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Reportage

Dem Urner Wanderpapst Paul Dubacher gehen die Ideen nicht aus

Nach dem Vier-Quellen-Weg hat Paul Dubacher (74) einen magischen Punkt erschlossen – doch das ist nicht sein letztes Projekt.
Florian Arnold
Paul Dubacher bei der dreifachen Kontinentalen Wasserscheide im Gotthardgebiet. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Paul Dubacher bei der dreifachen Kontinentalen Wasserscheide im Gotthardgebiet. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Das Panorama funkelt noch, als wäre es Sommer, doch der Wind bläst hier oben schon eisig. Paul Dubacher nimmt die letzten Stufen. Auf einer viereckigen Steinplatte, die mit tiefen Furchen durchzogen ist, steckt er seinen Wanderstock mitten in eine Vermessungsmarke. «Hier ist der Punkt», sagt Dubacher. Es ist nicht nur der Grenzpunkt zwischen dem Wallis, dem Tessin und Uri – der Punkt auf 3024 Metern über Meer hat geografisch noch eine interessantere Funktion: Es handelt sich um eine «dreifache kontinentale Wasserscheide». Je nach dem, in welche Richtung der Wind gerade bläst, gelangt das Regenwasser, das hier zu Boden fällt, später in ein anderes Weltmeer. Geht es Richtung Süden, fliesst das Wasser in den Ticino ab, der in der Adria mündet. Westlich kommt das Wasser in die Rhone und schliesslich ins Mittelmeer, nördlich in die Reuss und über den Rhein in die Nordsee.

Der Blick von der dreifachen Kontinentalen Wasserscheide Richtung Tessin, das im Nebelmeer versinkt. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Der Blick von der dreifachen Kontinentalen Wasserscheide Richtung Tessin, das im Nebelmeer versinkt. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Der deutsche Forscher Simon Meissner hat den Punkt 2004 im Magazin Geo publik gemacht – und Paul Dubacher hat sich auf eine Anfrage der Korporation Ursern zum Ziel gesetzt, die Wasserscheide mit einem Wanderrundweg zu erschliessen. Wenn im nächsten Frühling der Schnee schmilzt, sollen die letzten Arbeiten angegangen und der Weg 2020 definitiv fertig gestellt werden. Der «Königsabschnitt» unmittelbar neben dem Witenwasserenstock bis zum magischen Punkt ist bereits in einem sehr guten Zustand. Der Weg ist wegen seiner exponierten Lage zwar weiss-blau-weiss ausgeschildert (erhöhte Schwierigkeitsstufe). Allerdings reicht es aus, wenn man Treppen steigen kann. Und da und dort können sich die Wanderer an fest montierten Ketten festhalten.

Paul Dubacher auf dem Wanderweg zur Wasserscheide. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Paul Dubacher auf dem Wanderweg zur Wasserscheide. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Diese Arbeit am Hang verzeiht keine Fehler

Wer sich dem Puzzle-Spiel mit den teilweise tonnenschweren Steinblöcken verschrieben hat, sieht man weiter unten, etwa eine Stunde zu Fuss von der Wasserscheide entfernt. Auf dem Ronggergrat führt der Weg entlang der Urner-Tessiner-Grenze. Teilweise stammen die Wege aus der Zeit, als das Militär im Gotthard-Gebiet Stützpunkte aufstellen liess, um sich im Kriegsfall in die Alpen zurückziehen zu können. Da und dort zeugen Überreste der damaligen Militärbauten von dieser Zeit. Ein grosser Teil der Wege wurde aber neu geschaffen. Ein paar Höhenmeter oberhalb des Cavannapasses trifft man auf Paul Dubachers Brüder Ernst und Ruedi. Sie und ein Zivildienstleistender sind mit schweren Eisenstangen daran, die Gesteinsblöcke in die richtige Position zu bringen. Eine Arbeit, die keine Fehler verzeiht. «Es ist nicht ohne», meint Ruedi Dubacher, der früher einen eigenen Schlossereibetrieb im Kanton Glarus führte.

Zivildienster Max Jaquenoud (rechts), Ernst und Ruedi Dubacher arbeiten am Weg zur dreifachen Kontinentalen Wasserscheide im Gotthardgebiet. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Zivildienster Max Jaquenoud (rechts), Ernst und Ruedi Dubacher arbeiten am Weg zur dreifachen Kontinentalen Wasserscheide im Gotthardgebiet. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Nach seiner Pensionierung konnte ihn Paul Dubacher überzeugen, bei seinen Wanderwegprojekten als örtlicher Leiter mit anzupacken, mittlerweile seit 10 Jahren. In dieser Zeit hat er seine ganz eigene Technik entwickelt. «Anfangs konnte ich einiges von Förstern lernen. Mit der Zeit kommt die eigene Routine», sagt Ruedi Dubacher. «Ich sehe regelrecht, wie man den Stein drehen muss, damit er sitzt.» Bei der Arbeit mit den schweren Kolossen sei Vorsicht geboten und man müsse sich auf das Team verlassen können. «Es braucht trittsichere Leute, die Vertrauen in die Steine haben», erklärt der örtliche Leiter. Bis jetzt sei man mit ein paar Schürfungen und gequetschten Fingern durchgekommen, erzählt er. Mit Sicherheit habe in brenzligen Situationen auch das Glück mitgespielt.

Für den Wanderwegbau konnten die Dubachers jeweils auch auf die Hilfe von Forstgruppen, privaten Unternehmen, Freiwilligen, dem Zivilschutz und dem Zivildienst zählen. Ruedi Dubacher erinnert sich: «Anfangs war ich etwas skeptisch, ob das gut kommt.» Er sei aber eines Besseren belehrt worden. «Die einen mögen etwas mehr, die anderen weniger. Aber alle, die zu uns gekommen sind, haben immer vollen Einsatz gezeigt. Und das ist das wichtigste.»

Ruedi Dubacher weiss, wie er die Steine drehen muss, damit nichts mehr wackelt. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Ruedi Dubacher weiss, wie er die Steine drehen muss, damit nichts mehr wackelt. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Zurzeit mit den Dubachers am Werk ist auch der 25-jährige promovierte Physiker und Chemiker Max Jaquenoud aus Lausanne. «Ich habe mich für diesen Einsatz gemeldet, weil das Projekt spannend klang und es mir die Möglichkeit gibt, eine Region näher kennen zu lernen», so der Westschweizer, der in seiner Freizeit oft klettert und diesem Hobby neben dem Einsatz auch noch gerne nachgeht. «Ich habe schon viel gelernt.» Die Dubachers hätten viel Erfahrung. Doch was treibt diese an, die schwere Arbeit zu verrichten?

Zivildienster Max Jaquenoud und Ruedi Dubacher arbeiten am Hang. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Zivildienster Max Jaquenoud und Ruedi Dubacher arbeiten am Hang. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

«Das Ziel ist es natürlich, die Leute glücklich zu machen», meint Ruedi Dubacher. «Wandern ist sehr beliebt geworden, bei Jung und Alt. Wir machen definitiv etwas für die Gesellschaft.» Praktisch jeder Wanderer, der an ihnen vorbei laufe, sage ihnen Danke. «Ein pensionierter Maurer, der bei uns mithalf, hat mal gesagt, dass er in seinem ganzen Leben noch nie so viel Lob erhalten habe», erzählt der Leiter vor Ort.

Besonders Spass mache es bei gutem Wetter, bei schlechterem müsse man sich schon etwas stärker motivieren. Und wie läuft es unter den drei Brüdern Ernst, Ruedi und Paul Dubacher? «Wir sind nicht immer gleicher Meinung», meint Ernst mit einem grossen Schmunzeln. «Aber wir finden immer irgendwie den Konsens.»

Allein durch Lob lässt sich das Projekt nicht verwirklichen. Der grösste Stein ist für Paul Dubacher die Finanzierung. Bisher ist ihm aber bei all seinen Projekten immer wieder gelungen, genügend Geld zusammen zu bekommen. Dabei hilft ihm sein grosses persönliches Netzwerk, das weit in die Bundespolitik hineinreicht. Die Liste seiner Projekte ist lang: Zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft 1991 war es Dubacher, der mit einer Unterschriftensammlung dazu beitrug, dass der «Weg der Schweiz» rund um den Urnersee doch noch verwirklicht wurde, denn das Projekt war schon tot geglaubt. Noch heute ist der Weg ein Publikumsmagnet.

Wanderrundweg führt zu vollen SAC-Hütten

Später entwickelte der Seedorfer den Vier-Quellen-Weg, der im Gotthardgebiet die Quellen des Rheins, der Reuss, der Rhone und des Ticino miteinander verbindet. «Die Idee dazu kam mir um 3 Uhr morgens», erzählt Dubacher. Er habe die Lust verspürt, einen hochalpinen Rundweg zu erstellen. Als er die Karte genauer studierte, seien ihm die vier Flussquellen ins Auge gestochen. 2012 konnte der gut 85 Kilometer lange Wanderweg eröffnet werden. Die angrenzenden SAC-Hütten wissen das Projekt zu schätzen: Seit der Eröffnung konnte ein grosser Besucherzuwachs verzeichnet werden. An das Wegnetz angeschlossen sind auch die Wander-Varianten, um zur kontinentalen Wasserscheide zu gelangen.

Der heute 74-Jährige ist selber ein begeisterter Läufer. Er kümmert sich jeweils um die Organisation des Gotthard-Marsches, der von Seelisberg quer durch den Kanton auf den Pass führt. Er selber scheint die eintägige Monsterwanderung scheinbar mühelos zu bewältigen. «Das liegt am Training», kommentiert er: Wöchentlich absolviere er sein Fitnessprogramm, zu dem auch Yoga zählt – denn auch ein Macher müsse mal zur Ruhe kommen.

Die Wege zur Wasserscheide sind fast fertig. Dubacher gehen aber die Ideen nicht aus: Schon lange im Kopf hat er einen rund 2 Kilometer langen Rundweg rund um zwei kleine Seen auf dem Gotthardpass. Der Weg soll speziell von Menschen mit Behinderungen benutzt werden können, vor allem mit Rollstühlen. Zurzeit blocken die Tessiner Behörden. Sein grosser Wunsch an die Politik: Die Wanderwege sollen zur Angelegenheit des Bundes gemacht werden, vor allem um arme Gemeinden zu entlasten. Doch wie man den Urner Wanderpapst kennt, wird Paul Dubacher nicht so rasch aufgeben.

Paul Dubacher geht schon wieder weitere Projekte an. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

Paul Dubacher geht schon wieder weitere Projekte an. (Bild: Florian Arnold, 27. August 2019)

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