Kolumne

Eindrückliche Begegnungen

In diesem Jahr porträtierte ich zwei behinderte Mädchen. Vom Treffen mit ihnen habe ich viel über den Sinn des Lebens gelernt.

Christian Tschümperlin
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Autor Christian Tschümperlin

Autor Christian Tschümperlin

Urner Zeitung

Journalisten treffen in ihrem Berufsalltag auf wichtige Leute: Politiker, Künstler und Unternehmer. Doch die eindrücklichsten Begegnungen für mich in diesem Jahr waren jene mit zwei behinderten Mädchen, die ich für ein Porträt besuchte: Rahel aus Erstfeld ist 17, spielt Gitarre und hat das Downsyndrom. Fabienne (11) wohnt im selben Dorf. Sie scheint ein glückliches Mädchen zu sein, obwohl sie im Rollstuhl sitzt und sich nicht mitteilen kann. Die Angehörigen leisten Übermenschliches in der Betreuung ihrer Kinder.

Im August 2009 besuchte ich die Niagarafälle. Die Majestät, mit der die Wassermassen vor meinen Augen über den Felsen hinabdonnerten, berührten mich sehr. Damals empfand ich erstmals grosse Demut vor der Natur. Als ich in diesem Herbst die beiden behinderten Mädchen traf, spürte ich dieselbe Demut wieder. Es war mir nicht sofort klar, warum ich so empfand. Doch dann wurde mir bewusst: Ich bin demütig vor der grossen Lebensaufgabe dieser beiden Mädchen. Sie erkunden unsere Welt mit kleinen Schritten.

Der technische Fortschritt katapultiert uns heute in eine Wohlfühloase. Wir wollen es gerne bequem haben. Das Leid verschwindet. Verschwindet damit nicht auch viel Sinn? Wir Menschen denken gerne in Parametern, in Kategorien. Fabienne und Rahel brechen diese auf. Wovon träumt Fabienne? Wir werden es vielleicht nie erfahren. Doch eines ist gewiss: Sie träumt. Alles was lebt, das strebt. Dabei sollten wir nicht vergessen, anzukommen. Im Film «Der letzte Samurai» strebte Moritsugu Katsumoto lebenslang nach Perfektion. Er musste in einer Schlacht fallen, um im Anblick fallender Kirschblüten zu erkennen, dass sie alle vollkommen sind.