Maturarbeiten: Von Rehkitzen, Mountainbikes und Botschafterfamilien

Die Sechstklässler der Mittelschule Uri präsentieren diese Woche ihre Maturarbeiten. Unsere Zeitung stellt fünf Arbeiten näher vor. 

Christian Tschümperlin
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Laura Gisler hat sich in ihrer Maturaarbeit mit Alternativen zu konventionellen Reh-Abschreckungsmethoden beschäftigt. (Bild: Christian Tschümperlin, 14. November 2019)

Laura Gisler hat sich in ihrer Maturaarbeit mit Alternativen zu konventionellen Reh-Abschreckungsmethoden beschäftigt. (Bild: Christian Tschümperlin, 14. November 2019)

Hält sich ein Rehkitz im Feld auf, ist ihm oft ein trauriges Schicksal bestimmt: Jedes Jahr kommen in der Schweiz mindestens 1500 Kitze unter den Mähdrescher. Dieser Umstand motivierte Laura Gisler aus Seedorfer, in ihrer Maturaarbeit Alternativen zu konventionellen Reh-Abschreckungsmethoden unter die Lupe zu nehmen. Die 17-Jährige ging schon früh mit ihrer Familie mit auf die Jagd und entwickelte ein Interesse an der Natur und den Wildtieren.

Dass junge Rehe oft im hohen Gras liegen, war ursprünglich eine gute Idee der Evolution: «Die Rehkitze werden im Feld geboren. In den ersten drei Wochen sind sie geruchlos. Der Greifvogel sieht sie nicht und der Fuchs kann sie nicht riechen», so Gisler. Die Rehgeiss hält sich derweil am Waldrand auf. Dabei hat es die Ohren stets gespitzt, ob das Rehkitz ruft.

«Auf einer Feldexpedition hatte ich eine Rehpfeife dabei, zur Nachahmung der Laute des Rehkitz. Ich habe gepfiffen und es kam keine Rehgeiss angesprungen. Trotzdem hielt sich ein Kitz im Feld auf», berichtet Gisler und zieht den Schluss, dass dies keine sichere Methode ist. Auch andere klassische Methoden wie aufgehängte Lampen, T-Shirts oder CDs an Bäumen, welche die Rehe irritieren sollten, seien wenig ergiebig. «Wir probierten einen Rehschreck aus, dessen Geräusche die Rehe davon abhalten sollen, das Feld zu betreten. Das Kitz verbarg sich hinter einer Mauer.» Trotzdem wurde Gisler fündig, die Lösung ist aber teuer: «Wenn man mit einer Flugdrohne über die kühle Umgebung fliegt, sieht man dank der Wärmebildkamera das Rehkitz recht deutlich», so Gisler. Das Kitz könne man dann in eine Kiste packen, bis der Mähdrescher seine Arbeit getan habe. Daran haben auch Bauern ein Interesse: Denn gelangt ein Reh in den Drescher, verunreinigt dies die Nahrung der Nutztiere. Gisler sieht Fortschritte: Ab kommendem Jahr hat der Kanton Uri eine Flugdrohne im Einsatz. «Eine Drohne ist zwar wenig, aber es ist ein Anfang.»

Die Suche nach dem Kick

«Wenn es nicht auf Strava ist, zählt es nicht», zitiert Alessio Furrer in seiner Maturaarbeit einen bekennenden Stravaianer. Die Handy-Applikation macht das Prahlen mit falschen Zeiten beim Leistungssport unmöglich. Ob mit dem Mountainbike, beim Inlineskaten oder Schwimmen: Die Tracking-Plattform zeichnet per GPS die Schnelligkeit der Sportler auf, aber auch Pulswerte, Wattzahlen oder die Trittfrequenz lassen sich messen. Daraus erstellt das Netzwerk Ranglisten pro Streckenabschnitt. Alessio Furrer suchte schon immer den Kick. Vor allem das Mountainbiken hat es ihm angetan. Das Bestreiten von Wettkämpfen gegen Freunde macht ihm Spass.

Alessio Furrer hat sich als begeisterter Mountainbiker mit der Handy-App Strava  auseinander gesetzt. (Bild: Christian Tschümperlin, Altdorf, 14. November 2019)

Alessio Furrer hat sich als begeisterter Mountainbiker mit der Handy-App Strava  auseinander gesetzt. (Bild: Christian Tschümperlin, Altdorf, 14. November 2019)

Wie und warum wird Strava im Kanton Uri benutzt und welche Folgen resultieren daraus? Zur Beantwortung dieser Fragen hat der Schattdorfer vier Strassen- und drei Geländesegmente erstellt und ausgewertet sowie mit 25 Sportlern eine Umfrage durchgeführt. Furrer beobachtete einen Zuwachs der Aktivitäten im Nord-Süd-Transfer und auf Passstrassen, der sich aber mit der Axensperrung verringert hat. Strecken, die nur Urnern bekannt sind, verzeichneten einen kleinen Zuwachs. Der 19-Jährige schliesst: «Es kommen viele auswärtige Sportler nach Uri, um Pässe zu befahren.». Verwerfen musste er seine Hypothese, dass Strava nur positive Auswirkungen nach sich zieht. 44 Prozent der Befragten rapportierten negative Gefühle. «Ehrgeizige Sportler können enttäuscht werden, wenn sie auf den hinteren Rängen landen.» Der Vergleich könne aber auch dazu motivieren, alles zu geben.

Auf zu neuen Gipfeln

Hat Andermatt das Potenzial zur Mountainbike-Destination? Dieser Frage ist der passionierte Andermatter Mountainbiker Sales Danioth nachgegangen. Dazu hat er sich aufs Velo geschwungen und zehn Touren in seiner Maturaarbeit dokumentiert. Mühe, die Touren ausfindig zu machen, hatte er keine. «Ich bike seit Kind auf und kenne die Strecken in Andermatt bestens», sagt der 18-Jährige. Markiert seien diese bis anhin nicht. «Unter Touristen gilt Andermatt deshalb noch nicht als Mountainbike-Destination», so Danioth.

Sales Danioth hat eine Maturaarbeit zur Mountainbike-Destination Andermatt geschrieben. (Bild: Christian Tschümperin,  14. November 2019)

Sales Danioth hat eine Maturaarbeit zur Mountainbike-Destination Andermatt geschrieben. (Bild: Christian Tschümperin,  14. November 2019)

Vom Variantenreichtum der Region ist er aber überzeugt: Im Talboden machte er drei Touren für Einsteiger ausfindig, zudem fuhr er über die drei Alpenpässe Furka, Oberalp und Gotthard. Sein persönliches Highlight ist aber eine Extremtour von Andermatt über den Gotthard-, Passo dell‘Uomo- und Oberalppass zurück nach Andermatt. Die Rundtour mit 3000 Höhenmetern absolvierte er in achteinhalb Stunden.

Der Gymnasiast beobachtete in den letzten Jahren einen Zuwachs an Mountainbikern in Andermatt. Dieser sei vor allem auf die überall aufkommenden E-Bikes zurückzuführen. «Ladestationen auf den Alpenpässen wären ein grosser Fortschritt», konstatiert er.

Danioth glaubt, die Zeit für Andermatt als Mountainbike-Destination sei reif. Das glaubt man auch bei Andermatt Tourismus. Ein entsprechender Masterplan für Mountainbike-Strecken wurde bereits 2012 verabschiedet. «Zur Umsetzung müssen nun aber alle Parteien an einem Strick ziehen», macht Danioth klar.

Über dem Holzfeuer angerührt

Er gehört zur Schweiz wie die Schoggi oder Uhren: Die Rede ist vom Käse. Fast noch faszinierender als der Käse selbst ist aber dessen Herstellung. Eine, die diesen Prozess seit Kindsbeinen kennt, ist Jasmin Müller. «Alle Jahre wieder verbringe ich den Sommer bei einer befreundeten Familie auf der Äbnet-Alp bei Riemenstalden und helfe in der Käserei mit», sagt sie. Für die 18-Jährige ist dies eine der schönsten Zeiten im Jahr. «Es ist ein ruhiger Ort. Man kann seine Sorgen im Tal lassen.» Im Rahmen ihrer Maturaarbeit wollte sie es nun aber genau wissen: Sie hat sich eingehend mit den Grundlagen der Käseherstellung befasst.

In Jasmin Müllers Maturaarbeit dreht sich alles um die Alpkäse-Herstellung. (Bild: Christian Tschümperlin, 13. November 2019)

In Jasmin Müllers Maturaarbeit dreht sich alles um die Alpkäse-Herstellung. (Bild: Christian Tschümperlin, 13. November 2019)

«Das A und O beim Käsen sind die Hygienevorschriften», weiss Müller. Gerade auf der Alp sei es nicht immer leicht, den Käseprozess sauber zu halten, da sich die Käserei häufig nahe am Stall befindet. Die Hygiene beginnt aber bereits früher, mit der Milchqualität: Wichtig sei, dass nur Milch von gesunden Kühen verwendet werde. «Alleine darüber hätte ich eine ganze Maturaarbeit schreiben können», so Müller.

Auf der Äbnet-Alp wird der Käse noch traditionell über dem Holzfeuer angerührt. «Die Erfahrung des Käsers spielt dabei eine grosse Rolle», so Müller. So müsse er ein Gefühl dafür haben, in welchem Verhältnis die verschiedenen Zutaten beigemischt werden.

«Dieses Jahr war ein gutes Käsejahr.» Alleine in diesem Sommer war die Seedorferin bei der Herstellung von rund 100 Käsen beteiligt. Denjenigen mit der Nummer 555 darf sie behalten. «Fünf ist meine Glückszahl.»

Weit mehr als Cüpli trinken

Ihre Dienste sind für ein so gut vernetztes Land wie die Schweiz existenziell. Trotzdem weiss die Allgemeinheit nur wenig über das Berufs- sowie Privatleben unserer Botschafter im Ausland. Das wollte Luisa Schuler mit ihrer Maturaarbeit «Das Leben als Botschafterfamilie» ändern. Dazu hat sie vier Personen, Botschafterinnen und deren Partner, auf den Zahn gefühlt. Unter ihnen waren der Urner Heinz Walker-Nederkoorn, Botschafter in den Niederlanden, und dessen Frau Senta Walker-Nederkoorn.

Luisa Schuler hat in ihrer Maturaarbeit über Botschafterfamilien geschrieben. (Bild: Christian Tschümperlin, 13. November 2019)

Luisa Schuler hat in ihrer Maturaarbeit über Botschafterfamilien geschrieben. (Bild: Christian Tschümperlin, 13. November 2019)

«Man kennt den bekannten Stereotypen, dass Botschafter gerne Cüpli trinken. Das gehört bis zu einem gewissen Grad dazu, ist aber immer mit Nebennutzen behaftet», sagt Schuler. Diplomatinnen seien viel unterwegs, um die Schweiz zu repräsentieren. Doch der Traumjob habe auch seine Schattenseiten, fand die 17-Jährige heraus: Alle drei bis fünf Jahre müssen die Botschafterinnen ihren Standort wechseln. Das kommt nicht von ungefähr: Je länger man sich in einem Land aufhält, desto grösser wird laut Heinz Walker-Nederkoorn die Gefahr, dass man vergisst, welches Land man eigentlich vertreten soll.

Dieses Rotationsprinzip hat auch Auswirkungen auf die Familie: «Für den Partner ist es oft schwierig, in fremden Ländern bezahlte Arbeit zu finden», sagt Schuler. Das Prinzip zwingt alle Betroffenen, insbesondere die Kinder, sich auf neue Lebensumstände einzustellen.

Die Bürglerin kann sich vorstellen, eines Tages in den diplomatischen Dienst einzutreten. Bevor es so weit ist, hat sie aber ein Wirtschaftsstudium in St.Gallen ins Auge gefasst.