«Er ist immer krimineller geworden»

Ignaz W. soll 15 Jahre ins Gefängnis, Sasa S. 12½ Jahre. Dies beantragt Oberstaatsanwalt Bruno Ulmi. Das Opfer macht 40 000 Franken Genugtuung geltend.

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Von links: einer der Laienrichter, der angeklagte Barbetreiber und dessen amtlicher Verteidiger. (Bild: Zeichnung Aleksandra Mladenovic)

Von links: einer der Laienrichter, der angeklagte Barbetreiber und dessen amtlicher Verteidiger. (Bild: Zeichnung Aleksandra Mladenovic)

62 Befragungen durch die Polizei, 35 durch die Staatsanwaltschaft, 10 vor den Schranken des Gerichts, 2 psychiatrische Gutachten, 20 Entscheide betreffend Haftentlassung respektive -verlängerung, 8000 Seiten Akten und ein zwei Wochen dauernder Prozess: «Alles das haben wir einem Altbekannten des Landgerichts Uri zu verdanken», sagte Oberstaatsanwalt Bruno Ulmi gestern bei der Eröffnung seines gut 4 Stunden dauernden Plädoyers. Er meinte damit den 44-jährigen Erstfelder Barbetreiber Ignaz W. Dieser musste sich in den vergangenen Jahren mehrmals vor Gericht verantworten, vor allem wegen Körperverletzung und Drohung. «Ignaz W. ist im Laufe der Zeit in beängstigender Weise immer krimineller geworden», hielt Ulmi fest. «Und diese kriminelle Laufbahn hat mit den nun zu beurteilenden Delikten ihren Höhepunkt erreicht.»

Für Ulmi gibts keine Zweifel

«Es liegen keine Geständnisse vor», stellte Ulmi einleitend fest. Die Staatsanwaltschaft müsse somit den Beweis für die Schuld der beiden Angeklagten auf andere Weise zu erbringen versuchen: mit direkten Beweisen und mit Indizien. Für Ulmi steht aufgrund derselben nach knapp zwei Jahren fest: «Ignaz W. hat Sasa S. beauftragt, seine Ehefrau Nataliya K. zu töten. Er hat die Tat zusammen mit dem 24-jährigen Kroaten geplant, hat ihm die Waffe für diese Tat verschafft und ihn dafür bezahlt.» Vor Gericht war gestern von 20 000 Franken die Rede. Für Ulmi kommt nur Sasa S. als Täter in Frage. So sei die Tatwaffe bei seiner damaligen Freundin gefunden worden. Auch habe eine der Zeuginnen mehrmals – zuletzt am Montag vor den Schranken des Gerichts – ausgesagt, dass Sasa S. ihr gegenüber die Tat gestanden habe. «Diese Zeugin ist glaubwürdig, denn sie hatte Kenntnisse über den Tathergang, die sie nur vom Täter haben konnte», zeigte sich Ulmi überzeugt.

Im Weiteren hätten mehrere Zeugen Sasa S. aufgrund des Phantombilds, auf Fotowahlbogen und Videoabspielungen erkannt. So sei er unter anderem zweifelsfrei als derjenige Mann identifiziert worden, der kurz vor der Tat am Arbeitsort des Opfers aufgekreuzt sei. Ein weiterer Zeuge habe glaubhaft versichert, dass Sasa S. kurz vor der Tat neben ihm an der Bushaltestelle beim Bahnhof gestanden und danach Richtung Tatort gelaufen sei. Schliesslich habe eine Zeugin ausgesagt, dass sie die Schüsse gehört und dass Sasa S. kurz danach – vom Tatort herkommend – an ihr vorbeigegangen sei.

Gewalt und Drohungen im Spiel

Für Ulmi ist aber auch klar, dass Ignaz W. den Auftragskiller angeheuert hat. Einerseits habe er sich über Jahre mehreren Zeugen gegenüber dahingehend geäussert, dass es ihm ein Anliegen sei, «seine Frau zu beseitigen». Es sei auch kein Problem, «Leute zu finden, die diese Sache für mich erledigen». Häusliche Gewalt und Drohungen hätten dazu geführt, dass Nataliya K. schliesslich von der Opferhilfe im Frauenhaus untergebracht worden sei. Unter anderem habe Ignaz W. seiner Frau gedroht, dass sie «ein Loch im Kopf haben könnte», wenn sie etwas wegen seines Schwarzgelds ausplaudere. Bei einer Schweizer Grossbank sind im Rahmen der Untersuchungen zwei auf Ignaz W. lautende Konten mit insgesamt rund 200 000 Franken entdeckt worden.

Grosses Erbe zu verteilen

«Mit der ‹Beseitigung› seiner Frau wollte Ignaz W. seine akuten Geldprobleme lösen», zeigte sich der Oberstaatsanwalt gestern überzeugt. «Im Scheidungsverfahren riskierte er, das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn zu verlieren», so Ulmi. «Der hoch verschuldete lgnaz W. hatte vorgängig im Hinblick auf eine grössere, von seinem Vater erwartete Erbschaft zu Gunsten des Sohnes auf seinen Erbteil verzichtet.» Damit habe er verhindern wollen, dass dieses Geld in die Hände seiner Gläubiger gerate. «Durch den Tod seiner Ehefrau hätte lgnaz W. über seinen Sohn wieder auf dieses Erbe zugreifen können», argumentierte Ulmi. Er erwähnte in diesem Zusammenhang, dass es dabei doch um erhebliche Beträge gegangen sei. So habe das Vermögen des Vaters von Ignaz W. vor rund zehn Jahren noch 3,2 Millionen Franken und Ende 2010 immerhin noch 1,4 Mio. Franken betragen. Zudem seien noch zwei Grundstücke im Spiel, die im Falle einer Umzonung einen Wert von rund 2 Millionen Franken erhalten könnten.

Versicherung und Unterhaltspflicht

Weiter erwähnte der Staatsanwalt, dass Ignaz W. als begünstigtem Ehepartner beim Ableben von Nataliya K. die Lebensversicherung im Betrag von 36 000 Franken ausbezahlt würde. Diese sei erst zum Zeitpunkt abgeschlossen worden, als der Haussegen bei Ignaz W. und Nataliya K. bereits schief gehangen habe. Und schliesslich hätte lgnaz W. im Falle des «Ablebens» seiner Frau auch eine künftige Unterhaltsverpflichtung abwenden können.

Auf Holländer geschossen

Das Strafmass bei einem vollendeten Mord liege bei 16 Jahren Gefängnis, führte der Staatsanwalt gestern aus. Beide Angeklagten seien voll schuldfähig. Dass es beim Versuch geblieben sei, dürfe nur wenig strafmildernd in Betracht gezogen werden. Aus diesem Grund fordert Ulmi für Ignaz W. wegen versuchten Mordes in Mittäterschaft und wegen versuchter Tötung 15 Jahre Freiheitsstrafe. Zur versuchten Tötung: Der Staatsanwalt erachtet es als erwiesen, dass Ignaz W. am 4. Januar 2010 vor der Night-Bar Taverne in Erstfeld mit einer Pistole einen gezielten Schuss in Richtung eines zirka 10 bis 15 Meter entfernten Holännders abgegeben hat. Mit diesem soll er sich kurz zuvor in der «Taverne» gestritten haben. Für Sasa S. fordert der Oberstaatsanwalt wegen versuchten Mordes 12½ Jahre Gefängnis, als Zusatzstrafe zur bereits von der Obwaldner Staatsanwaltschaft beschlossenen Haft von 18 Monaten.

Am Freitag hielt auch die Vertreterin der Privatklägerschaft ihr Plädoyer. Opfer Nataliya K. macht eine Genugtuung von 40 000 Franken geltend. Am kommenden Montag, 8.30 Uhr, wird der öffentliche Prozess mit den Plädoyers der beiden Verteidiger fortgesetzt.

Bruno Arnold / Neue UZ