Leserbrief

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen

Leserbrief zur Absetzung des Urschweizer Generalvikars Martin Kopp.

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Der Apostolische Administrator für das Bistum Chur, Bischof Robert Bürcher, hat den Urschweizer Generalvikar Martin Kopp abgesetzt – aus nicht nachvollziehbaren Gründen. Kaum zu glauben. Die Geschichte wiederholt sich. März 1988: Wolfgang Haas wird zum Weihbischof des Bistums Chur. Die Ernennung erfolgte unter Umgehung der Mitwirkungsrechte des Domkapitels von Chur. Der frühere Obwaldner Bundesrat Ludwig von Moos schrieb – zusammen mit weiteren prominenten Politikern– am 1. Dezember 1988 Bischof Johannes Vonderach in einem Brief, die Umstände der Ernennung habe im Kirchenvolk und Klerus eine verbreitete Beunruhigung ausgelöst, welche die Erfüllung der kirchlichen Aufgaben des Bistums in zunehmendem Mass gefährde. «Unseres Erachtens wird eine weitere Verschärfung des Zwiespaltes nur vermieden, wenn Msgr. Wolfgang Haas von sich aus auf das Recht der Nachfolge verzichtet.»

Dessen ungeachtet wird Wolfgang Haas schliesslich 1990 Bischof und setzt nicht nur die katholische Kirche in der Schweiz, sondern auch ihr Verhältnis zum Staat schweren Belastungen aus: Er regiert selbstherrlich und diktatorisch, lässt keinen Widerspruch zu, umgibt sich mit Leuten seiner Richtung und eliminiert jeden, der eine andere Meinung hat. Und heute?

Unbegreiflich, was nun wieder unter dem Apostolischen Administrator Peter Bürcher in Chur passiert. Wiederum diese Selbstherrlichkeit, diese arrogante Massregelung und Absetzung des beliebten und weitsichtigen bischöflichen Beauftragten für die Urschweiz.

Ja – die Geschichte wiederholt sich tatsächlich: Im Jahr 1947 schrieb der Obwaldner Kantonsrat Josef Durrer in einer Einzelinitiative zum Bistum Chur, der Bischof von Chur zeige für die besonders geartete Mentalität der innerschweizerischen Bistumsangehörigen kein Verständnis. Er habe sogar kirchliche Sonderrechte (päpstliche Privilegien) missachtet. Nicht genug: Schon im Jahre 1861 meinte der Obwaldner Landammann Simon Ettlin, der Bischof von Chur besitze «eine grosse Unkenntnis von der Geistlichkeit, der Regierung, dem Volke und allseitigen Verhältnissen der von ihm administrierten Landesteile» – und forderte ein eigenes Bistum für die Urschweiz.

Man fragt sich, wie lange das Ordinariat in Chur noch so weiterwirken kann. Ist die Kurie nicht besorgt, dass der Einfluss der Kirche so einen immer schwierigeren Stand haben wird, dass insbesondere das Bischofsamt in weiten Kreisen nicht mehr ernst genommen wird? Vor allem junge Leute emigrieren offen oder still aus der kirchlichen Gemeinschaft. Will die römische Amtskirche mit Helfern aus Chur ihre Interessen und Machtansprüche wieder – wie bei der Wahl von Wolfgang Haas – durchsetzen und sich dabei über berechtigte Sorgen und Einwände engagierter Bistumsangehöriger hinwegsetzen?

Angelo Garovi, früherer Staatsarchivar Obwalden, Sarnen