«Die Leute sollen merken, dass Wählen keine Bürde ist»: Diese Urnerin hat eine Wahlhilfe-App entwickelt

Die gebürtige Urnerin Sophie Walker will mit einer App das Wählen attraktiver machen. Sie setzt auf eine Mischung aus der Dating-App Tinder und der Wahlhilfe Smartvote. 

Florian Arnold
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Sophie Walker will mit ihrer App die Politik aufmischen.

Sophie Walker will mit ihrer App die Politik aufmischen. 

Bild: Florian Arnold, 16. Januar 2020

Dunkelrot gefärbte Haare, die zu einem Zopf gebunden sind, eine auffällige Brille, einen rot blinkenden Laptop auf dem Schoss und den Kopf voller Ideen: Sophie Walker geht ohne weiteres als Gamerin durch. Mit dem feinen Unterschied, dass sie die Games selber entwickelt. Mit diesen Künsten hat sich die gebürtige Urnerin nichts Geringeres zum Ziel gesetzt, als den Wahlen in der Schweiz mehr Sex-Appeal zu verleihen. In ihrem Heimatkanton testet die Studentin die Applikation zum ersten Mal öffentlich im grossen Stil.

Die App ist eine Mischung aus der Dating-App Tinder und der Wahlhilfe Smartvote mit den berühmten Spinnennetz-Grafiken: Wischt man nach rechts, bleibt der Kandidat im Rennen, wischt man nach links, ist er raus. Und mit einigen politischen Fragen wird die eigene Meinung mit jener der Kandidaten verglichen. Zum Schluss kann sich jeder sein eigenes Team zusammenstellen. Dass man nicht von «Wahllisten», sondern von einem «Team» spricht, ist ganz bewusst gewählt. Sophie Walker erklärt:

«Ich will Leichtigkeit in die Sache bringen»

«Die Leute sollen merken, dass es keine Bürde ist, wählen zu gehen, sondern dass die Kandidaten Leute sind, die in ihr Team wollen. Das ändert die Perspektive.»

Von Ägypten bis Indonesien

Man merkt es gleich: Sophie Walker liegt das politische System der Schweiz am Herzen. Denn die Tochter eines Botschafters weiss, was es heisst, in anderen politischen Verhältnissen zu leben. Den Kindergarten besuchte Sophie Walker in Berlin, einige Primarschulklassen in Ägypten. Nach einem Aufenthalt in der Schweiz hiess die nächste Destination Indonesien, wo sie an einer deutschen Schule die obligatorische Schulzeit abschloss. Während die Urnerin schliesslich in den Niederlanden zu studieren begann, nahm ihr Vater eine Botschafterstelle in Sri Lanka an – ein heisses politisches Pflaster. «Die Schweiz hat so ein gutes System», so Sophie Walkers Bilanz. Und weiter:

«Ich kann darum nicht verstehen, weshalb viele keinen Gebrauch von ihrem Wahlrecht machen.»

«Schliesslich geht es um die Leute, die für uns Entscheidungen treffen.»

Die Idee, Gamedesign zu studieren, schwirrte in ihrem Kopf herum, seit sie in der Mittelschule einen Vortrag über diesen Beruf hielt. Zum Schulabschluss konnte sie sich neben dem Studium Gamedesign auch noch vorstellen, Tierärztin zu werden. «Ich wollte einfach etwas Sinnvolles bewirken», erinnert sie sich. Ihr Kunstlehrer in Indonesien sprach schliesslich das aus, was den definitiven Entscheid auslöste: «Er hat mir klargemacht, dass man die Entwicklung nicht aufhalten kann, dass immer mehr Kinder auf Smartphones Games spielen. Aber man kann als Gamedesignerin mitbestimmen, welche Games auf den Geräten laufen.» Sophie Walker liess keine Zeit verstreichen und meldete sich an einer Fachhochschule in den Niederlanden an. Ihren Master absolviert sie nun in Zürich.

Während ihres Studiums hat sie sich mit den psychologischen Kniffs befasst, die in Spielen stecken. «Menschen lassen sich durch Games leicht beeinflussen», weiss sie. «Das kann man auch für Sinnvolles nutzen.» Persönlich hat sich Sophie Walker auf Lernspiele spezialisiert. Und mit ihrer Masterarbeit will sie nun herausfinden, wie sich die Game-Mechaniken auf die politische Selbstbildung adaptieren lassen. «Bestenfalls kann so sogar die politische Beteiligung erhöht werden», so ihre Hoffnung.

Testversion ist urnerisch ausgefallen

«Apps funktionieren, wenn sie schnell sind, Spass machen und Emotionen wecken. Diese Dinge verbinden die wenigsten Menschen mit Politik», weiss Sophie Walker.

«Ich nutze nun die Spielmechanik, um eine Brücke zu bauen zwischen ernster Politik und unserem oft von Entertainment-Medien dominierten Alltag.»

Die Testversion ist deshalb auch besonders urnerisch ausgefallen: So wird der Benutzer nicht nur mit dem funkelnden Urner Wappen begrüsst, sondern auch das Menü des Games ist auf «Ürnertyytsch» verfasst. Später möchte sie die Schweiz mit ihrer App erobern. «Wichtig ist sicher, dass ich politisch unabhängig bleiben kann.» Deshalb hofft sie, die App längerfristig mit öffentlichen Geldern finanzieren zu können.

Und was tut die Vielgereiste in ihrer Zukunft? «Vorläufig möchte ich in der Schweiz bleiben, weil es mir hier einfach am besten gefällt. Später schaue ich, wo man mich auf der Welt brauchen kann.»

Hinweis: Die Wahl-App gibt es unter uriwahlapp2020.ch

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