Die Urner Luft ist derzeit reiner als sonst – auch, aber nicht nur wegen der Corona-Massnahmen

Der geringere Strassenverkehr hat einen positiven Effekt auf die Luftqualität in Uri. Einen nachhaltigen Effekt wird dies jedoch nicht haben.

Lucien Rahm
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Die Autobahn A2 wurde im Gotthardbereich am vergangenen Karfreitag kaum befahren.

Die Autobahn A2 wurde im Gotthardbereich am vergangenen Karfreitag kaum befahren.

Bild: Urs Flüeler/Keystone (Wassen, 10. April 2020)

Seitdem der Bundesrat der Schweiz vor rund einem Monat einschneidende Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus verordnet hat und vermehrt von zu Hause aus gearbeitet wird, befinden sich weniger Fahrzeuge auf den Strassen. Das wirkt sich positiv auf die Luftqualität aus. Insbesondere der Ausstoss von Stickstoffdioxid ist dadurch reduziert – was sich auch in Uri bemerkbar macht.

«Wir konnten in den letzten Wochen tatsächlich einen Rückgang beim Stickstoffdioxid beobachten», sagt Niklas Joos-Widmer, Leiter der Abteilung Immissionsschutz beim Kanton Uri, auf Anfrage. Der Strassenverkehr, der die Hauptquelle für diesen Schadstoff sei, habe seit den Coronamassnahmen um 20 bis 50 Prozent abgenommen – «und somit sicher zu diesem Rückgang beigetragen». Im Vergleich zur Vorjahresperiode sei die Stickstoffdioxid-Belastung derzeit durchschnittlich rund 40 Prozent tiefer. «Dieser Unterschied kann aber nicht bloss auf das reduzierte Verkehrsaufkommen zurückgeführt werden, auch die Ausbreitungsbedingungen spielen eine sehr wesentliche Rolle. So war die Belastung schon in den Wochen vor dem Lockdown um rund 20 Prozent geringer als im Vorjahr.»

Stickstoffdioxid-Belastung im Kanton Uri seit Mitte Februar

Tagesdurchschnitt in Mikrogramm pro Kubikmeter
Autobahn A2 (Erstfeld)
Altdorf
16.02.202017.02.202018.02.202019.02.202020.02.202021.02.202022.02.202023.02.202024.02.202025.02.202026.02.202027.02.202028.02.202029.02.202001.03.202002.03.202003.03.202004.03.202005.03.202006.03.202007.03.202008.03.202009.03.202010.03.202011.03.202012.03.202013.03.202014.03.202015.03.202016.03.202017.03.202018.03.202019.03.202020.03.202021.03.202022.03.202023.03.202024.03.202025.03.202026.03.202027.03.202028.03.202029.03.202030.03.202031.03.202001.04.202002.04.202003.04.202004.04.202005.04.202006.04.202007.04.202008.04.202009.04.202010.04.202011.04.202012.04.202013.04.202014.04.202015.04.202016.04.2020010203040

Kein Rückgang beim Feinstaub

Wesentlich für die Luftbelastung seien aber auch das Wetter und die Windverhältnisse. «Im Vergleich zu den beeindruckenden Satellitenaufnahmen, die eine massive Schadstoffreduktion in China oder dem industriellen Ballungsgebiet rund um Mailand aufzeigen, ist die Veränderung bei uns gering.» In Uri sei die Luft bereits vor der Coronakrise deutlich sauberer gewesen als andernorts. Anders sieht die Situation beim Feinstaub aus. «Da können wir bisher keine Reduktion feststellen», so Joos-Widmer. In den vergangenen Tagen sei Saharastaub eingetragen worden, was mit ein Grund dafür sein könne.

Niklas Joos-Widmer, Leiter der Abteilung Immissionsschutz.

Niklas Joos-Widmer, Leiter der Abteilung Immissionsschutz.

Bild: Markus Zwyssig (Erstfeld, 9. September 2017)

Spürbar war, dass der Osterverkehr, der jeweils zahlreiche Fahrzeuge durch den Kanton Uri führt, dieses Jahr ausgeblieben ist. «Das hat dazu geführt, dass nicht einmal zehn Prozent der sonst üblichen Fahrzeuge auf der Nord-Süd-Achse unterwegs waren», sagt Joos-Widmer. «Im Vergleich zu einem typischen Osterwochenende haben wir an der Autobahn nur rund einen Drittel der sonst üblichen Stickstoffdioxid-Belastung gemessen.»

Stickstoffdioxid-Belastung im Kanton Uri

Monatsdurchschnitt in Mikrogramm pro Kubikmeter
Autobahn A2 (Erstfeld) Altdorf
März 2017 30,1 23,2
März 2018 24,1 20,4
März 2019 25,7 18,2
März 2020 15,7 13,8

Bei den Nachbarn herrscht ebenfalls bessere Luft

Auch im Nachbarkanton Obwalden dürfte ein Rückgang stattgefunden haben, auch wenn es im Kanton selber keine kontinuierlich messende Station gibt. Die Daten umliegender Messstationen geben jedoch Anhaltspunkte. Marco Dusi, Dienststellenleiter Umweltschutz beim Kanton Obwalden, führt dies teilweise ebenfalls auf den geringeren Strassenverkehr zurück. Ebenso spiele das Wetter eine Rolle. «In der ersten Lockdownwoche kam Bise auf, was die Schadstoffe zusätzlich verdünnte.» Gleiches trifft auf den Kanton Nidwalden zu. Angela Zumbühl vom Amt für Umwelt sagt, dass sich die Verkehrsreduktion vor allem an stark befahrenen Strassen deutlich auf die Luftqualität auswirke.

Ein langfristiger Effekt dürfte von der momentan tieferen Schadstoffbelastung jedoch nicht ausgehen. Zumbühl sagt:

«Die gesundheitliche Wirkung der Luftschadstoffe ist vor allem eine Frage der chronischen Belastung.»

Mit der Lockerung der aktuellen Massnahmen würden die Verkehrszahlen wohl wieder zunehmen. Und auch Joos-Widmer sagt, dass die Luftbeschaffenheit dann Auswirkungen habe, wenn sie über lange Zeiträume anhalte. «Daher ist der Effekt des Coronalockdown wohl nicht allzu gross.»