zu können», betont er. «Man kann an alten Gewohnheiten und liebgewonnenen Ritualen festhalten, daran muss man nicht zwingend rütteln. Aber man muss darüber hinaus überlegen, wie es möglich ist, das Evangelium auch heute noch – vor allem den heranwachsenden künftigen Generationen – zeitgemäss zu vermitteln dafür zu begeistern.»

Vorschläge, wie man etwa den jüngeren Kindern mit ihrem vollen Alltag und der damit verbundenen Unvereinbarkeit mit den Unterrichtszeiten trotzdem einen reformierten Religionsunterricht anbieten könnte, wurden nicht in Erwägung gezogen, bedauert er. Dass der Konfirmandenunterricht wie am Schnürchen laufe, dass es aber bei den jüngeren Kindern oft an der Verbindlichkeit fehle, sei ein Indikator für nötige Anpassungsmassnahmen. «Warum man diese Anzeichen nicht wahrnehmen will, kann ich nicht nachvollziehen.» Eisner vermutet, dass es am fehlenden Mut zum Experimentieren und an der Angst zu scheitern liegen könnte. Sein Credo:

«Ich kann nur sehen, ob es geht, wenn ich es probiere. Und wenn es schiefläuft, dann breche ich ab und versuche es anders.»

Sein Streben und seine Motivation schöpfe er aus dem biblischen Auftrag. Dieser sei seine Quelle der Inspiration. «Die Jünger sind hinausgeschickt worden zu den Menschen, sie sassen nicht in einem Gebäude und warteten darauf, dass die Menschen zu ihnen kommen», sagt Eisner. «Davon lasse ich mich leiten.» Immer wieder stelle er sich die Frage, mit welchen Mitteln und Inhalten er es schaffen könne, dass die Menschen wieder Zugang zur Kirche finden.

Kirche als Ort, um Freiheit zu erleben

Eisners Intention besteht darin, die Kirche «draussen in einem guten Licht erscheinen zu lassen, sympathisch darzustellen und mit einem Überraschungsmoment neu ins Gespräch zu bringen». Die Menschen sollten vermittelt bekommen, dass Kirche längst nicht mehr im Widerspruch zur Wissenschaft stehe und auch nicht mehr die moralische Instanz sei, sondern vielmehr ein Ort, an dem die Menschen Freiheit erleben und Entfaltungsmöglichkeiten finden könnten. «Das ist hierzulande leider noch nicht wirklich in den Fokus der Diskussionen gerückt, vielmehr beschäftigt man sich hauptsächlich damit, wie man Gebäude erhalte und die Finanzen verwalten kann. Das ist zwar nicht unwichtig, sollte sich aber der konzeptionellen Arbeit unterordnen», so Eisner.

Genau sein Versuch, festgefahrene Strukturen von Anfang an zu verändern und die Gemeinde neu zu gestalten, habe auch zu einem Konkurrenzverhältnis zwischen den Kirchenbezirken Erstfeld/Andermatt und Altdorf geführt. Der anfängliche Aufschwung in Altdorf habe bei seinem Amtsantritt Neid in Erstfeld/Andermatt ausgelöst. Das, aber auch seine Vorschläge, dort Gebäude, die nicht mehr so genutzt wurden, abzustossen und die Arbeit aufzuteilen sowie die Solidaritätszuschläge anders fliessen zu lassen, seien abgelehnt worden und hätten nicht gerade zu einer guten Stimmung zwischen den Bezirken beigesteuert, bedauert Eisner.

«Ich wünschte mir für die Zukunft der Kirche in Uri, dass man nicht mehr hinterrücks um Mehrheiten weibelt, sondern dass man sich auf der Suche nach der Wahrheit eine Meinung in einem grossen Gremium wie der Kantonalversammlung bildet, und zwar anhand der verschiedenen Argumente, die man hört.»

Dies bedinge auch ein kritisches Hinterfragen der Art der Kommunikation untereinander. Gerade die Versammlungen der evangelisch-reformierte Landeskirche Uri böten Gelegenheit, Dinge, mit denen man unzufrieden sei, offen ansprechen und klären zu können, ohne dass man den andern verletze – eventuell auch mal ganz oder wenigstens teilweise ohne Medien. «Sonst ist zu befürchten, dass sich unsere Kirche selber demontiert, und das wäre wider die biblische Botschaft.»

Die Ehefrau rät zur Notbremse

Alle Ideen und Visionen bespreche er mit seiner Frau, betont Eisner. «Sie hat mir schon immer unglaublich geholfen, die Dinge von einer anderen Seite zu sehen.» Eisner spricht von einer Art Symbiose: «Wir sind ein Team, das man fast nicht auseinanderkriegt.» Um mit einem Lachen anzufügen: «Uns kriegt man nur im Doppelpack!»

Seine Frau war es auch, welche zur Notbremse geraten hat, als er wegen des Stresses und des Ärgers, den die schwelenden Konflikte im Urnerland unweigerlich hervorriefen, ernsthaft erkrankte. Und wieder überliess er die endgültige Entscheidung dem Herrn und schickte eine einzige Bewerbung los. «Wenn der liebe Gott will, dass ich diesen Kanton verlasse, dann gibt er mir ein Zeichen, dass ich mit 59 Jahren tatsächlich noch eine Pfarrstelle bekomme», habe er sich gesagt. «Wenn ich keine Reaktion bekomme, werde ich hierbleiben und die Sache aussitzen.» Gottes Zeichen ist erfolgt: Er wird schon bald eine neue Stelle in einem anderen Kanton antreten.

«Ich möchte die letzten Jahre meiner Amtszeit nicht ausplätschern lassen, ich stecke immer noch voller Ideen.»

Oft habe er sich gefragt, warum man ihn kaum zum Bleiben aufgefordert habe, warum man ihn auch häufig im Regen habe stehen lassen, warum er so in die Enge getrieben worden sei, dass er seine Bewerbung überhaupt abgeschickt habe. Seine Antwort: «Ich bin jetzt eben für einen anderen Ort berufen. Es geht um den Entscheid, wo Gott mich hinstellen möchte, wo ich vielleicht auch der richtige Mann bin und wo ich etwas bewegen kann», glaubt er. «Für die Zukunft wünsche ich mir in erster Linie Gesundheit, und dass ich weiterhin im Glauben verwurzelt sein darf.» Sehr wichtig sei ihm, zusammen mit seiner Frau weiter im Dienst Gottes unterwegs sein zu können, und dass «ER» sie beide beschützen möge.

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