«Dieses Urteil ist nicht extrem»

Der Fall Ignaz W. und Sasa S. beschäftigt weiter. Rechtsprofessor Martin Killias glaubt, dass auch Laien die Glaubhaftigkeit eines Zeugen richtig einschätzen können.

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Martin Killias, Strafrechtsprofessor von der Universität Zürich. (Bild: Keystone)

Martin Killias, Strafrechtsprofessor von der Universität Zürich. (Bild: Keystone)

War der Fall Ignaz W. und Sasa S. eine Schuhnummer zu gross? Kennen sich die Urner untereinander nicht zu gut? Die «Neue Urner Zeitung» hat bei Strafrechtsprofessor Martin Killias von der Universität Zürich nachgefragt.

Martin Killias, ist das Strafmass des Landgerichts Uri gerechtfertigt?

Killias: Als Aussenstehender kenne ich von den Fakten nicht mehr, als die Medien berichteten. Aufgrund der Annahmen des Gerichts über den Tathergang scheint die rechtliche Qualifikation als Mord aber plausibel, das Strafmass auch. Bei einem Mordversuch sind Strafen von 10 und 8,5 Jahren eher tief, aber im landesüblichen Rahmen.

Ignaz W. stand bereits viele Male vor Gericht: vor allem wegen Körperverletzung und Drohung. Auch einer breiten Öffentlichkeit ist er bekannt. Erhöht das den Druck auf das Gericht, dass der Angeklagte auch entsprechend verurteilt wird?

Killias: Wenn jemand extrem negativ bekannt ist, dann kann sich das allenfalls auswirken. Das kann es aber fast noch stärker geben bei einer Vorverurteilung durch die Medien. Aber dieses Urteil ist nicht extrem, eher schon massvoll.

8000 Seiten Akten in 19 Bundesordnern und ein zwei Wochen langer Prozess. Sind Laienrichter mit so einem grossen Fall nicht überfordert?

Killias: Einerseits ist der Aufwand gross. Es ist schwierig, den Papierkrieg zu bewältigen. Andererseits war der Sachverhalt umstritten. Es geht darum, ob man einem Zeugen oder einem Angeklagten glauben kann oder nicht. Das ist keine juristische Frage. Es geht vielmehr um den gesunden Menschenverstand. Ein Laienrichter kann das gleich gut einschätzen wie ein Berufsrichter. Auch wenn es um das Strafmass geht, sind Laien nicht schlechter. Man muss als Laie nur das System begreifen.

In einem kleinen Kanton wie Uri kennt jeder jeden. Wie anspruchsvoll ist da die Aufgabe der Richter?

Killias: Sich zu kennen, ist immer ein Problem. In einem grossen Kanton fühlen sich alle anonym. Wenn sich dort dann herausstellt, dass sich zwei kennen, ist das eher ein Problem. Doch in beiden Fällen gilt: Es gibt klare Ausstandsregeln, und die funktionieren in den meisten Fällen gut. Die blosse Tatsache, dass man sich kennt, ist aber kein Ausstandsgrund. Der Fall zeigt: Der einheimische Barbetreiber aus dem Kanton Uri hat eine härtere Strafe erhalten, als der serbisch-kroatische Doppelbürger. Hier kommt der Einheimische aber stärker dran.

Bereits vor der Urteilsverkündung war klar, dass mit grösster Wahrscheinlichkeit noch eine höhere Instanz über den Fall richten muss. Hat dies das Landgericht beeinflusst?

Killias: In der Regel geben sich alle Mühe, korrekt zu arbeiten und keine Fehler zu machen. Es ist gut, dass zwei Instanzen Tatsachen frei überprüfen können. Sowohl für die Anklage, wie auch für die Verteidigung. Früher gab es in vielen Schweizer Kantonen nur eine Instanz. Da konnte es vorkommen, dass ein Überraschungszeuge aufgetaucht ist oder jemand etwas erzählt hat, worauf man nicht gefasst war. Wenn dann jemand nicht richtig reagieren konnte, verlor er den Prozess. Heute kann eine zweite Instanz korrigierend eingreifen. Das reduziert die Wirkung solcher inszenierter Auftritte.

Interview: Markus Zwyssig / Neue UZ

Das Strafmass

Altdorf MZ. Das Landgericht Uri hat den Erstfelder Barbetreiber Ignaz W. wegen versuchten Mordes in Mittäterschaft und der Gefährdung des Lebens zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Auftragskiller Sasa S. muss wegen versuchten Mordes in Mittäterschaft 8½ Jahre hinter Gitter. Die Verteidiger wollen das Urteil aber ans Obergericht weiterziehen.

Alle vergangenen Beiträge zum Prozess lesen Sie auf www.urnerzeitung.ch/gerichtsprozess