Reportage
Drei Hunde gehen auf Schatzsuche

Schatzsuche ist eine junge Disziplin an Hundeschulen. Auch in Uri wird diese immer beliebter. Ein Trainingsbesuch in Altdorf.

Christian Tschümperlin
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Hund Jero von Melanie Eller hat mit seiner Nase das richtige Kästchen aufgespürt. (Bild: Christian Tschümperlin, 9.7.2019)

Hund Jero von Melanie Eller hat mit seiner Nase das richtige Kästchen aufgespürt. (Bild: Christian Tschümperlin, 9.7.2019)

Die Schatzsuche fasziniert nicht nur Kinder und Abenteurer seit jeher. Auch Hunde sind davon begeistert. Auf dem Gelände von Uri-Dog in Altdorf treten am Dienstagabend drei Hunde mit ihren Besitzern zur Schatzsuche an. Woodie von Renate Baumann aus Flüelen ist eine von ihnen. Vor sieben Jahren fand man die Mischlingshündin bei der Raststätte in Erstfeld, wo diese ausgesetzt wurde. Baumann nahm sie auf.

Interessiert schnüffelt Woodie an einem Stück Holz, das ihr Baumann hinreicht. Die Hündin weiss jetzt genau, was ihr Ziel ist: Sie hat die Aufgabe, ein anderes Stück Holz zu finden. Dieses ist irgendwo in einem Haufen aus alten Brockenhaus-Gegenständen versteckt. Beim Material kann es sich um Kleinstgegenstände handeln wie einem Stück Gummi, Kork, Leder oder eben Holz. «Die Hunde können diese Materialien am Geruch unterscheiden. Sie finden das Material selbst dann, wenn es nicht sichtbar ist und beispielsweise unter einem Stein liegt», sagt Hundetrainerin Nives Gal aus Attinghausen.

Manchmal wird nach dem Falschen geschnüffelt

Aber aufgepasst! Manche Hunde sind clevere Trickser. Sie orten nicht den Holz-Geruch, sondern den einfacher zu findenden Geruch des Trainers, der seine Spuren auf dem versteckten Gegenstand hinterliess. Deshalb hatte Gal alle möglichen Brocken berührt, bevor sie Woodie wieder in den Raum liess. «Such!» ruft Baumann wenig später und macht eine Handbewegung. Der Vierbeiner legt los.

«Woodie arbeitet sehr sorgfältig und genau und dadurch eher etwas langsamer», kommentiert Gal. Nach einer halben Minute bleibt die Hündin aber bereits stehen und zeigt mit ihrer Nase auf einen Stein, dann legt sie sich auf den Boden. «Es geht darum, dass der Hund eine möglichst ruhige Anzeige entwickelt. Der Hund geht mit der Nase an den Gegenstand heran und versucht, ihn nicht zu berühren. Denn bei Sprengstoff wäre eine Berührung hochriskant», so Gal.

Renate Baumann mit ihrer Woodie. Auch Woodie hat den Test bestanden. Bild: Christian Tschümperlin (9.7.2019)

Renate Baumann mit ihrer Woodie. Auch Woodie hat den Test bestanden. Bild: Christian Tschümperlin (9.7.2019)

Kork statt Koks, 
Leder statt Sprengstoff

«SchaSu» (Schatzsuche) ist eine junge Schweizer Hundesport-Disziplin, eine Adaption der deutschen Sportart ZOS (Ziel-Objekt-Suche). Der Ursprung der Sportart liegt denn auch in der Ausbildung von professionellen Spürhunden. Statt Kokain oder Sprengstoff suchen die privaten Hunde aber Kork oder Leder. Doch welchem Zweck dienen diese Übungen? Etwa zum finden von verlorenen Autoschlüsseln? Das sei ihr noch nie passiert, sagt Baumann. Aber sofern ein zweiter Schlüssel als «Referenz» vorhanden wäre, sei eine solche praktische Suche denkbar. Primär gehe es aber um den Spass.

Die zweite Disziplin spielt auf einer 200 Quadratmeter grossen Wiese, auch «Zone» genannt. Auf dieser wird wiederum ein Gegenstand versteckt. «Der Hund arbeitet nicht über die Augen. Ein Gegenstand im Gras ist für den Hund nicht sichtbar», sagt Gal. Die Hündin Qaja von Sascha Brand aus Schattdorf macht sich parat. «Ich trainiere mit ihr ‹SchaSu› seit sie ein Welpe ist, also etwa, seit sie 12 Wochen alt ist», sagt Brand. Inzwischen ist sie zweieinhalbjährig. «Man kann in jedem Alter mit dem Training beginnen, also schon sehr früh», ergänzt Gal. Einige Hunde hätten etwas länger, bis sie eine ruhige Anzeige entwickelten, aber das Suchen, das liegt ihnen in den Genen.

Hündin Qaja von Sascha Brand aus Schattdorf hat in einer 200 Quadratmeter grossen Wiese einen kleinen Gegenstand erschnuppert. Bild: Christian Tschümperlin (9.7.2019)

Hündin Qaja von Sascha Brand aus Schattdorf hat in einer 200 Quadratmeter grossen Wiese einen kleinen Gegenstand erschnuppert. Bild: Christian Tschümperlin (9.7.2019)

Qaja sucht die Wiese in einem Zick-Zack-Kurs ab. «Es gibt Hunde, die bieten von alleine ein Such-System an. Andere Hunde brauchen eine Hilfe», erklärt Gal. In letzterem Fall platziert sie den zu findenden Gegenstand beim ersten Durchlauf immer in der rechten oberen Ecke. «So entwickelt der Hund eine Erwartung und wird auch in Zukunft zuerst in der rechten oberen Ecke suchen.» Qaja mache das aber perfekt: Sie bleibt mit der Nase ganz unaufgeregt am Boden und lässt sich durch Nichts und niemanden ablenken.

Wenn Hunde die Angst 
von Menschen wittern

Eines wird offensichtlich: Hunde leben immer in einer Geruchswelt. «Die Vierbeiner können die Spuren von Menschen verfolgen, wenn diese schon über 24 Stunden alt sind, wenn es in der Zwischenzeit schon geregnet hat, und wenn der Föhn geht», sagt Gal. Gewisse Hunde könnten sogar Diabetes oder Krebs erkennen. Auch ob ein Mensch Angst hat oder nicht, riechen sie an den Hormonausschüttungen. «Wichtig ist es, sich dann adäquat zu verhalten, also möglichst defensiv», sagt Gal. Als provokativ erlebten Hunde beispielsweise, wenn man sie anstarre, auf sie zugehe oder mit den Armen herumfuchtle. Das solle man also vermeiden.

Auch im fortgeschrittenen Alter noch möglich

Die Schatztruhen-Gasse ist die dritte und letzte Disziplin. Hier können alle drei Hunde nochmals zeigen, was sie können. Auf einer Linie werden an die zehn Kübel platziert, in denen sich jeweils mehrere Löcher befinden, hinter denen die Gegenstände in Dosen versteckt werden können. Jero von Besitzerin Melanie Eller aus Schattdorf ist schon ein etwas älteres Semester. Er hat mit 8 Jahren angefangen, Schätze zu suchen. Die beiden gehen in Position.

Hunde-Trainerin Nives Gal.

Hunde-Trainerin Nives Gal.

«Man will sehen, dass der Hund erst dann zum nächsten Kübel geht, wenn die Besitzerin ihm den Kübel frei gibt. Dabei soll er ruhig aber intensiv suchen, motiviert aussehen aber nicht übermotiviert», sagt Gal. Nach dem ersten Kübel geht Jero einfach weiter zum nächsten Kübel, ohne das Zeichen abzuwarten. Wie würde Gal reagieren? Gäbe es gar eine Strafe?

Der Hund soll mit der Arbeit nur Positives verbinden

«Es ist tabu, Hunde zu bestrafen», sagt Gal, «man darf auch nicht schimpfen.» Denn der Hund soll mit der Arbeit nur positive Emotionen verbinden. «Wenn der Hund einen Fehler macht, dann habe ich es ihm nicht gut genug erklärt.» Futter als Belohnung gebe es nur einmal und allenfalls geht es eine Stufe zurück.

«Man probiert bereits im Aufbau so zu arbeiten, dass der Hund möglichst wenige Fehler machen muss», sagt Gal, die hauptberuflich als Heilpädagogin arbeitet. Geduld und Verständnis sei eben viel Wert in der Erziehung: Bei Menschen wie Hunden.