Diese Seedorferin bereitet sich online auf ihre Läufe vor

Die Orientierungsläuferin Deborah Stadler erzählt, was ihr dabei geholfen hat, an der Studenten-EM Gold zu holen und wie sie gleichzeitig ihr Studium an der ETH Zürich meistert.

Interview: Alexandra Gisler
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Fokussiert läuft Deborah Stadler in Olomouc ihrem EM-Titel entgegen. (Bild: PD/Jan Honkys)

Fokussiert läuft Deborah Stadler in Olomouc ihrem EM-Titel entgegen. (Bild: PD/Jan Honkys)

Vom 24. bis 27. Juli fanden im tschechischen Olomouc die Europameisterschaften der Studierenden statt. Deborah Stadler aus Seedorf nahm mit dem Team der ETH Zürich teil. Nebst zwei Diplomrängen im Sprint und über die Mitteldistanz gewann sie am letzten Wettkampftag zusammen mit ihrer Staffelkollegin Katrin Müller EM-Gold in der Sprintstaffel. Die gegenwärtig beste Urner Orientierungsläuferin erzählt im Interview von ihren Erfolgen an der Studenten-EM in Tschechien und ihren nächsten Zielen.

Welche Gefühle oder Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf als Sie die EM-Goldmedaille umgehängt bekamen und die Nationalhymne für Sie gespielt wurde?

Deborah Stadler: Ehrlich gesagt ist mir da nicht so viel durch den Kopf gegangen. Ich habe es einfach genossen, zusammen mit meiner Kollegin, mit welcher ich sonst auch viel trainiere, dort oben stehen zu dürfen. Ich fand es schön, diesen Moment mit meinen Freunden teilen zu dürfen und es gibt einem auch die Bestätigung für den Effort, den man tagtäglich dafür investiert.

Wie geht es jetzt nach dem 6. Rang im Sprint, dem 5. Rang über die Mitteldistanz und dem Sieg in der Sprintstaffel bei Ihnen weiter?

Ab September finden Testläufe statt, an denen man sich für den Weltcup in der Schweiz und den Weltcupfinal in China qualifizieren kann. Ich versuche da, mich bestmöglich zu präsentieren, um einen Platz im Team zu ergattern. Die Schweiz hat ein Kontingent von je acht Läuferinnen und Läufern für die Startplätze in China zu vergeben. Am Weltcup in der Schweiz werden mehr Startplätze zur Verfügung stehen.

Sie kommen nach einer Fussverletzung zurück. Wie haben Sie sich davon erholt und wie haben Sie sich auf diese Wettkämpfe vorbereitet?

Vom Fuss her wusste ich nicht so recht, wie es klappen würde. Es war mehr eine Feuerwehrübung. Ich habe vorgängig einzelne Testläufe gemacht. An der technischen Vorbereitung habe ich nichts geändert: Kartenstudium und mit Google-Street View einzelne Details genauer studiert.

Sich mit Google Street View vorbereiten – ist das üblich?

Dies ist eine gute Möglichkeit, falls vom Gebiet her eine Street View vorhanden ist. Schwierige Stellen können vorgängig schon studiert werden. Es hat sich für die Studenten-EM in diesem Fall gelohnt, da dies für die eine oder andere Routenwahl entscheidend war.

Während eines Orientierungslaufes kommt man an Orte, die man sonst nicht durchlaufen würde und sieht manchmal ganz faszinierende Landschaftsformationen. Nimmt man das während eines Wettkampfes auf diesem Niveau noch wahr?

Meistens registriere ich schöne und spezielle Sachen. Oft überlege ich nicht weiter, sondern fokussiere mich auf den Lauf. Während des Trainings ist dies eher möglich. Während eines Wettkampfes fokussiere ich mich aber auf den Lauf.

Das Team der ETH Zürich bestand an der EM aus 13 Mitgliedern. Mit insgesamt 11 von 21 möglichen Medaillen wart ihr die erfolgreichste Universität an dieser EM. Wird auf die besonderen Bedürfnisse von Sportlern an der ETH Zürich speziell eingegangen?

Es geht. Theoretisch gibt es kein grosses Entgegenkommen bei Prüfungen. Möglich ist es, das Studium zu verlängern, um so das Pensum zu reduzieren. Cool ist es, wenn das Studium schon fortgeschritten ist und man die Professoren und Dozenten schon kennt. Denn man ist auf den Goodwill der Professoren angewiesen. Wenn man vorgängig mit ihnen Kontakt aufnimmt und sie informiert, kommen die Professoren einem entgegen, sofern die Leistungen im Studium stimmen. Individuell ist dann einiges möglich, um Prüfungsblocks aufzusplitten oder nachzuholen.

Als Kind und Jugendliche haben Sie viele Sportarten ausprobiert und sind schliesslich beim Orientierungslauf hängen geblieben. Was macht die Faszination dieser Sportart für Sie aus?

Für mich ist OL die mit Abstand abwechslungsreichste Sportart, die ich kenne. Bei jedem Training oder Wettkampf gibt es eine neue Challenge, einen neuen Wald, einen neuen Stadtteil oder eine neue Aufgabe. Man ist in der Natur, sieht vieles, ist viel unterwegs. Man sieht viele Teile der Welt, die man sonst nicht sehen könnte. Mich hat Ausdauersport schon immer interessiert. Mit einer Karte in der Hand ist es aber viel interessanter als nur Laufen. Ich habe durch den OL-Sport auch viele Freunde und Kollegen gefunden. OL-Läufer sind umgänglich und unkomplizierte Leute.

Sie sind die zur Zeit erfolgreichste Urner Orientierungsläuferin, die OLG KTV Altdorf ist Ihr Stammverein. Über das Zentralschweizer OL-Nachwuchskader (Zes-OL-Nak) haben Sie sich weiter bis zum Nationalkader OL Elite B hinaufgekämpft. Was sind Ihre nächsten Ziele?

Langfristig möchte ich mich an der Weltspitze etablieren, feste Startplätze an den Weltcups haben. Für nächstes Jahr wäre ein Startplatz für die WM optimal. Neu wird die WM in eine Wald- und in eine Stadt-WM aufgesplittet. Für die Stadt-WM rechne ich mir höhere Chancen für eine Qualifikation aus. Der Abstand zur Weltspitze ist da kleiner, ich fühle mich in der Stadt wohler und ich konnte meine bisher grössten Erfolge im Stadtsprint feiern. Die Studenten-WM im nächsten Jahr ist ebenfalls ein sehr wichtiges Ziel.

Nebst der OLG KTV Altdorf gehören Sie noch einem schwedischen Verein an. Ein Muss für Elite Läuferinnen?

Ein Muss ist es nicht gerade. Die Zugehörigkeit zu einem schwedischen OL-Verein ist sehr hilfreich. Es stehen zusätzliche Trainingsmöglichkeiten und Trainingslager zur Verfügung. Mit dem Verein zu trainieren ist möglich und man hat einen Austausch zu anderen OL-Läufern im Verein. Zu meinem Verein gehören noch andere Skandinavier: Dänen, Finnen und Norweger. Es gibt aber in der Schweiz auch OL-Läufer, die keinem Skandinavischen Verein in Schweden angehören. Viele Schweizer OL-Clubs sind gross genug, um abwechslungsreiche Trainingsmöglichkeiten anzubieten.

Sie studieren an der ETH Zürich Erdwissenschaften und gehören dem Kader OL Damen Elite B an. Wie bringen Sie Studium und Spitzensport unter einen Hut?

Beides braucht viel Aufwand, viel Zeit für anderes bleibt da wirklich nicht mehr. Wichtig ist die Balance zwischen beidem zu finden. Wenn man das gut kann, gibt dies eine Abwechslung. So kann es sein, dass wenn es das Studium zulässt, ich dem Sport mehr Gewicht zumessen kann oder umgekehrt.

Gibt es da noch Raum und Luft für anderes als OL und Studium?

Grundsätzlich ist beides sehr zeitintensiv. Ich habe nicht viel Freizeit. Mein Freundeskreis hängt vor allem mit dem Sport oder mit dem Studium zusammen. So liegt zwischendurch auch mal ein Glace zu essen an einem Abend oder einen kurzen Ausflug an den See zu machen drin.