EISHOCKEY: Ein Abräumer geht in die Offensive

Jesse Zgraggen hat in der ersten Profisaison bei Ambri beachtliche Fortschritte gemacht. Der Verteidiger mit Urner Wurzeln will sich damit aber nicht zufrieden geben.

Drucken
Teilen
Jesse Zgraggen hat sich im Verlauf der Saison immer mehr zugetraut. «Mit zunehmender Spielpraxis habe ich Selbstvertrauen gewonnen», sagt er. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

Jesse Zgraggen hat sich im Verlauf der Saison immer mehr zugetraut. «Mit zunehmender Spielpraxis habe ich Selbstvertrauen gewonnen», sagt er. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

Sven Aregger

Jesse Zgraggen musste sich zuerst ans Tessin gewöhnen. Ans Autofahren auf den engen Strassen der Leventina, ans selbstständige Leben in seiner Wohnung in Airolo, an die italienische Sprache. «Mein Kühlschrank war nicht immer prall gefüllt», sagt er mit einem Schmunzeln. «Und wenn ich im Restaurant etwas bestellen wollte, hat mich niemand verstanden, weil die Einheimischen kaum Englisch sprechen und ich kein Italienisch.»

Nicht nur der Alltag war neu für Zgraggen, sondern auch sein Fachgebiet: das Eishockey. In der Schweiz ist das Eisfeld grösser, die Spiele sind taktischer. Zgraggen merkte schnell: «Hier ist alles ganz anders als in Kanada.»

Am Ort seiner Kindheit

Jesse Zgraggen (21) wurde als Sohn von zwei Urner Auswanderern in der kanadischen Provinz Alberta geboren. Nach dem Unfalltod des Vaters kehrte Mutter Rita mit Jesse und dessen Bruder Michael zurück in den Kanton Uri. In Flüelen verbrachte Jesse die ersten Lebensjahre, bevor die Familie wieder nach Kanada übersiedelte. Im Eishockey-verrückten Land spielte er in der höchsten Juniorenliga. Seit vergangenem Sommer ist er Profi beim HC Ambri-Piotta nahe am Ort seiner frühen Kindheit.

«Alles ging so schnell. Es kommt mir vor, als wäre ich erst ein paar Wochen hier», sagt der schweizerisch-kanadische Doppelbürger. Hinter ihm liegt aber bereits eine ganze Saison eine Saison, die Ambri am Samstag mit dem Sieg in den Playouts gegen Rapperswil und dem vorzeitigen Ligaerhalt abschloss. Ambri hat sich schwergetan in dieser Spielzeit. Das Team verpasste das Ziel Playoffs deutlich. «Natürlich hatten wir viele Verletzte, aber das darf keine Entschuldigung sein», sagt Zgraggen. «Wir konnten unser Spiel einfach nicht über 60 Minuten durchziehen. Wenn wir kurz vor Schluss geführt haben, sind wir nervös geworden und haben nachgelassen. Das hat uns einige Punkte gekostet.»

Lob vom Trainer

Zgraggens persönlicher Start ins erste Profijahr verlief erwartungsgemäss nicht ohne Hürden. Das Tempo und die Härte stellten ihn vor Probleme, bisweilen schmorte er auf der Tribüne. Doch im Verlauf der Saison drehte der junge Verteidiger auf. Neben seinem kompromisslosen Abwehrverhalten entwickelte er vermehrt auch Offensivdrang. Dies belegt die Statistik: Verbuchte er in 28 Qualifikationsspielen zwei Assists, waren es in zwölf Playout-Partien deren vier. «Jesse hat grosse Fortschritte gemacht. Ich bin glücklich mit seiner Entwicklung. Er ist ein guter Junge», bestätigt Trainer Serge Pelletier. In der wichtigen Saisonschlussphase gewährte er Zgraggen immer mehr Eiszeit. Zgraggen dankte für das Vertrauen mit guten Auftritten. «Ich bin nicht perfekt und mache auch Fehler», räumt Zgraggen ein. «Aber ich wusste, dass ich Geduld haben muss. Mit zunehmender Spielpraxis habe ich Selbstvertrauen gewonnen, ich traute mir mehr zu.»

Freude bei Urner Fans

Der Donatoren-Club HCAP freut sich über die Leistungen des 1,85 Meter grossen und 95 Kilo schweren Kraftpakets. «Wir sind sehr zufrieden mit Jesse, er hat unsere Erwartungen sogar übertroffen», sagt Präsident Michael Gisler. «Jesse ist für sein Alter schon sehr gelassen, er kann mit dem Druck umgehen und sich voll aufs Eishockey fokussieren.» Der Donatoren-Club hat den Transfer von Zgraggen vor einem Jahr eingefädelt. Er beteiligt sich auch an der Finanzierung des Spielers. Auf einer eigens erstellten Website für Zgraggen können Sponsoring-Pakete bestellt werden. Als Gegenleistung dürfen die Sponsoren unter anderem an exklusiven Events mit Zgraggen teilnehmen. Wie gross die finanzielle Unterstützung ist, wollen die Donatoren nicht verraten. Klar ist aber, dass sie mit Hilfe des Sponsorings für die Kosten von Zgraggens Auto und der Wohnung aufkommen. «Unsere Arbeit wird von den Urner und auch von den Tessiner Fans sehr geschätzt», sagt Gisler. «Die Anhänger freuen sich, dass nach vielen Jahren wieder ein Urner im Ambri-Dress spielt.» Zgraggen selber weiss die Unterstützung ebenfalls zu würdigen. «Die Urner sind so lieb zu mir. Ich fühle mich geschmeichelt.» Auch auf die Verwandtschaft kann er zählen. Mutter und Bruder besuchten ihn während der Weihnachtszeit. Regelmässig trifft er zudem seine Grosseltern in Flüelen.

Training mit NHL-Profis

Am Montag reist Zgraggen nach Kanada. Er wird den Sommer bei der Familie verbringen und sich einige Tage Pause gönnen. Bereits im April will er aber wieder trainieren. In Lethbridge schliesst er sich einer Gruppe von Hockeyspielern an darunter Profis aus der NHL und der deutschen und schwedischen Liga. Voraussichtlich im Juli kehrt er in die Schweiz zurück. Für die zweite Saison bei Ambri hat er sich viel vorgenommen. Er will einer der Top-4-Verteidiger werden und häufiger in den Special Teams zum Einsatz kommen – beispielsweise im Powerplay. «Es ist wichtig, immer besser zu werden», sagt Zgraggen. Seine Lernfähigkeit beschränkt er aber nicht auf den Sport. Mittlerweile versteht er einige Brocken Italienisch. Im Tessiner Restaurant kann er nun die Bestellung ohne grössere Verständigungsprobleme aufgeben. Jesse Zgraggen ist in der Leventina angekommen – wie es sich für einen ­Biancoblu gehört.