Eidgenössische Abstimmungen
Nein-Komitee warnt vor Agrar-Initiativen

Das breit abgestützte Urner Nein-Komitee zu den beiden Agrar-Initiativen hat medienwirksam in einem Stall seinen Abstimmungskampf lanciert.

Urs Hanhart
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Das Nein-Komitee zu den beiden Agrar-Initiativen. Ihre Argumente präsentierten, von links: Wendelin Loretz, Präsident Bauernverband Uri, Martin Schilter, Margrith Gisler, Präsidentin des Bäuerinnenverbands Uri, Simon Stadler, Nationalrat, und René Röthlisberger, Präsident Wirtschaft Uri.

Das Nein-Komitee zu den beiden Agrar-Initiativen. Ihre Argumente präsentierten, von links: Wendelin Loretz, Präsident Bauernverband Uri, Martin Schilter, Margrith Gisler, Präsidentin des Bäuerinnenverbands Uri, Simon Stadler, Nationalrat, und René Röthlisberger, Präsident Wirtschaft Uri.

Bild: Urs Hanhart (Gurtnellen, 29. April 2021)

Der oberhalb von Gurtnellen Dorf gelegene Biobetrieb von Barbara und Martin Schilter, der in einer Betriebsgemeinschaft mit Adrian Baumann organisiert ist, erlebte am Donnerstag einen ziemlich grossen Medienaufmarsch. Dort hielt das Urner Nein-Komitee zu den beiden Agrar-Initiativen, die am 13. Juni zur Abstimmung gelangen, in einem Stall, wo riesige Plakate aufgehängt waren, eine Medienkonferenz ab. Vertreter aus Landwirtschaft, Wirtschaft und Politik präsentierten ihre Contra-Argumente. Mit diesem Event lancierte die Kampagnenleitung den Abstimmungskampf.

Margrith Gisler, Präsidentin des Bäuerinnenverbands Uri.

Margrith Gisler, Präsidentin des Bäuerinnenverbands Uri.

Bild: Urs Hanhart (Gurtnellen, 29. April 2021)

«Die Volksinitiative ‹Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung› hat mit Trinkwasser nicht viel zu tun», betonte Margrith Gisler, Präsidentin des Bäuerinnenverbands Uri, und sie fügte noch an: «Sie zielt ausschliesslich auf Direktzahlungen ab und will diese allen Betrieben streichen, die Pflanzenschutzmittel einsetzen oder Futter für ihre Tiere zukaufen. Davon ist auch der Biolandbau betroffen. Werden die beiden Initiativen angenommen, hätte dies auch massive Auswirkungen auf die Urner Land- und Alpwirtschaft.» Die Pestizidfrei-Initiative habe auf den ersten Blick nicht grosse Folgen. Schaue man aber genauer hin, stelle auch sie eine Gefahr für die Urner Land- und Alpwirtschaft dar.

Weiterer Rückgang des Selbstversorgungsgrades wird befürchtet

Nationalrat Simon Stadler.

Nationalrat Simon Stadler.

Bild: Urs Hanhart (Gurtnellen, 29. April 2021)

Nationalrat Simon Stadler (CVP) bezeichnet die beiden Vorlagen als «Importförderungs-Initiativen». Seine Begründung: «Bei einer Annahme würde der Selbstversorgungsgrad noch mehr sinken.» Die Bäuerinnen und Bauern wirtschafteten verantwortungsvoll. Aber die beiden extremen Initiativen wollten ihnen das Gegenteil unterstellen. «Die Initianten verkennen die grossen Anstrengungen, die unsere Landwirtschaft seit Jahren für eine ökologische Produktion unserer Nahrungsmittel unternimmt», so Stadler, der in der Folge aufzeigte, wo sich die Schweiz beim Einsatz von Pestiziden befindet und welche Massnahmen auf Bundesebene bereits beschlossen sind. «Die Landwirtschaft bewegt sich rasant, und zwar seit Jahren, in die gewünschte Richtung. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Landwirte möglichst wenig Pestizide einsetzen wollen. Die beiden Agrar-Initiativen sind jedoch viel zu extrem und behindern mit ihrer Brechzange die seit Jahren eingeleiteten Schritte», sagte Stadler.

Viele Arbeitsplätze in Gefahr

Der Präsident von Wirtschaft Uri, René Röthlisberger, sieht das ökologische und ökonomische Gleichgewicht für den ländlichen Kanton Uri durch die beiden Agrar-Initiativen gefährdet. Er unterstrich: «Wenn wir das Angebot staatlich so steuern, wie das speziell die Pestizidfrei-Initiative will, dann gäbe es keine Wahlfreiheit mehr, und das Essen würde massiv teurer. In unseren Läden hätte es nur noch die teureren, weil nachhaltigen Produkte.» Insgesamt würde nach Einschätzung von Röthlisberger die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz und damit der Selbstversorgungsgrad weiter zurückgehen, wodurch mehr Nahrungsmittel importiert werden müssten, was zu höheren Umweltbelastungen im Ausland führen würde. Er gab zu bedenken: «Die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft stellt mehr als 300’000 Arbeitsplätze sicher. Davon wäre mehr als die Hälfte betroffen und gefährdet, darunter auch Käsereien, Metzgereien, Mühlen, Mostereien, Landmaschinenfirmen sowie Handels- und Verarbeitungsbetriebe.»

Zwar gut gemeint, aber kontraproduktiv

Wendelin Loretz, Präsident des Bauernverbandes Uri, sagte, die beiden Initiativen seien zwar gut gemeint, stellten jedoch eine grosse Gefahr dar, auch für Bergkantone wie Uri. Die Trinkwasser-Initiative ziele ausschliesslich auf die Direktzahlungen. Sie wolle diese allen Betrieben streichen, die Pflanzenschutzmittel einsetzen oder Futter für ihre Tiere zukaufen. «Bei Naturereignissen wie Lawinenschäden, Hochwasser, Murgängen und wie jüngst Engerlingsschäden, die die Futterproduktion über einen gewissen Zeitraum massiv einschränken, wäre eine Überbrückung mit zugekauftem Heu oder Siloballen nicht mehr möglich. Die Folge davon wäre, dass gesunde, vitale Tiere geschlachtet werden müssten», so Loretz.

Wendelin Loretz, Präsident des Bauernverbands Uri, befürchtet, dass im Falle eingeschränkter Futterproduktion gar gesunde Tiere geschlachtet werden müssten, da kein Futterzukauf mehr möglich wäre.

Wendelin Loretz, Präsident des Bauernverbands Uri, befürchtet, dass im Falle eingeschränkter Futterproduktion gar gesunde Tiere geschlachtet werden müssten, da kein Futterzukauf mehr möglich wäre.

Bild: Urs Hanhart (Gurtnellen, 29. April 2021)

Sein Fazit: «Die beiden Agrar-Initiativen schiessen über ihr Ziel hinaus und wirken kontraproduktiv. Sie gefährden wichtige dezentrale Arbeitsplätze, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in vor- und nachgelagerten Branchen.»

Zu Wort kam schliesslich auch noch Betriebsleiter Martin Schilter, auf dessen Hof, der zu den Bergzonen drei und vier gehört, zwölf Milchkühe, elf Rinder, acht Kälber, 18 Ziegen, zwei Schweine sowie rund 30 Hühner und zwei Esel leben. Zu den Konsequenzen bei der Annahme der beiden Initiativen sagte der Bergbauer: «Ein Verbot von Futterzukauf hätte für unseren Heimbetrieb wie auch für die Alpung massive Folgen. Gurtnellen ist eines der niederschlagsärmsten Gebiete im Kanton Uri. Bei Trockenheit kann die Futterernte bis 50 Prozent geringer ausfallen als in normalen Jahren.»

Wendelin Loretz (links) posiert mit Bauer Martin Schilter auf dessen Hof vor zwei Kühen.

Wendelin Loretz (links) posiert mit Bauer Martin Schilter auf dessen Hof vor zwei Kühen.

Bild: Urs Hanhart (Gurtnellen, 29. April 2021)

Zudem würden auch Lawinenschäden den Futterertrag beeinträchtigen. Schilter befürchtet, dass die über Jahre aufgebaute Direktvermarktung massiv eingeschränkt würde, was sich auch negativ auf das landwirtschaftliche Einkommen auswirken würde. «Bei einem Verbot von sämtlichen Pestiziden, auch solchen, die bis anhin für die Bioproduktion zugelassen sind, wird die Verarbeitung von Lebensmitteln auf unserem Betrieb praktisch unmöglich, da wir weiterhin die Auflagen der Lebensmittelhygiene einhalten müssen», erklärte der Bergbauer.