Ein Blick in die Zukunft in Altdorf: Optometrie löst die Augenoptik ab

Das Berufsbild des Augenoptikers wandelt sich. Ralf Wenger von Jauch Optik in Altdorf hat sich Gedanken über die Zukunft gemacht.

Christian Tschümperlin
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Der Optiker Ralf Wenger setzt bereits heute auf futuristische Anschaffung. (Bild: Urs Hanhart, 2. Oktober 2019)

Der Optiker Ralf Wenger setzt bereits heute auf futuristische Anschaffung. (Bild: Urs Hanhart, 2. Oktober 2019)

Ralf Wenger zeigt auf ein Paar ungeschliffene, übergrosse Brillengläser. «Den optischen Schliff überlassen wir einer Partnerfirma. Diese Prozesse werden automatisiert», sagt er, wohlwissend, dass sich das Optikergeschäft im Umbruch befindet. Zwar ist das Atelier immer noch ein wichtiger Bestandteil der Geschäftstätigkeit. Wenger gibt aber zu, dass man früher als Optiker zu 20Prozent in der Beratung tätig war und zu 80 Prozent im Atelier. «Heute ist es genau umgekehrt», sagt er. Oder eine andere Zahl: An der Optiker-LAP dauerte der Werkstatt-Teil früher zwei Tage, heute ist es noch ein halber Tag.

Der Optiker-Markt ist in Bewegung gekommen. Fusionen haben daran ebenso ihren Anteil wie die Digitalisierung. Zudem wandelt sich das Berufsbild. Aber der Reihe nach.

Der 41-Jährige steht voller Tatendrang im Atelier, das sich hinter dem Tresen befindet. Das ist ungewöhnlich. «Wir von Jauch Optik wollten, dass das Atelier in den Laden integriert ist, damit immer jemand da ist, wenn die Kunden den Laden betreten», erklärt er.

Die Digitalisierung nicht verpassen

Im Laden stehen traditionelle Holztische. Trotzdem ist die Digitalisierung überall im Raum spürbar. Wenger nimmt ein Tablet zur Hand. Dessen Kamera erstellt ein 3D-Bild vom Gesicht des Kunden. Das Resultat sieht dann so aus, als wäre man zu einer Computerspiel-Figur geworden. Das 3D-Bild dient als Vorlage für eine Fassung aus dem 3D-Drucker, der eine individuelle Brille für jedes Gesicht anfertigt. Die Digitalisierung sieht der Altdorfer als Chance. Denn die Konkurrenz durch Internet-Optiker fällt bisher betriebswirtschaftlich kaum ins Gewicht, aus nachvollziehbaren Gründen. «Es ist schon ein Unterschied, ob man ein T-Shirt kauft oder eine Brille», sagt Wenger. Der Wiederbeschaffungszyklus für eine Brille betrage rund fünf Jahre, sei also noch deutlich länger als beim Kauf eines Handys. Da lohnt sich eine gute Beratung. Zu ihr zählen die subjektive Bestandesaufnahme, also das persönliche Gespräch, und die objektive Bestandesaufnahme, also die Messungen. «Das sind alles Dinge, die man übers Internet nicht anbieten kann», gibt sich Wenger überzeugt. Sein grosser Stolz befindet sich denn auch im oberen Geschoss. Hier steht die objektive Bestandesaufnahme: Wertvolles Equipment, wie es von Gesundheitsoptikern verwendet wird. «Der Markt verändert sich rasant. Da ist es wichtig, dass man sich positioniert. Wir haben uns auf Gesundheitsoptik spezialisiert», sagt er.

Auf einem Karussell aus Apparaturen befindet sich unter anderem der klassische Sehtest. Wobei, so klassisch ist der gar nicht, wie Wenger rasch aufklärt. «Wir machen einen 3D-Sehtest», sagt er. Bei diesem erscheinen die Bilder und Buchstaben an der Wand in 3D, was die Verträglichkeit für den Kunden verbessern soll.

Das Karussell dreht sich weiter

Wenger dreht am Karussell. Es erscheint ein Auto-Refrakto-Keratometer. Dieser gibt einen ungefähren Dioptrien-Wert an und misst die Hornhaut-Verkrümmung. Das dritte Gerät auf dem Karussell nennt sich Topograf. Es misst die Form des Auges mit über 10'000 Messpunkten. Beim vierten Instrument handelt es sich um eine Spaltlampe. Damit sieht Wenger die Tränenqualität und ob jemand unter trockenen Augen leidet. Zwei weitere Geräte stehen im Wartezimmer: Eines misst den Augendruck und das andere, eine Fundus-Kamera, fotografiert die Netzhaut.

Die Menge an Geräten überrascht. «Heute ist das komplett anders als früher, als man nur eine Brille abholte», sagt er. Mit der Spezialisierung zum Gesundheitsoptiker hat Wenger auf das richtige Pferd gesetzt. Denn: Der Beruf des Augenoptikers wird sich verändern. Man spricht neu vom Optometristen. Während Optiker zu den handwerklichen Berufen zählte, ist Optometrist ein Gesundheitsberuf. Die Idee ist es, dass der Optiker zur Erstanlauf-Stelle für alle Augenprobleme wird. Dieser soll dann eine Triage vornehmen und Kunden falls nötig an den Augenarzt weiterleiten. Dies soll helfen, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Und für den Kunden ist es bequem, so viele Dienstleistungen rund ums Auge an einem Ort zu erhalten mit der perfekten individuellen Lösung dazu.

Fälle von Kurzsichtigkeit nehmen zu

Es gibt aber noch andere Gründe, warum sich Optiker auf die Gesundheit spezialisieren sollten: «Eine Studie zeigte: 97 Prozent der koreanischen Rekruten leiden unter Kurzsichtigkeit», sagt Wenger. Die Gründe seien multifaktoriell, also vielschichtig. «Es gibt Studien, wonach städtische Kinder in Singapur weniger draussen sind als Häftlinge in Gefängnissen», so Wenger. Das künstliche Licht, das viele Arbeiten am Bildschirm, an all das sei sich unser Auge nicht gewohnt. Für Leute, die viel am Monitor arbeiten, gibt es inzwischen eine spezielle Beschichtung von Gläsern, die einen Teil des Blaulichtes herausfiltert. Wenger reicht ein paar Gläser zum Aufsetzen: Die Sicht ist eindrücklich, sie erscheint kontrastreich und warm. «Das Blaulicht brauchen wir zum Leben. Im Moment haben wir einfach überdimensional viel davon. Hat es einen Einfluss, dass die Leute kurzsichtiger werden? Man geht davon aus.» Kindern könne er deshalb nur raten, so viel Zeit wie möglich draussen in der Natur zu verbringen.