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Entwicklungsarbeit: Urner greift weltweit Bauern unter die Arme

Seit über 35 Jahren arbeitet Hugo Gisler in der Entwicklungszusammenarbeit. Besorgt beobachtet der Altdorfer den anhaltenden Run auf Bodenschätze und fruchtbares Ackerland in Afrika.
Christof Hirtler
Der erfahrene Tropenagronom Hugo Gisler hat seine Homebase im Krebsried in Altdorf. (Bild: Christof Hirtler (Altdorf, 24. Mai 2018))

Der erfahrene Tropenagronom Hugo Gisler hat seine Homebase im Krebsried in Altdorf. (Bild: Christof Hirtler (Altdorf, 24. Mai 2018))

Hugo Gisler, der freundliche, bescheidene Mann mit dem grauen Bart hat seine «Homebase» in Altdorf aufgeschlagen. Von Beruf Tropenagronom, war er in über 30 Ländern Afrikas, Asiens oder im Balkan tätig. Manchmal für Monate, oft für Jahre. Seine Arbeitgeber sind nebst dem IKRK (Internationales Komitee vom Roten Kreuz) die Deza, die Di­rektion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes, Intercooperation, WFP (World Food Programm, UNO-Welt-Ernährungsprogramm) oder Industriefirmen, wie die Remei AG in Rotkreuz, die im ökologischen Anbau von Biobaumwolle tätig ist.

Hugo Gisler, wie wird man Tropenagronom?

Ich besuchte das Kollegium in Altdorf, schon damals interessierten mich die Entwicklungszusammenarbeit. Tropenagronomie, konnte man in den 1970er-Jahren nicht studieren: Ich habe mir das Studium zusammengezimmert, mit Semestern in Forstwirtschaft und Agrarwirtschaft an der ETH und am Tropeninstitut in Basel.

Was stand bei Ihnen im Vordergrund?

Ich wollte die problematischen Seiten der Welt kennen lernen, nahe dran sein, wo Politik gemacht wird in den verschiedensten Krisen- und Konfliktsituationen, als Voraussetzung für ein «zusammen Entwickeln», um lokale Lösungen zu schaffen.

Sie hatten grosse Pläne aber keine Erfahrung. Was nun?

Der ideale Bewerber für die ­Entwicklungszusammenarbeit musste 35 Jahre alt sein, mit 10 Jahren Berufserfahrung und nicht verheiratet. Ich war erst 26, hatte keine Erfahrung, viele Bewerbungen verliefen im Sand. Das deutsche Unternehmen Buchler GmbH in Braunschweig gab mir eine Chance. Die Firma handelte mit Chinin-Sulfaten, das von Chinarindenbäumen gewonnen wird, hauptsächlich zur Herstellung von Herzmedikamenten und zur Malaria-Prophylaxe.

Was war Ihre Aufgabe?

Sie suchte einen Plantagenmanager für ihre 600 Hektaren grosse Tee-, Kaffee- und Chinarinden-Pflanzungen im Grenzgebiet zwischen Kongo und Ruanda, am Kivusee. Dort arbeitete ich zwei Jahre: Ein klassischer Fehlstart also für eine Karriere in der Entwicklungszusammenarbeit oder den Versuch, auf Umwegen Erfahrungen zu sammeln!

Danach ging es zurück in die Schweiz.

Nach einem Engagement als Aushilfslehrer an der Sekundarschule in Altdorf bekam ich 1985 meinen ersten Job. Mein Arbeitgeber war die «Intercooperation», eine private schweizerischen Entwicklungsorganisation zur Umsetzung von Deza-Projekten.

Was war das für ein Projekt?

Ich wurde ins im Südliche Hochland von Tansania geschickt, um Kleinbauern zu beraten. Das Ziel war durch Einkreuzen des lokalen Rindviehs die Milchleistung zu steigern und damit das Einkommen und den Lebensstandard der Bauernfamilien zu verbessern.

Haben Sie das Ziel erreicht?

Der Erfolg oder das Gelingen beruht immer auf Gegenseitigkeit und stützt sich auf das Zwischenmenschliche oder, wie es so schön heisst, auf die Sozialkompetenz. Wenn es mir gelingt, die Partner, in diesem Falle Kleinbauern, aus ihrem Verständnis von «wir haben nichts, also können wir auch nichts erschaffen» herauszuführen und auf ein «Aha»-Niveau anzuheben, ist der Erfolg zur Hälfte gesichert.

Wie verlief das Projekt?

Nach drei Jahren in Tansania zählte ich in meinem Distrikt 3000 aktive Projektbauern. Neben dem Pflanzenbau mit Tee, Mais, Kaffee und Bohnen erarbeiteten sich die Bauern ein zweites Standbein, die Milchproduktion. Damit steigerten sie ihr Einkommen. Sie bauten Milchsammelstellen und organisierten sich in Genossenschaften. Molkereien und Käsereien entstanden. Wir machten nichts anderes, als das Know-how der Bauern zu erweitern und sie an den Markt anzubinden, damit sie ihre Produkte verkaufen und davon leben können.

Wie funktioniert Entwicklungszusammenarbeit?

Es braucht den gegenseitigen Respekt, selbst wenn es nicht so toll läuft. Die Partner in der Nothilfe, dem Wiederaufbau oder der Entwicklungszusammenarbeit, vom Staatsfunktionär bis zum einfachen Bauern, bringen die unterschiedlichsten Voraussetzungen mit. Es ist die grösste Herausforderung, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen.

Können Sie ein Beispiel machen?

Eine nicht alltägliche Herausforderung war die Zusammenarbeit mit Menschen, die weder lesen, schreiben und rechnen können. Der Südsudan ist diesbezüglich ein extremer Fall. Ausbildung ist das «A» und «O» jeglicher Zusammenarbeit und Entwicklung.

Warum versagt das Bildungssystem in diesem Teil der Welt?

Weshalb der Nahe Osten und ­Afrika wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch derart im Rückstand sind, liegt in den Bildungszielen. Es fehlt das kritische Denken, die Kultur der Neugier und des Fragens. Im afrikanischen Schulsystem glänzt, wer am besten Nachahmen und Auswendiglernen kann. Das Verstehen und das Erkennen von Zusammenhängen bleibt auf der Strecke. Das logische Verknüpfen und Vernetzen ist kein Bildungsziel.

Kommen die neuen Kolonialisten als Investoren?

Mich interessieren die Hintergründe: Warum entstehen Konflikte? Eine der wichtigsten Ursachen ist der Machtfaktor Erde, der Run auf Bodenschätze. Saudi-Arabien ist nur einer der Global Player, die auf Beutezug gehen. Die Arabischen Emirate sind auf demselben Weg. Südkorea und Indien mischen schon lange mit, und China ist mit seinen prall ­gefüllten Devisenkonten der gierigste Käufer, getrieben von Überschwemmungen und Dürren zu Hause. Eine Reihe befestigter Häfen und Militärbasen, die sogenannte Perlenkette, die sich auf den Karten der Strategen offenbart, zieht vom Chinesischen Meer rund um Indien und Pakistan hinüber bis nach Kenia. Dort baut China in Lamu einen der grössten Häfen der Welt, um die Schätze Afrikas abzuholen.

Was ist die Folge?

Fruchtbares Ackerland wird zur Tragödie, so paradox dies klingt. Der Klimawandel hat es noch wertvoller gemacht. In vielen Teilen der Welt wachsen die Wüsten und verschlingen die Felder, gleichzeitig explodiert der Bedarf an Getreide. Welthandel, Regierungen und Konzerne haben hier längst reiche Beute im Visier. Die neuen Kolonialmächte sind längst im Vormarsch.

Was wäre ein Beispiel dafür?

Die Region Gambela, im Südwesten von Äthiopien, hat viel fruchtbares Land und ausreichend Regen. Die Regierung hat 42 Prozent der Fläche Gambelas an ausländische Investoren verpachtet. Ein Konzern aus Saudi-Arabien hat sich dort einen ganzen Landstrich unter den Nagel gerissen. Das ist kein Megaprojekt sondern ein Gigaprojekt. Versuchsanlagen für Reis. Reis gehört hier nicht her. Äthiopien kennt dieses Getreide nicht.

Was ist aus den Menschen geworden, die dort früher ihre Felder hatten?

Ihre notdürftigen Unterkünfte sind über die ganze Region verstreut. Sie wurden nicht gefragt, ob sie ihr Land abtreten wollen, sie wurden verjagt, völlig legal. In der sozialistischen Diktatur Äthiopiens gehört alles Land der Regierung. Diese Familien haben ihre Felder seit Generation bebaut, aber das gab ihnen kein verbrieftes Recht, das sie hätten einklagen können. Nun sind sie im eigenen Land nur noch geduldet. Abgesunken von Bauern zu Almosenempfängern, weil ihr Land zu wertvoll wurde.

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