Die Armut bekommt auf dem Rütli ein Gesicht

Im Musée Grütli ist eine Ausstellung zum Thema Sozialhilfe zu sehen. Porträtiert werden fünf Menschen zwischen 20 und 64 Jahren, die auf Geld vom Staat angewiesen sind.

Markus Zwyssig
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Im Musée Grütli ist eine Ausstellung zum Thema Sozialhilfe zu sehen. Dabei können sich die Besucher auch hinsetzen. Zu gemütlich soll es angesichts des Themas aber doch nicht werden.

Im Musée Grütli ist eine Ausstellung zum Thema Sozialhilfe zu sehen. Dabei können sich die Besucher auch hinsetzen. Zu gemütlich soll es angesichts des Themas aber doch nicht werden.

Bild: Ghislaine Heger (Rütli, 27. Mai 2020)

Für Ghislaine Heger ist es noch immer fast «unglaublich»: Es sei «wunderbar», dass sie die Ausstellung auf dem Rütli realisieren könne. «Das ist ein sehr symbolischer Ort, an dem die Schweiz geboren wurde.» Die Menschen würden lieber weg schauen, wenn es um das Thema Sozialhilfe gehe, sagt Heger. Ein oft gehörtes Vorurteil sei, dass Sozialhilfeempfänger nur auf Kosten des Staats profitieren wollten. «Das Thema ist durch die Coronakrise und den Einbrüchen der Wirtschaft leider sehr aktuell geworden», sagt die Fotografin und Filmerin.

Ghislaine Heger ist Autorin, Fotografin und Filmerin und hat die Ausstellung geschaffen, die im Musée Grütli auf dem Rütli zu sehen ist.

Ghislaine Heger ist Autorin, Fotografin und Filmerin und hat die Ausstellung geschaffen, die im Musée Grütli auf dem Rütli zu sehen ist.

Pd / Urner Zeitung

Ghislaine Heger weiss, wovon sie spricht. Vor 12 Jahren war sie ebenfalls auf Sozialhilfe angewiesen. «Es war furchtbar», erinnert sie sich. Man fühle sich nackt und gedemütigt. Es werde einem gesagt, was man noch dürfe und was nicht. Sie begann Menschen zu porträtieren, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. Dabei zeigte sie auf, wer die Leute sind und weshalb es so weit kam. Es sind Schicksale von Menschen, die in den meisten Fällen Schweizer sind. Sie haben ihren Job verloren, ihr Partner oder ihre Partnerin ist gestorben oder sie sind krank geworden. «Plötzlich ist nichts mehr so, wie es war.»

In der Ausstellung wird in drei Sprachen darauf hingewiesen, dass Sozialhilfe ein Recht ist.

In der Ausstellung wird in drei Sprachen darauf hingewiesen, dass Sozialhilfe ein Recht ist.

Bild: Ghislaine Heger (Rütli, 27. Mai 2020)

Heger ist Autorin, Fotografin und Filmerin des Projekts «Unterbrochene Lebenswege». Seit 2017 hat sie die Ausstellung mit Porträts von Sozialhilfeempfängern an über 15 Orten der Westschweiz gezeigt und parallel zur Wanderausstellung zahlreiche Podiumsdiskussionen und Referate zum Thema Armut und Sozialhilfe organisiert. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG), die das Rütli verwaltet und dort das Musée Grütli leitet, hatte sich bereits bei der Wanderausstellung engagiert.

Ausstellung ist zwei Sommersaisons zu sehen

Weil die Verantwortlichen das Thema sehr wichtig fanden, setzen sie sich für eine entsprechende Bearbeitung mit zusätzlichen Videofilmen und Audio-Beiträgen für das Musée Grütli ein, erklärt Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der SGG. Sie finanzierten die Übersetzungsarbeiten auf Deutsch und Englisch, die Ton-Aufnahmen, Film-Produktionen sowie die technischen Installationen im Musée Grütli. Für die Ausstellung wurde ein 22-minütiger Dokumentarfilm gedreht, der nun auf dem Rütli zu sehen ist. Die Ausstellung wird in diesem und im kommenden Jahr während der Sommersaison gezeigt.

Das Musée Grütli war ursprünglich eine Scheune, die sich auf halbem Weg vom Schiffsteg zum Rütli befindet.

Das Musée Grütli war ursprünglich eine Scheune, die sich auf halbem Weg vom Schiffsteg zum Rütli befindet.

Bild: Ghislaine Heger (Rütli, 27. Mai 2020)

Besucher erstellen ihr eigenes Sozialhilfe-Budget

Für die Ausstellung auf dem Rütli hat Ghislaine Heger zusammen mit dem Szenografen Michia Schweizer eine neue Ausgabe der Ausstellung mit interaktiven Elementen kreiert. Die Besucher sollen dabei mit verschiedenen Sinnen die Verbindung zwischen dem Thema, den beteiligten Personen und der eigenen Existenz erfahren. Die in der Ausstellung porträtierten Menschen sind zwischen 20 und 64 Jahre alt. Ihre Schicksale sind ganz unterschiedlich. Die Gründe für die Notlage liegen in einer Entlassung, einer instabilen beruflichen Situation, einem Unfall, einer Scheidung oder einer gequälten Kindheit. Manchmal wird die Sozialhilfe nur einige Wochen oder Monate benötigt, andernorts während mehrerer Jahre.

Wer die von Armut betroffenen Menschen hört, entdeckt, wie stark und wie rasch ein Lebensweg auf den Kopf gestellt werden kann. In der Ausstellung finden die Besucher zudem Formulare, um ihr eigenes Sozialhilfe-Budget zu erstellen und konkret zu erfahren, welche Ausgaben, die sie bisher für selbstverständlich hielten, mit Sozialhilfe auf einmal nicht mehr drin liegen würden.

Wirtschaftskrise und «working poor» verschärfen das Problem

«Durch die mit der Coronapandemie verbundenen Einbrüche in der Wirtschaft wird das Problem noch verstärkt», ist Heger überzeugt. Dazu kommen die «working poor», Menschen, die arbeiten aber doch nicht genug zum Leben haben. Gäste, die aufs Rütli reisen, wollen in erster Linie den Tag geniessen. Trotzdem hofft Heger, dass sie etwas bewegen kann: «Ich wünsche mir, dass viele Menschen sich die Ausstellung anschauen und über das Thema nachdenken.»

Hinweis: Die Ausstellung auf dem Rütli wird am Samstag, 13. Juni, eröffnet. Das Musée Grütli ist bis Mittwoch vor dem 11. November geöffnet und jeweils von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos gibt es hier.