«Die Haft hat mich echt gebrochen»

Am Mittwoch kamen erstmals die beiden Angeklagten zu Wort. Zudem hinterliess ein Kronzeuge einen eher zwiespältigen Eindruck.

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Von links: einer der Laienrichter, der angeklagte Barbetreiber und dessen amtlicher Verteidiger. (Bild: Zeichnung Aleksandra Mladenovic)

Von links: einer der Laienrichter, der angeklagte Barbetreiber und dessen amtlicher Verteidiger. (Bild: Zeichnung Aleksandra Mladenovic)

Selten stösst eine Gerichtsverhandlung in Uri auf so viel Interesse wie der laufende Prozess gegen den Erstfelder Barbetreiber Ignaz W. (44) und den serbisch-kroatischen Doppelbürger Sasa S. (24) aus Wolfenschiessen. Aus diesem Grund finden die Verhandlungen nicht wie üblich im kleinen Gerichtssaal im «Zierihaus» statt, sondern im Landratssaal des Urner Rathauses. Auch die Sicherheitsvorkehrungen sind bedeutend grösser als im Normalfall. Zwei Polizisten bewachen den Eingang zum Landratssaal, vier sitzen im Saal, zwei von ihnen direkt hinter den Angeklagten. Und wer als Zuschauer den Verhandlungen beiwohnen will, der muss vor dem Betreten des Landratssaals eine strenge Sicherheitskontrolle mittels Metalldetektor über sich ergehen lassen.

Waffen von Ignaz W. erhalten

Gestern Mittwoch war der Publikumsaufmarsch besonders gross. Der Grund: Traktandiert war die Befragung eines Kronzeugen (siehe Box) sowie der beiden Angeklagten. Zuerst war die Reihe an Sasa S., der sich wegen versuchten Mordes an N. K., der Noch-Ehefrau von Ignaz W., verantworten muss. Sasa S. machte vor den Schranken einen eher schüchternen Eindruck. Auf die Fragen gab er ruhig und ohne erkennbare Emotionen Antwort. Er betonte gleich einleitend: «Ich habe am 12. November 2010 nicht auf N. K. geschossen.» Sasa S. gab zu, am Tatabend in der «Taverne» gewesen zu sein. «Von dort bin ich dann von einem Angestellten von Ignaz W. nach Hause chauffiert worden, weil ich damals keinen Führerausweis besass.» Die im Dezember 2010 bei einer Kollegin gefundene und als Tatwaffe identifizierte Pistole habe ihm Ignaz W. in der «Taverne» in Erstfeld anvertraut, und zwar unmittelbar nachdem dieser sie von einem Schweizer erhalten hatte. Zudem habe Ignaz W. ihn dafür bezahlt, dass er mehrmals in einem Restaurant in Schattdorf überprüft habe, ob dessen Ehefrau dort arbeite. «Wieso ich das tun sollte, weiss ich nicht.»

«Ein gröberes Kaliber»

Ignaz W. soll gemäss Anklageschrift Sasa S. als «Auftragskiller» angeheuert haben. Der seit November 2010 in Untersuchungshaft sitzende Erstfelder gab gestern klar, gezielt und schnell Antwort auf die diversen Fragen. «Viele halten mich zwar für ein Schlitzohr, vielleicht nicht zu Unrecht», erklärte er. «Denn bei mir und in meinem Umfeld ist sicher einiges nicht sauber gelaufen.» Doch was man ihm hier vorwerfe, das sei «ein gröberes Kaliber» und mache ihm sehr zu schaffen. «Die Haft hat mich verändert, sie hat mich echt gebrochen», antwortete er auf die Frage nach seinem physischen und psychischen Zustand. Ignaz W. betonte aber vehement: «Die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft sind zu 95 bis 99 Prozent falsch.»

Aussagen widersprochen

Den Aussagen von Sasa S. widersprach er in drei Punkten. «Ich habe ihm nie eine Waffe gegeben. Ich weiss nicht, wieso er das sagt», erklärte Ignaz W. Und der erwähnte Schweizer sei am Abend, an dem er Sasa S. angeblich die Tatwaffe übergeben haben soll, gar nicht in der «Taverne» gewesen. Zudem bestritt Ignaz W., dass er Sasa S. beauftragt habe, seine Frau zu «überwachen».

«In einen See geworfen»

Gemäss Anklageschrift soll Ignaz W. im Januar 2010 vor der «Taverne» auf einen Gast geschossen haben. Die Tatwaffe ist gemäss Anklageschrift identisch mit derjenigen, aus der rund zehn Monate später die Schüsse auf N. K. abgefeuert wurden. Ignaz W. meinte auf eine entsprechende Frage seines Verteidigers Linus Jaeggi: «Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich eine Waffe bei mir behalte, wenn ich verdächtigt werde, mit dieser auf eine Person geschossen zu haben. Ich hätte sie dann entweder in einen See geworfen oder sonst irgendwie weit weg gebracht.»

Bruno Arnold

Kronzeuge erinnert sich nur schlecht

Ein deutscher Unternehmer wurde gestern als Kronzeuge befragt. Er hatte sich im Dezember 2010 telefonisch bei der Polizei gemeldet und erklärt, der Mann auf dem Phantombild sei Sasa S. Diesen habe er im Dezember nach Erstfeld chauffiert. In der «Taverne» habe Sasa S. mit einer russischen Bardame über die Tat und das Opfer gesprochen. Das Gespräch sei in den «heiklen Passagen» auf Russisch und sonst auf Deutsch geführt worden. Aufgrund der aufgeschnappten Informationen gehe er davon aus, Sasa S. sei der Täter.

Vokabeln identifizieren

Bei der gestrigen Befragung erklärte der Deutsche, dass er nicht Russisch spreche, sondern «nur ein paar Vokabeln identifizieren» könne. Gezielte Fragen zum Gespräch in der «Taverne» beantwortete er nur dürftig: Seine Erinnerungen seien «nur mehr sehr blass». «Ich stehe aber zu den Aussagen, die ich beim Telefonanruf und bei den Einvernahmen gemacht habe.» Allerdings habe er damals wohl nicht realisiert, welch weitreichende Konsequenzen seine Aussagen haben könnten. Fragen zu seinem Studium beantwortete der Deutsche nur ungern. Er habe unter anderem Rechte studiert, aber nicht abgeschlossen und auch nie an einem Gericht gearbeitet. Er wolle auch nicht den Eindruck erwecken, als Anwalt tätig zu sein. Bei seiner Kanzlei handle es sich um eine Treuhandfirma. «In Amerika»: So lautete die Antwort auf die Frage, wo er seinen Doktortitel erworben habe – an welcher Universität, daran konnte er sich nicht erinnern. Auch sei der Titel seiner Dissertation «Privatgut». Zudem sei er nicht hier, um sich über seinen Werdegang zu äussern, sondern um als Zeuge in diesem Prozess auszusagen.

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