Ein Nomade findet Zuflucht im Kanton Uri

Parviz Moradi wurde im Iran zum Staatsfeind, weil er das Erbe seines Volkes am Leben erhalten wollte. Nach einer spektakulären Flucht hat er im Kanton Uri seine zweite Heimat gefunden.

Christian Tschümperlin
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Die vielen Schafe im Kanton Uri erinnern den Flüchtling Parviz Moradi an seine Heimat.

Die vielen Schafe im Kanton Uri erinnern den Flüchtling Parviz Moradi an seine Heimat.

Urs Hanhart / Urner Zeitung

Wenn Parviz Moradi aus seiner Kindheit berichtet, leuchten seine Augen auf: Einst war er Hirte und Nomade. Er erinnert sich, als wäre es erst gestern gewesen.  Moradi wurde in das Volk der Qashqai hineingeboren. Die stolzen Nomaden-Stämme blicken auf eine rund tausendjährige Geschichte im Südiran zurück. Doch ihr Erbe ist bedroht. In der Wohnung eines Altdorfer Freundes erzählt er von seinem gefährlichen Leben im Iran, der spektakulären, wenn auch einschneidenden Flucht in den Kanton Uri und seinen künftigen Plänen. So möchte er bei der UNO vorsprechen, damit die Welt vom Schicksal seines Volkes erfährt.

Alles begann in der Provinz Fars, deren Hauptstadt Schiras ist, einst Kernland des sagenumwobenen Perserreiches. Seit jeher zogen die Qashqai im Sommer in das kühlende Zagros-Gebirge, wo sie ihre Schafe auf die satten Wiesen führten. Im Winter, wenn der Schnee fiel, kehrten sie in den Süden von Fars zurück. So auch Moradi mit seiner Familie in seinen jungen Jahren.

Nomaden mit Jeep und Handy

«Unser Leben war archaisch aber gut. Wir lebten in Zelten», so Moradi. Während seiner Kindheit hielt die Modernisierung Einzug. «Plötzlich waren wir Nomaden mit Handy und Jeep», sagt er. Besonders beliebt unter den Qashqai war der Nissan Qashqai. «Auch wenn jemand so ein schönes Auto fährt, bei den Qashqai ist er immer im Herzen gut und gibt nicht damit an», so Moradi.

Sein Vater war Lehrer und unterrichtete sowohl Buben als auch Mädchen in einem grossen Zelt. Dies unterschied die Qashqai vom übrigen Iran, wo die Geschlechter strikte voneinander abgeschottet werden.

Entwaffnung, Verfolgung, Unterdrückung

Zum Leben der Qashqai gehörte auch die Jagd, so Moradi. Da sie also Waffen hatten, stellten sie in der bewegten Geschichte des Iran lange auch eine politische Kraft dar. So unterstützten sie in den 1950-Jahren den demokratisch gewählten Premierminister Mohammed Mossadeq, der ihnen grosszügige Autonomie gewährte. Als dieser die nationalen Ölreserven des Landes verstaatlichte und in der Folge mit Unterstützung der CIA gegen ihn geputscht wurde, brach auch für das Nomaden-Volk eine schwierige Zeit an. «Der strenge Schah verbannte die Anführer der Qashqai ins Exil und entwaffnete unser Volk», weiss Moradi zu berichten. Die Hoffnung der Qashqai, sie könnten im Zuge der islamischen Revolution von 1979 Autonomie zurückgewinnen, verflog schnell. Revolutionsführer Ajatollah Chomeini schlug einen straffen Zentralisierungskurs ein und installierte eine rigide Theokratie. Unter seinem Regime wurde die Bewegungsfreiheit der Qashqai immer weiter eingeschränkt. Dies hinterliess auch Spuren in Moradis Leben.

Als er sieben Jahre alt war, verhängte die iranische Regierung ein striktes Verbot, die Berge aufzusuchen. Die Familie wurde gezwungen, in einem Dorf sesshaft zu werden. Für Moradis Vater war es schwierig, eine Anstellung zu finden, da Jobs im Iran bevorzugt an Schiiten vergeben werden und viele Qashqai dem Christentum oder der Religion des Zarathustra angehören. So pflanzte seine Familie Gemüse und Obst im eigenen Garten an und versuchte irgendwie, über die Runden zu kommen. Sogar seinen stolzen Schnauz musste der Vater abrasieren, weil dieser im Iran als Erkennungszeichen der Qashqai gilt.

Moradi wurde eingeschult. Noch heute schmerzen ihn die Erinnerungen. «Ich habe kein Wort verstanden, weil unsere Stämme traditionell Türkisch und nicht Persisch sprechen», sagt er. Mit «Türkisch» meint er eine Variante des Aserbaidschanischen. Nach drei Monaten flog er von der Schule, weil er der Sprache zu wenig mächtig war.

Damals begriff Moradi nicht sofort, wie ihm geschah. Doch als er 16 war, begann es ihm zu dämmern. «Ich fing an, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich wollte herausfinden, weshalb sie geschehen», sagt er. Sein Vater warnte ihn und riet, er solle alles aus seiner Kindheit vergessen. Vergebens. «Ich konnte einfach nicht. Die Qashqai sind mein Leben, mein Blut, mein Wesen. Es ist meine Farbe, mein Atem.» Wenn er eine Frau in Qashqai-Kleidern sehe, sei er in einer anderen Welt. «Und dann noch Schafe dazu, dann bin ich im Paradies.»

Die Qashqai besitzen ein reichhaltiges, kulturelles Erbe: Ihre traditionellen Kleider und Teppiche, die Musik, das spezielle Essen und die Hochzeiten, und, wie Moradi hervorstreicht: Die Sprache. «Dass sie uns die Sprache genommen haben, ist das schlimmste für mich. Weil Sprache bedeutet alles für mich.»

Gefährliches Doppelleben

Auf der Suche nach seinen Wurzeln stiess er auf längst vergessene Musikstücke und literarische Texte. Für Moradi begann ein Doppelleben: Bald studierte er – zusammen mit 20'000, meist iranischen Studenten - an einer grossen Universität in Schiras. In seiner Freizeit aber gründete er mit fünf Freunden eine Band. Die Freunde wurden unter den verblieben Qashqai sehr bekannt und traten mit ihren Qashqai-Liedern und -Texten an Hochzeiten auf. «Die Leute haben geweint, weil unsere Poesie sie so berührte.» Die Hochzeiten fanden alle unter strengster Geheimhaltung statt, weil im Iran drakonische Strafen gelten, wenn Männer und Frauen gemeinsam feiern. «Jemand überwachte immer den Eingang und schlug sofort Alarm, wenn die Polizei aufkreuzte.»

Doch die iranischen Sittenwächter kamen Moradi auf die Spur. Er wurde inhaftiert und bis ins Komma gefoltert. «Ich konnte zwei Wochen nicht mehr essen, weil ich solche Schmerzen hatte.» Erschwerend kam hinzu, dass die Sittenwächter ein Video entdeckt hatten, in dem Moradi eine Friedensbotschaft an das israelische Volk richtet. «Sie warfen mir eine dunkle Verschwörung mit ausländischen Mächten vor.»

Moradi wurde wieder freigelassen. Als er aber durch einen Freund den Tipp erhielt, dass die Sittenwächter ihn ein zweites Mal vorladen würden, gelang ihm in einer Nacht- und Nebelaktion eine spektakuläre Flucht.

Widersprüche der türkischen Flüchtlingspolitik

Mit seinem Auto erreichte er bald Istanbul, wo ihn das UNHCR anwies, in einem abgelegenen türkischen Dorf Unterschlupf zu finden. Das Problem: «Uns Iranern ist es in der Türkei verboten, einer Arbeit nachzugehen, doch für die Mieten müssen wir selber aufkommen.» Zudem hätten ihn in dem türkischen Dorf alle Bewohner böse angestarrt, weil es sehr nationalistisch geprägt sei.

Nach mehrmaligen Versuchen gelang Moradi der Grenzübertritt nach Griechenland und später die Flucht in die Schweiz. Ein Freund seiner Band, der ihm nachgereist war, hatte weniger Glück: Er musste in den Iran zurückkehren.

Urner Berge: Fast wie Heimat

Heute lebt Moradi im Asylcamp Altdorf, das Asylverfahren läuft. Er hat bereits viele neue Freunde gefunden und spricht nach einem Jahr bereits erstaunlich gut Deutsch. «Die Erfahrungen in der iranischen Schulzeit haben mich geprägt. Ich weiss jetzt, wie wichtig es ist, Sprachen zu beherrschen.» Die Urner Berge erinnern ihn an seine Heimat. «Alles ist so modern hier. Und doch sind die Urner am liebsten bei ihren Schafen in den Bergen. Fast wie die Qashqai.»

Moradi hofft, dass er bleiben kann. Und er will helfen: «Ich möchte der Welt gerne meine Geschichte erzählen und Ungerechtigkeiten aufdecken. Damit unsere Kultur nicht untergeht.»