Die Zahl der Lastwagen sinkt weiter – Alpen-Initiative relativiert und ist gar nicht zufrieden

Knapp 900’000 Lastwagen fuhren im vergangenen Jahr durch die Alpen. Für die Umweltorganisation ist das Verlagerungsziel noch lange nicht erreicht – sie fordert daher griffige Massnahmen.

Markus Zwyssig
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Das Schwerverkehrszentrum in Erstfeld. Die Alpen-Initiative möchte den Schwerverkehr von der Strasse auf die Schiene verlagern.

Das Schwerverkehrszentrum in Erstfeld. Die Alpen-Initiative möchte den Schwerverkehr von der Strasse auf die Schiene verlagern.

Bild: Eveline Beerkircher (Erstfeld, 18. Februar 2019)

898’000 Lastwagen und Sattelschlepper fuhren im vergangenen Jahr durch die Schweizer Alpen. Das sind 42’000 weniger als im Jahr davor. Und es sind rund 500’000 Lastwagen weniger als im Jahr 2000, als mit der Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) und der schrittweisen Zulassung von 40 Tönnern neue Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Das hält das Bundesamt für Verkehr (BAV) in einer am Dienstag veröffentlichten Mitteilung fest.

Michael Müller, Mediensprecher Bundesamt für Verkehr

Michael Müller, Mediensprecher Bundesamt für Verkehr

PD

Gemäss dem Bericht des BAV wurden im Vergleich zum Jahr 2018 auf Strasse und Schiene weniger Güter durch die Alpen transportiert. Es war ein Minus um 4,6 Prozent zu verzeichnen. Da aber auch die Bahnen weniger Güter transportierten, beträgt ihr Anteil am gesamten alpenquerenden Güterverkehr unverändert 70,5 Prozent. «Hauptursache für die Abnahme der Gütertransporte ist die abgeschwächte Konjunktur insbesondere in Italien», sagt Michael Müller, Mediensprecher des BAV, auf Anfrage. Es würden bei solchen Statistiken aber immer mehrere Gründe mitspielen. Für ihn ist klar:

«Wir haben schon viel erreicht und sind auf einem guten Kurs.»

Wenn man die verschiedenen Massnahmen zur Verlagerung des Schwerverkehrs wie beispielsweise die Neat oder die Schwerverkehrsabgabe nicht hätte, wären 800’000 Lkw mehr unterwegs.

Gemäss Gesetz hätte das Verlagerungsziel von 650’000 Lastwagenfahrten durch die Schweizer Alpen bis zwei Jahre nach Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels, also 2018, erreicht werden sollen. Um diesem Ziel näher zu kommen, wollen Bundesrat und Parlament die Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene mit verschiedenen Massnahmen weiter stärken. Dafür sind unter anderem zusätzliche Mittel für Betriebsbeiträge zu Gunsten des alpenquerenden Schienengüterverkehrs und Anpassungen bei der LSVA vorgesehen. Ausserdem werden die Trassenpreise für Züge gesenkt und für lange Güterzüge ein Sonderrabatt gewährt.

Der Marktanteil der Schiene bleibt bei gut 70 Prozent. Mehr als zwei Drittel der Güter werden mit Containern, Wechselbehältern und Sattelaufliegern als unbegleiteter kombinierter Verkehr (UKV) durch die Alpen transportiert. «Die Qualität des alpenquerenden Schienengüterverkehrs hat sich 2019 zwar leicht verbessert», so das BAV. «Wegen zahlreicher Baustellen, der Verzögerungen bei der Fertigstellung der Neat-Zulaufstrecken im Norden, ungenügender Pünktlichkeit sowie mangelhafter Abstimmung zwischen den verschiedenen Akteuren ist die Situation jedoch weiterhin nicht zufriedenstellend.»

Für die Alpen-Initiative kommen Zahlen «einer Stagnation» gleich

Django Betschart ist stellvertretender Geschäftsleiter der Alpen-Initiative und Leiter Alpenschutzpolitik.

Django Betschart ist stellvertretender Geschäftsleiter der Alpen-Initiative und Leiter Alpenschutzpolitik.

PD

Die Alpen-Initiative ist gar nicht glücklich mit den aktuellen LKW-Zahlen des Bundesamts für Verkehr (BAV) und relativiert sie. «Wir bewerten den Rückgang nicht als Erfolg. Nicht einmal als kleinen», sagt Django Betschart, Leiter Alpenschutzpolitik bei der Alpen-Initiative. Vielmehr sei dies eine Stagnation. «Berücksichtigt man die vom Bund angeführte Konjunkturschwäche in Italien und betrachtet die 4,6 Prozent weniger Güterverkehr über die Alpen auf Strasse und Schiene insgesamt, ist gemäss Adam Riese gar nichts passiert.»

Die Alpen-Initiative interessiere sich primär dafür, dass sich der Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene erhöht. «Dieser bleibt aber bei rund 70 Prozent», stellt Betschart fest. Für die Alpen-Initiative zeigen die Zahlen einmal mehr: Die gesetzlich verankerte Verlagerung kommt nur stockend voran. «Weil der Rückgang der Lastwagenbewegungen wirtschaftlich bedingt ist und der Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene bei rund 70 Prozent verharrt, haben wir 2019 in Sachen Verlagerung so gut wie nichts erreicht», warnt Jon Pult, Bündner Nationalrat und Präsident der Alpen-Initiative, in der Mitteilung. «Auch ein zwischenzeitlich stärkerer Rückgang des alpenquerenden Lastwagenverkehrs infolge der Coronakrise sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass für eine baldige Realisierung des alpenverträglichen Verlagerungsziels von der Politik mehr Engagement gefragt ist.»

Alpen-Initiative fordert Kostenwahrheit

Mit der Fertigstellung des Ceneri-Basistunnels und des 4-Meter-Korridors auf der Gotthardachse ab Dezember 2020 sei das Milliardenprojekt Neat bald vollendet, und die nötigen Kapazitäten auf der Schiene würden bereitstehen, so die Alpen-Initiative. «Zudem hat der Bundesrat mit den im Verlagerungsbericht 2019 vorgestellten Massnahmen wieder Dynamik in die schweizerische Verlagerungspolitik gebracht.» Auch der Nationalrat habe sich jüngst zur Verlagerung auf die klimafreundliche Schiene bekannt, indem er Anfang März eine Weiterführung der Betriebsbeiträge für den alpenquerenden unbegleiteten kombinierten Verkehr abgesegnet und gleichzeitig den Bundesrat dazu aufgefordert habe, mit Frankreich und Belgien über eine alternative Neat-Zulaufstrecke zu verhandeln.

«Um das seit zwei Jahren überfällige Verlagerungsziel zu erreichen, werden diese Schritte allerdings nicht ausreichen», heisst es in der Mitteilung der Alpen-Initiative. Besonders beim Strassengüterverkehr seien nun griffige Massnahmen angezeigt. «Unserer Gesellschaft entstehen jährlich massive ungedeckte Kosten durch den Strassentransport. Um Kostenwahrheit und gleich lange Spiesse zwischen der Bahn und der Strasse zu schaffen, muss die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe entsprechend den Spielräumen des Landesverkehrsabkommens mit der EU maximal ausgeschöpft oder eine Alpentransitabgabe für den Schwerverkehr eingeführt werden», hält Jon Pult fest.

In einem zweiten Schritt müsse bei der LSVA möglichst bald auch der CO₂-Ausstoss des jeweiligen Fahrzeugs berücksichtigt werden. «So werden Umwelt- und Klimaschäden fair und verursachergerecht abgegolten. Ganz nach dem Motto: Wer mehr CO₂ ausstösst, zahlt auch mehr», so Pult.