EISHOCKEY: Dieser Mann will mit Urner Power die Valascia erobern

Jesse Zgraggen ist im eishockeyverrückten Kanada gross geworden, hat seine Wurzeln aber im Kanton Uri. Bei Ambri will er sich seinen Traum von einer Profilaufbahn erfüllen. Dabei kann er auf die Unterstützung der Urner zählen.

Sven Aregger
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Jesse Zgraggen vor der legendären Valascia. Der kanadisch-schweizerische Doppelbürger hat einen Grossteil seiner Verwandtschaft im nahen Uri. (Bild Sven Aregger)

Jesse Zgraggen vor der legendären Valascia. Der kanadisch-schweizerische Doppelbürger hat einen Grossteil seiner Verwandtschaft im nahen Uri. (Bild Sven Aregger)

In der Valascia gehen die Arbeiter ein und aus. Es wird gebohrt, gehämmert, geputzt. Das altehrwürdige Stadion im 300-Seelen-Ort Ambri-Piotta soll für die nächste Saison wieder auf Vordermann gebracht werden. Noch aber scheint alles weit weg – die Fans in der Südkurve, die aus vollen Kehlen die Vereinshymne «La Montanara» anstimmen, der eisige Wind, der durch das Stadion fegt, der Duft nach Bratwurst und Bier. Die Schalensitze und die Stehrampen sind leer. Und dort, wo sonst der Puck über das Eisfeld fliegt, drehen junge Männer in Turnschuhen und kurzen Shorts ihre Runden auf Beton. Die Ambri-Spieler absolvieren einen Ausdauertest. Es ist Vorsaison. Preseason, wie die hockeyverrückten Kanadier sagen.

Preseason, sagt auch Jesse Zgraggen, 95 Kilo, 185 Zentimeter, neuer Verteidiger beim Traditionsklub Ambri. Eine Stunde nach dem Lauftraining in der Valascia sitzt der 21-jährige kanadisch-schweizerische Doppelbürger in einer Gartenbeiz in Airolo. Er trägt ein weisses Shirt und kurze blaue Hosen, die blonden Haare versteckt er unter einem Baseballkäppi. Nur wenige Meter von der Beiz entfernt ist seine 2-Zimmer-Wohnung, die er vor wenigen Tagen bezogen hat. Zgraggen trinkt einen Schluck von seinem Rivella, lehnt sich zurück und sagt in Schwizerdütsch mit englischem Einschlag: «Ich fühle mich wohl hier in den Bergen.»

Stolze Grosseltern

Die felsige, karge Gotthardregion ist für den jungen Mann ein Stück Heimat. Er ist zwar mehrheitlich in der kanadischen Provinz Alberta aufgewachsen. Aber im Kanton Uri hat er seine Wurzeln. Die Eltern sind Urner, die nach Kanada auswanderten. Nach Jesses Geburt und dem frühen Unfalltod des Vaters ist die Familie für einige Jahre zurück in die Schweiz gekommen. Als Jesse fünfjährig war, ging Mutter Rita mit ihm und Bruder Michael wieder nach Kanada.

Nun helfen ihm Urner Verwandte und Bekannte, dass er sich im nahen Tessin ein selbstständiges Leben aufbauen kann. «Sie alle unterstützen mich wunderbar. Wenn ich Hilfe brauche oder reden will, sind sie für mich da», sagt Jesse Zgraggen. Das vergangene Wochenende verbrachte er bei seinen Grosseltern in Flüelen. «Es ist natürlich schon speziell für uns, dass Jesse die Chance in Ambri bekommt», sagt Grossmutter Helen Zgraggen. «Wir sind stolz auf ihn und freuen uns irrsinnig, dass er jetzt in unserer Nähe ist.» Die Grosseltern Zgraggen wollen Jesse im Alltag und auch bei den Heimspielen in der Valascia so gut wie möglich unterstützen. «Er kann immer auf uns zählen, das weiss er», sagt Helen Zgraggen.

Ziel ist Top-6-Verteidiger

Support kann Jesse Zgraggen gut gebrauchen. Er steht nicht nur erstmals auf eigenen Füssen, sondern auch ganz am Anfang seiner Profikarriere. In der Nationalliga A muss er sich erst beweisen. Den nötigen Ehrgeiz und das Selbstbewusstsein bringt er mit. «Ich will mich in Ambri als Top-6-Verteidiger etablieren», sagt Zgraggen, der einen guten ersten Pass spielt und mit kanadischer Härte in die Zweikämpfe geht. Schon als Kind träumte er wie fast alle kanadischen Buben von einem Leben als Eishockeystar. Im Winter kurvte er mit seinem Bruder über den gefrorenen Teich neben ihrem Haus. Als er 6 war, trat er dem ersten Verein bei. Nach der Schulzeit setzte er voll auf Eishockey. Im Winter spielte er für verschiedene Klubs in Kanada, die ihn während der Saison in Gastfamilien unterbrachten. Mit 17 debütierte er in der Western Hockey League, der höchsten kanadischen Juniorenliga. Der Sprung in die National Hockey League (NHL), die gemeinhin als beste Liga der Welt gilt, war aber zu gross. Jesse Zgraggen ist darum glücklich, dass er nun in der Schweiz eine Chance als Profi erhält. «So will ich leben. Mein Kindheitstraum geht in Erfüllung.»

Identifikationsfigur für Urner Fans

Massgeblich dazu beigetragen hat der Donatoren-Club HC Ambri-Piotta. Seit langem ist er mit der Familie Zgraggen in Kontakt. Jesse und sein Bruder Michael, der ebenfalls Eishockey gespielt hat, wurden in den vergangenen Jahren zu Probetrainings in Ambri geladen. Als der Wechsel von Jesse konkret wurde, haben die Donatoren dem Verein eine finanzielle Mithilfe zugesichert. Dazu gründeten sie eigens die Gruppe Jesse (siehe Box). «Jesse ist seit langem der erste Urner, der die Anlagen hat, sich in Ambri durchzusetzen», sagt Beat Musch, der die Gruppe leitet. Gerade für die vielen Fans in Uri sei es wichtig, eine Identifikationsfigur zu haben. «Jesse Zgraggen kann bei den Urner Anhängern nochmals einen Schub auslösen.»

Die Urner werden die Entwicklung, die Zgraggen in Ambri nimmt, genau verfolgen. Die Erwartungshaltung ist gross. «Ein bisschen Druck spüre ich schon», gesteht Jesse Zgraggen. «Aber ich freue mich sehr über die Unterstützung. Ich weiss, wie angefressen die Fans sind und wie gross das Herzblut im Klub ist. Das spornt mich an.»

Noch sei Preseason, sagt er gelassen. Aber im Herbst, wenn die Fans in der Südkurve wieder «La Montanara» singen und ein kalter Wind durch die Valascia fegt, will Jesse Zgraggen auf dem Eis um jeden Puck kämpfen – Urner Power im Dienste der Biancoblu.

Sponsoring-Pakete und spezielle Events

Der Donatoren-Club HCAP beteiligt sich an der Finanzierung von Jesse Zgraggen. Sie erfolgt unter anderem über Fanartikel, öffentliche Anlässe und Sponsoring. Auf der Homepage www.jessezgraggen.ch sind Sponsoring-Pakete zwischen 200 und 2500 Franken erhältlich. «Wir sind froh um jeden Beitrag», sagt Beat Musch vom Donatoren-Club. Fans und Sponsoren können Jesse Zgraggen an exklusiven Events kennen lernen. Bei einem Abendessen für 200 Franken wird Zgraggen am 20. August erstmals öffentlich vorgestellt. Am 3. September gibt es bei der Walker Holding AG in Amsteg ein Gratis-Risotto mit Personen aus dem HCAP-Umfeld.