Remo Baumann stemmt sich gegen Autonomieverlust

Nach acht Jahren als Mitglied des Gemeinderats steht Remo Baumann nun an der Spitze. Neues Leben möchte er dem Bistro an der Schifflände einhauchen, doch ihm sind die Hände gebunden. Seine Kritik richtet sich an die Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee.

Philipp Zurfluh
Drucken
Teilen
Gemeindepräsident Remo Baumann: «Wir wollen der Bevölkerung eine attraktive Wohnlage bieten.» (Bild: Urs Hanhart, Flüelen, 14. Januar 2019)

Gemeindepräsident Remo Baumann: «Wir wollen der Bevölkerung eine attraktive Wohnlage bieten.» (Bild: Urs Hanhart, Flüelen, 14. Januar 2019)

Für Remo Baumann kam das Präsidentenamt nicht überraschend. Von der Bezeichnung «ins kalte Wasser geworfen» kann keine Rede sein. Die Funktion wurde ihm quasi mit auf den Weg gegeben. «Die Wahrscheinlichkeit, dass die Frage auftaucht, ob ich nach acht Jahren im Gemeinderat den Vorsitz übernehmen möchte, ist doch sehr gross. Dieses Szenario hat sich rasch herauskristallisiert», sagt er und lacht. Mit Motivation, Freude und einer Portion Respekt nimmt der seine Amtszeit in Angriff. «Für mich ist das Präsidentenamt Würde und Bürde zugleich.»

Der 42-Jährige ist Mitinhaber der Anwaltskanzlei Muheim Merz Baumann. Die Firma hat je einen Standort in Altdorf und Zug. Somit ist der gebürtige Wassner oft unterwegs. Für ihn kein Nachteil: «Ich habe in diversen Kantonen zu tun, das erweitert meinen Horizont. Suchen mich die Bürger, finden sie mich auch.»

«Wenn ein Jurist im Gemeinderat sitzt, schadet das bestimmt nicht.»

Baumann tritt in grosse Fussstapfen: Der Nachfolger von Simon Arnold – dieser trat nach zwölf Jahren im Gemeinderat, davon sechs Jahre als Präsident, zurück – ist sich bewusst, dass er von den Flüelern als anderer Präsident wahrgenommen wird. «Mein Vorgänger war praktisch jeden Tag im Dorf anzutreffen.» Er hoffe natürlich, Arnold würdig zu vertreten. «Ich denke, das wird mir gut gelingen.» Wichtig sei es, den Austausch zu pflegen und Teamplayer zu sein. Ein Gemeindepräsident, der hauptberuflich eine juristische Tätigkeit ausübt, ein grosser Vorteil für Flüelen? «Wenn ein Jurist im Gemeinderat sitzt, schadet das bestimmt nicht», sagt Baumann und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Für die Verwaltung erleichtere das teilweise die Arbeit, wenn auf eine externe juristische Meinung verzichtet werden kann.

Sanierung des Schulhauses Matte steht im Fokus

2019 wird den Flüeler Gemeinderat vor allem die Sanierung des Schulhauses Matte beschäftigen. «Noch in diesem Jahr wollen wir das Projekt kredittechnisch unter Dach und Fach bringen.» Der Grossteil der Sanierung soll ab Frühjahr 2021 abgewickelt werden können. Es gibt bereits einige Ideen, wie der Bau aussehen soll, noch ist aber nichts in Stein gemeisselt. Auch die finanziellen Möglichkeiten werden ausgelotet. «Die Pläne werden derzeit verfeinert.» Noch dieses Jahr soll das Kreditbegehren vor das Volk gelangen.

Zur Person: Studium an der Universität Bern

Remo Baumann (FDP) ist 42-jährig und in Wassen aufgewachsen, wo er auch die Primarschule besucht hat. Nachdem er via Sekundarschule das Gymnasium absolvierte, zog es ihn nach Bern. Er erwarb an der Universität das Lizenziat der Rechtswissenschaften und anschliessend das Anwaltspatent des Kantons Uri. Der Flüeler ist Mitinhaber der Anwaltskanzlei Muheim, Merz und Baumann, die je einen Standort in Altdorf und Zug hat. Zu seinen Hobbys gehören Skifahren und Langlauf. Remo Baumann ist ledig und nimmt seit 2010 im Gemeinderat Einsitz. (pz)

Stirnfalten bereiten dem amtierenden Präsidenten die bröckelnde Gemeindeautonomie. Der Flüeler nennt das Bauwesen als Beispiel: «Immer mehr Aufgaben werden an kantonale Stellen delegiert.» Die Gemeinde werde zunehmend umgangen. «Wir müssen unbedingt Sorge zur Eigenständigkeit tragen», gibt er zu bedenken.

In Flüelen gibt es praktisch keine freien Flächen mehr

Mit einem Steuerfuss von 93 Prozent hat Flüelen einer der tiefsten im ganzen Kanton. Geht es nach Baumann, soll dies auch über Jahre hinaus so bleiben. «Wir wollen der Bevölkerung attraktive Wohnlage bieten», unterstreicht er. Dafür müssten die Rahmenbedingungen stimmen und eine davon seien tiefe Steuern. Bei den räumlichen Entwicklungsmöglichkeiten ist die Gemeinde klar eingeschränkt: «Es gibt praktisch keine freien Flächen mehr.» Verdichtung bleibt somit die einzige Möglichkeit. Optimierungspotenzial und Möglichkeiten für eine Attraktivitätssteigerung gibt es bei der Schifflände. «Das ist auch ein persönlicher Wunsch, und es wird aller Voraussicht auch längere Zeit einer bleiben», glaubt Baumann. Dieser Bereich an der Seepromenade gehört der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersees (SGV). Es gibt immer wieder Gespräche. Wenn Baumann davon erzählt, dass Flüelen mittlerweile mehr ein- und aussteigende Schiffsgäste als Brunnen hat, schwingt etwas Stolz mit.

Baumann lässt kein gutes Haar an Schifffahrtsgesellschaft

Das Bistro, welches direkt an der Schifflände liegt, ist eigentlich ein idealer Ort zum Verweilen. «Deshalb ist es unverständlich, dass die SGV das Bistro verlottern lässt», gibt Baumann unumwunden zu. Sie habe wohl andere Projekte im Fokus, als das Lokal aufzumöbeln. «Wir führen immer wieder Gespräche, doch diese haben bislang nicht gefruchtet.» Für Baumann ist klar: «Falls die SGV das Bistro nicht mehr betreiben möchte, bietet die Gemeinde im Rahmen ihrer Möglichkeiten Hand, es Interessenten zur Verfügung zu stellen, die sich eine Pacht der Räumlichkeiten vorstellen können.» Der Gemeindepräsident verweist im selben Atemzug auf das Seerestaurant in Seedorf, das er als lobendes Beispiel nennt.

«Es ist unverständlich, dass die Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee das Bistro verlottern lässt»

Der Jurist blickt derzeit gespannt nach Seedorf und Bauen. Der Grund: Die Gemeinden planen, sich per 1. Januar 2021 zusammenzuschliessen. Bereits im Herbst 2019 soll die Urnenabstimmung über den entsprechenden Fusionsvertrag erfolgen. Auch die Rolle des Kantons bei den Fusionsverhandlungen beobachte er mit Interesse. Ist gar eine Fusion mit Sisikon denkbar? Der Jurist meint: «Vorstellbar ist alles. Der Gemeinderat pflegt mit den Nachbargemeinden Sisikon und Seedorf einen regelmässigen Austausch auf Stufe Gemeinderat und weiss genau, wo der Schuh drückt.» Doch der Präsident relativiert: «Sisikon hat eine angespannte finanzielle Situation, das ist uns bewusst, eine Fusion kommt derzeit aber für beide Gemeinden nicht in Frage.» In gewissen Bereichen würden bereits Synergien genutzt. Laut Baumann soll diese Zusammenarbeit weiter bestehen und kontinuierlich verbessert werden.

In der Seegemeinde wohnen viele Pendler, die mit dem Bahnhof Flüelen von idealen Verbindungen in den Norden und den Süden profitieren. «Im Moment haben wir noch eine äusserst komfortable Situation.» Doch nach der Inbetriebnahme des Kantonsbahnhofs in Altdorf droht die Seegemeinde abgehängt zu werden. Baumann sagt: «Wir haben die Zusicherung, dass die Interregio-Züge und die S-Bahn weiter in Flüelen Halt machen werden. Wir werden den Prozess weiter kritisch beäugen und uns zu Wort melden, falls uns etwas nicht passt.»

UKB-Strategiewechsel: «Für mich nicht nachvollziehbar»

Viel zu reden gegeben im Kanton Uri hat der Strategiewechsel der Urner Kantonalbank (UKB). Betroffen davon ist auch Flüelen. In der Geschäftsstelle Flüelen wird zwar die 24-Stunden-Zone weitergeführt. Der bisherige Kundenberater bedient die Kunden aber ab April 2019 neu in Altdorf oder bei ihnen zu Hause. Eine Massnahme, die der Gemeindepräsident mit viel Unbehagen aufgenommen hat. «Für mich persönlich ist der Schritt nicht nachvollziehbar.» Erstaunt sei er vor allem über den radikalen und nicht verhältnismässigen Ansatz. Bislang hat sich die Gemeinde mit einer öffentlichen Stellungnahme nicht geäussert – im Gegensatz zu Erstfeld und Bürglen, die ihr Ärgernis zum Ausdruck brachten. «Wir haben entschieden, uns zurückzuhalten.» Dennoch bleibt Flüelen nicht inaktiv. Remo Baumann gibt sich kämpferisch: «Wir verfolgen die Strategie, uns mit den anderen Urner Gemeinden zu diesem Thema auszutauschen und mit ihnen Entscheide zum weiteren Vorgehen zu fällen.»

Die «Urner Zeitung» stellt in loser Folge die neuen Urner Gemeindepräsidenten vor. Bereits erschienen sind die Porträts von Renata Graf, Hospental (5. Januar), Toni Stadelmann, Seedorf (9. Januar), Bruno Gamma, Schattdorf (12. Januar), und Iwan Imholz, Unterschächen (17. Januar).

Iwan Imholz steht einer Vorzeigegemeinde vor

Nach gerade mal vier Jahren als Vizepräsident steht Iwan Imholz seiner Heimatgemeinde vor. Zu verdanken hat er das seinem Vater und dem Aufwachsen in einem lebendigen Bergdorf, in dem Mitwirkung etwas Selbstverständliches ist.
Carmen Epp