EINSIEDELN: «Wallfahren ist etwas Privates»

An der 100. Urner Landeswallfahrt sind rund 130 Gläubige nach Einsiedeln gepilgert. Hans Stadler sagt, welche Bedeutung das Wallfahren noch hat.

Interview Florian Arnold
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Urner Wallfahrer am Samstag in Einsiedeln. Mit dabei waren auch Vertreter der Regierung. (Bild Franz Kälin)

Urner Wallfahrer am Samstag in Einsiedeln. Mit dabei waren auch Vertreter der Regierung. (Bild Franz Kälin)

Seit 1913 findet jährlich die Urner Landeswallfahrt statt. Abwechslungsweise pilgern Urner Gläubige nach Sachseln zur Gedenkstätte des heiligen Bruder Klaus oder nach Einsiedeln zur berühmten Marienstatue. Am Samstag fand nun die 100. Austragung statt, 130 Personen pilgerten über die Haggenegg nach Einsiedeln. Grund genug, Historiker Hans Stadler zur Entwicklung des Brauchs zu befragen.

Hans Stadler, viele waren noch nie auf einer Wallfahrt. Was haben diese Leute bisher verpasst?

Hans Stadler: Diejenigen, die an der Urner Landeswallfahrt teilgenommen haben, tun dies aus persönlichem Motiv und mit ihren eigenen Anliegen. Aber die Landeswallfahrt ist auch das Erleben der Glaubensgemeinschaft des Urner Volks. Und dies erfährt man nur, wenn man mit dieser Gruppe mitgeht.

Wird man also ein anderer Mensch, wenn man die Wallfahrt mitmacht?

Stadler: Wer mit Überzeugung und andächtig die Wallfahrt mitmacht, kommt am Abend sicher mit Trost und Kraft nach Hause.

Wie aktuell ist denn das Wallfahren heute noch?

Stadler: Es war immer aktuell und ist es noch heute. Es gibt gewisse zeitbedingte Vorlieben. Zurzeit ist das die Wallfahrt nach Santiago di Compostela auf dem berühmten Jakobsweg. Mittlerweile kann der Wallfahrtsort eine beachtliche Infrastruktur an Wegweisern, Herbergen und anderem aufweisen. Weltweit bekannt und vor allem beim jungen Volk beliebt ist Taizé in Burgund mit seiner evangelischen Kommunität. Und auch die Wallfahrt nach Lourdes ist noch sehr bekannt. Früher ist man ins Heilige Land oder nach Rom gepilgert. Bei den Urnern waren Sachseln, Einsiedeln, aber auch die Tellskapelle und die Jagdmattkapelle beliebt. Man sollte die Wallfahrt nicht nur als das Phänomen anschauen, das organisiert stattfindet. Sondern es ist auch etwas Privates, Individuelles, das sich nicht so einfach messen lässt. Man denke beispielsweise an die zahllosen stillen Beter, welche die Schmerzhafte Mutter im Riedertal ob Bürglen aufsuchen.

Trotzdem: Heutzutage nehmen nicht mehr 1400 Leute an der Landeswallfahrt teil, wie das noch vor 100 Jahren der Fall war.

Stadler: Ich finde es beachtlich, wenn 130 Personen von Brunnen über die Haggenegg ins Alptal bis Einsiedeln mitmarschieren. Das ist doch eine beachtliche Gruppe für einen so anspruchsvollen Marsch. Eine sehr bedeutende Gruppe reist ausserdem mit Bussen an. Viele fahren privat und gesellen sich erst in Einsiedeln zur Wallfahrtsgemeinschaft. Am vergangenen Samstag war die Klosterkirche in Einsiedeln vom Urner Pilgervolk gefüllt. In den vergangenen Jahren hat die Landeswallfahrt wieder einen Aufschwung erlebt. Nicht zuletzt liegt das daran, dass unsere Jugendseelsorger mit sehr geschicktem Einsatz erreicht haben, dass jedes Mal auch eine beachtlich grosse Jugendgruppe mitkommt.

Welche Bedeutung würden Sie heute dem Wallfahren noch beimessen?

Stadler: Auch das ist persönlich. An Landeswallfahrten nehmen gläubige Menschen teil, die ein Vertrauen in die Gnadenmutter Maria und den Landesvater Bruder Klaus haben.

Das tönt nach Heiligenanbetung.

Stadler: Das kann man so nicht sagen. Die Grundlage des Glaubens ist das Vertrauen in Gott. Die Heiligen sind eine Art Fürbitter. Man darf das ganz pragmatisch, menschlich sehen. Zu all unseren Lieben, die verstorben sind, die uns viel Gutes getan haben im Leben, haben wir Vertrauen. Im Kosmos des christlichen Glaubens kann ich sie bitten, im Jenseits Fürbitte für mich einzulegen. Und so darf man auch das Vertrauen in die Heiligen wie Maria oder Bruder Klaus verstehen.

Reisen war vor 100 Jahren ein waghalsiges Unterfangen. Heute ist eine Fahrt nach Einsiedeln ein Katzensprung. Sind die Opfer, die man heute für die Kirche bringt, kläglicher geworden?

Stadler: Vieles ist nicht mehr vergleichbar mit damals. Dennoch ist eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela auch heute noch ein rechter Aufwand.

Auffällig ist, dass sich die Regierung an der Wallfahrt beteiligt. Ist da nicht die Trennung von Kirche und Staat verletzt?

Stadler: Wenn das die Regierung aus einer persönlichen Überzeugung mitmacht, sehe ich das positiv. Man kann Kirche und Staat nicht wie Feuer und Wasser trennen. Wir haben die öffentlich-rechtliche Anerkennung der beiden Landeskirchen. Die Kirchgemeinden haben die Möglichkeit, von den Mitgliedern beider Landeskirchen im Rahmen des staatlichen Rechts Steuern zu erheben. Andererseits bauen Gemeinden und Kanton in manchen Bereichen, in der Diakonie etwa oder der Denkmalpflege, auf die Mithilfe der beiden Landeskirchen. Ich bin aber dafür, dass bei der Form der Landeswallfahrt dem ökumenischen Aspekt Beachtung geschenkt werden sollte.

Gibt es die Landeswallfahrt in 100 Jahren noch?

Stadler: Ich hoffe und glaube es auch. Das gemeinsame Wallfahren stellt einen Wert dar, der sicher nicht verloren geht.­