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Engadinerschafe helfen im Urserntal gegen die Verbuschung

Die Forschungsstation Alpfor präsentierte die Resultate ihrer zehnjährigen Forschungsarbeit. Dabei wurde deutlich, wie wichtig der Kampf gegen Grünerlen ist, auch wenn das Projekt im Urserntal nicht überall auf Akzeptanz stösst.
Christof Hirtler
Engadinerschafe fressen die Rinde von Grünerlen und bringen sie dadurch zum Absterben. (Bild: Christian Gazzarin)

Engadinerschafe fressen die Rinde von Grünerlen und bringen sie dadurch zum Absterben. (Bild: Christian Gazzarin)

Um eine weitere Waldausdehnung vor allem im Alpenraum zu verhindern, wurde der Wald im revidierten Eidgenössischen Waldgesetz vom 1. Juli 2013 über seine Funktionen definiert: Der Wald soll Schutz, -Nutz- und Wohlfahrtsfunktionen erfüllen. «Die Grünerle erfüllt keine dieser Funktionen», sagte die Biologin und Leiterin der Forschungsstation Alpfor, Erika Hiltbrunner, bei der Präsentation der Ergebnisse am 11. Mai in Andermatt.

Christian Körner, Präsident von Alpfor und emeritierter Professor der Universität Basel, fasste die Erkenntnisse jahrzehntelanger Forschung zahlreicher Experten zusammen: Heute steht im Urserntal, mit Ausnahme der Schutzwälder von Andermatt, Hospental und Realp kein Baum mehr. Dabei wäre Wald die ursprüngliche Vegetation: Das Urserntal war einst bewaldet, wie das Obergoms heute.

Ab dem 12. Jahrhundert änderte sich das Landschaftsbild: Walser besiedelten das Urserntal. Wald wurde gerodet, die Bewohner brauchten Holz für den Hausbau, zum Heizen, Kochen und Käsen. Über Jahrhunderte bildete die Landwirtschaft die Lebensgrundlage. Hunderte von Geissen lebten im Tal, die entlegensten Alpweiden wurden mit Kühen bestossen und in den Geissweiden sammelte man Wildheu. Seit dem Rückgang der Landwirtschaft ab den 1960er-Jahren hat die Grünerle weite Teile des Urserntals erobert.

Landschaft zerstörerisch und klimaschädigend

«Verschwindet der Mensch, kommt die Grünerle», sagte Christian Körner. Die Pflanze, die natürlicherweise in Lawinenzügen und Bachrunsen vorkomme, überwuchere jährlich über 1000 Hektaren Alpweiden und breite sich drei- bis viermal schneller aus als der Wald. «Es ist nicht wünschenswert, dass diese invasive Pflanze das ganze Tal bedeckt», sagte Christian Körner. Das bis drei Meter hohe, undurchdringliche Erlendickicht reduziert die Artenvielfalt von Pflanzen und Insekten um über 50 Prozent. Zudem sind Erlenbüsche kein Lawinen- oder Erosionsschutz.

Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse über die Grünerle präsentierte Tobias Bühlmann. So hat Alpfor mit zahlreichen Messungen und Untersuchungen aktuelle Zahlen zur Stickstoffproduktion, den Lachgasemissionen oder dem Wasserverbrauch ermittelt. Die Grünerle wächst extrem schnell, weil sie mit Hilfe eines Bakteriums den Stickstoff aus der Luft zur eigenen Düngung nutzt. Bühlmann sagte:

«In einer Hektare Grünerlen entstehen bis zu 60 kg Stickstoff pro Jahr.»

Überschüssiger Stickstoff entweicht als Lachgas. Das Gas, 300 Mal schädlicher als Kohlendioxid CO2, gehört zu den aggressivsten Treibhausgasen. Überschüssiger Stickstoff wird als Nitrat ausgewaschen, versauert die Böden und gelangt in Bäche und Flüsse. Erlengebüsche verbrauchen 20 bis 25 Prozent mehr Wasser als offenes Grasland. «Dieses Wasser fehlt in der Stromproduktion», sagte Bühlmann. Will man die Verbuschung durch Grünerlen bekämpfen, nützt es nichts, den Busch einfach abzuhacken. Man erreicht damit sogar das Gegenteil: Wird ein Grünerlenbusch ebenerdig abgeschnitten, mobilisiert er alle Speicherstoffe aus dem Stock, macht junge Triebe und produziert Tausende von Samen. Die Pflanze wächst sehr schnell nach und wird noch grösser als zuvor.

Erika Hiltbrunner zeigte einen anderen Weg auf: die Bekämpfung der Verbuschung durch Grünerlen mit Engadinerschafen. Sie sind fruchtbar, genügsam, zutraulich, robust und haben starke Klauen. Und sie haben «einen Tick»: Im Frühling schälen sie die Äste der Grünerlen und bringen sie zum Absterben. 2017 hat die Forscherin ihr Beweidungsprojekt mit 200 Engadinerschafen auf dem Gamsboden oberhalb Hospental gestartet, 2018 mit 300 Tieren fortgesetzt und wissenschaftlich dokumentiert. «Mit Engadinerschafen wollen wir Weidland zurückgewinnen und auch den Boden so vorbereiten, damit wir später Bäume pflanzen können und wieder ein Wald wachsen kann», sagte Hiltbrunner.

Wege aus der Verbuschung dank Wertschöpfungskette

In einem weiteren Punkt ist das Engadinerschaf dem weissen Alpenschaf überlegen. Das Fleisch «böckelt» nicht, ist fettarm und hat einen hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren. «Das Fleisch der Engadinerschafe ist eine Spezialität, leider wird dies von der Hotellerie im Urserntal zurzeit noch nicht erkannt», sagte Hiltbrunner.

«Ziel des Projektes ist es, den Mehrwert dieser Schafrasse aufzuzeigen und eine Wertschöpfungskette von der Landschaftspflege bis auf den Gourmet-Teller im Tourismus-Resort Andermatt Swiss Alps zu etablieren.» Das Engadinerschaf, das höchste Ansprüche an Nachhaltigkeit (Bio) erfülle, solle sich zu einer lohnenden neuen bäuerlichen Einnahmequelle entwickeln, sagte Erika Hiltbrunner.

Das Projekt Engadinerschafe stösst im Urserntal nicht überall auf Akzeptanz. «Es besteht aber dringend Handlungsbedarf», sagte Christian Körner. «Wir sind verpflichtet das Kulturland, das von Generationen vor uns geschaffen wurde, für die kommenden Generationen zu pflegen und zu erhalten. Wenn wir nichts tun, wachsen die Erlen weiter.»

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