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Die Verbannung des «bleichen Tell» aus Altdorf

Bevor das heutige Telldenkmal entstand, war im Urner Hauptort ein unbeliebtes Abbild des Nationalhelden zu sehen.
Karl Horat
Ein Blick auf den Vorgänger des heutigen Tell – und ins Altdorf vor 150 Jahren. (Bild: Smithsonian Archives)

Ein Blick auf den Vorgänger des heutigen Tell – und ins Altdorf vor 150 Jahren. (Bild: Smithsonian Archives)

Eher bleich soll ja der Gessler gewesen sein, zumindest damals, als er auf der Jagd in den Felsen am Hang über dem Schächen-Bach unvermittelt und ganz allein dem Jäger Wilhelm Tell mit seiner Armbrust gegenüberstand. Beinahe in die Knie gegangen sei der Gessler vor Schreck. Und eben das könnte ihrem Mann zum Verhängnis werden, befürchtete Tells Gattin Hedwig – mahnte ihn zu Vorsicht im Umgang mit dem Tyrannen. So wurde die Geschichte festgehalten im dritten Aufzug, erste Szene im Drama von Friedrich Schiller.

So recht gefallen wollte er den Urnern nie, der Tell, der ab 1860 mitten in Altdorf zu stehen kam. So blass, mit seinem seltsam geschürzten Röckchen und all den Federn am Hut. Mit eigenartig nach oben verdrehten Augen stand er da, seinen zweiten Pfeil schwenkend. Er war so gar nicht einer von ihnen, fanden sie. Keiner aus dem Schächental. Aber er war halt ein Schnäppchen – wie man heute sagen würde – Recycling. Die Statue hatte ein Jahr zuvor über dem Eingangstor des Eidgenössischen Freischiessens in Zürich gestanden. Sie war vom Bildhauer Hans Conrad Siegfried aus Gips geschaffen worden. Nach dem Fest hatte die Zürcher Schützengesellschaft die Figur dem Kanton Uri geschenkt, und es sollte ein Platz für sie gefunden werden. So kam es, dass im Sommer der altbewährte Tell des Schwyzer Bildhauers Joseph Benedikt Curiger, ein schlichtes, farbiges und volksnahes Standbild, aus Altdorf weichen musste. Er wurde vom Tellbrunnen entfernt. Der Entthronte fand Asyl in Bürglen und steht da bis heute am Kirchplatz. Anschliessend wurde der neue, gipserne Held aus Zürich auf einen gemauerten Sockel gestellt und am 17. August feierlich eingeweiht.

Postkarte gibt Einblick in Altdorf vor 150 Jahren

Schon seit Langem kennen die Sammler von alten Postkarten das Bild des Gips-Tells mit einer Gruppe weiblicher Wesen verschiedenen Alters zu seinen Füssen sitzend. Die hochformatige Ansichtskarte trägt links unten den Vermerk «J. Keller, Phot. a. Zürich». Gemeint ist Johann Jakob Keller, der um diese Zeit in Zürich-Selnau ein frühes Fotogeschäft betrieb und auch Postkarten herstellte.

Vor kurzem ist im Smithsonian Archiv in Washington D.C. in Amerika das – etwas lädierte – Glasplatten-Negativ aufgetaucht. Dieses zeigt, dass die Postkarte nur ein Ausschnitt war: Das gesamte Foto lässt neben der Statue ins damalige Altdorf blicken: auf Pfarrkirche, St. Anna-Kapelle und Pfarrhelferhaus. Damit ermöglicht sie einen Einblick ins Dorfleben vor 150 Jahren. Frauen und Männer, Schüler und Studenten sind zu sehen. Es war noch Postkutschenzeit, und für den Kanton zeichnete sich gerade ein wirtschaftlicher Aufschwung ab. Uri war jetzt mit der Welt direkt verbunden: Ein paar Jahre zuvor war die Axenstrasse eröffnet worden und der Bau der Gotthard-Eisenbahnstrecke wurde konkret.

Schiller stand nicht eher auf, bevor der Tell fertig war

Etwas gar gestelzte Sprache schien den Einheimischen die Inschrift, welche auf den Sockel gepinselt wurde: «…mit diesem 2. Pfeil durchschoss’ ich euch, wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte – und euch wahrlich hätt’ ich nicht gefehlt.» Typisch Schiller halt. Im Juni 1823 war Schillers Wilhelm Tell den Altdorfern erstmals vorgestellt worden. Eine stattliche Volksmenge wohnte offenbar dem Drama, aufgeführt von einer auswärtigen Schauspielergesellschaft, im Kornhaus auf dem Schächengrund bei, und spendete grosszügig Applaus.

Friedrich Schiller war selbst nie in der Schweiz gewesen. Im Jahr 1803 – in der Zeit als sein Wilhelm Tell entstand – machte ihm seine Tuberkulose schon schwer zu schaffen, und er konnte nicht zu Recherchen an die Schauplätze des Dramas reisen. Die Hintergrundinformationen zum Schweizer Freiheitshelden lieferte ihm sein Freund Johann Wolfgang von Goethe. Ein Tellspiel, ein «hüpsch Spyl», war seit dem Jahr 1512 in Altdorf verbürgt. Den Text zu diesem dürfte Schiller wohl bekommen haben.

Überhaupt rühmte sich Goethe, Schiller ausgezeichnetes Anschauungsmaterial geliefert zu haben. Er schilderte aber auch, wie sehr sich Schiller in die Materie vertieft habe: «Er fing damit an, alle Wände seines Zimmers mit so viel Spezialkarten der Schweiz zu bekleben, als er auftreiben konnte. Nun las er Schweizer Reisebeschreibungen, bis er mit Weg und Stegen des Schauplatzes des Schweizer Aufstandes auf das Genaueste bekannt war. Dabei studierte er die Geschichte der Schweiz; und nachdem er alles Material zusammengebracht hatte, setzte er sich über die Arbeit, und buchstäblich genommen stand er nicht eher vom Platze auf, bis der Tell fertig war. Überfiel ihn die Müdigkeit, so legte er den Kopf auf den Arm und schlief. Sobald er wiedererwachte, liess er sich nicht, wie ihm fälschlich nachgesagt worden, Champagner, sondern starken schwarzen Kaffee bringen, um sich munter zu halten. So wurde der Tell in sechs Wochen fertig; Wilhelm Tell ist aber auch wie aus einem Guss.»

Zwei Wettbewerbe für neue Statue abgehalten

Gipsfiguren wie die Gabe aus Zürich konnten eine ganze Weile im Freien stehen. Es bildet sich auf ihnen eine natürliche Patina. Aber nach zehn Jahren und mehr draussen im Wetter wurde die Heldengestalt unansehnlich und begann zu verrotten. Verständlich, dass die Urner Regierung die Initiative für ein neues Telldenkmal ergriff. Erste Sondierungen datieren ins Jahr 1885. Der entscheidende Beschluss wurde aber erst drei Jahre später gefasst: Gustav Muheim, Landammann und Ständerat von Altdorf, wurde zur treibenden Kraft für ein imposanteres Tell-Denkmal und er war zugleich auch Präsident der dafür neu gegründeten Kommission.

Das Ziel wäre gewesen, dass das Monument, als künstlerischer Beitrag des Kantons Uri zum nationalen Jubiläum 600 Jahre Eidgenossenschaft 1891, dastehen würde. Doch Planung und Ausführung dauerten länger. Für die Tellstatue wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben und von überall her wurden massstäblich verkleinerte Gipsmodelle eingereicht. Es wird gemunkelt, dass nach der Jurierung ein anderer Entwurf als derjenige von Richard Kissling als Sieger feststand. Als das Urheber-Couvert geöffnet wurde, sei da der Name Gustav Siber auf der Karte gestanden. Der blutjunge Schüler von Richard Kissling wurde aber als zu unerfahren und zu unbekannt befunden, um eine Statue des Nationalhelden zu realisieren.

Beim zweiten Wettbewerb überarbeitete der Meister seine Figur nach den Wünschen der Auftraggeber. Die heute überall präsente Ikone entstand: Er modellierte den Tell, der mit geschulterter Armbrust talwärts schreitet, in jenem idealisierenden Realismus, der zu Ende des 19. Jahrhunderts angesagt war: Ein Nationalheld, muskelbepackt und kraftstrotzend, zu dem sein Sohn Walter bewundernd aufschaut. Willen und Tatkraft wollte Kissling zeigen, was er als wichtigste männliche Eigenschaften erachtete. Der zweite Preis ging an Robert Dorer, der Dritte an Raimondo Pereda. Gustav Siber belegte diesmal den vierten Platz.

Die in Bronze gegossene Statue des Siegers wurde am 28. August 1895 auf dem Rathausplatz in Altdorf mit grossem Pomp enthüllt und eingeweiht. Tell hatte in Altdorf Einzug gehalten. Der Vorgänger – der bleiche Tell – wurde daraufhin zerhackt. Zu Gips.

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