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Urner Wortkünstler zeigt die Beute einer jahrelangen «Kopfweltjagd»

Seit bald 20 Jahren erfindet René Gisler Wörter. Nicht weniger als 16000 davon bringt der in Luzern lebende Urner Künstler nun zwischen zwei Buchdeckel.
Carmen Epp
Spielt mit Buchstaben und Wörtern: René Gisler in seinem Atelier. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern, 3. Mai 2019)

Spielt mit Buchstaben und Wörtern: René Gisler in seinem Atelier. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern, 3. Mai 2019)

Am Anfang war das Wort – nicht nur in der Bibel, sondern auch bei René Gisler. Im Kanton Uri aufgewachsen, lebt er seit 1983 in Luzern, wo er seit 25 Jahren als bildender Künstler tätig ist.

Die zentrale Rolle seines Schaffens spielen Wörter. Allerdings nicht solche, die sich in Wörterbüchern finden lassen; Gisler erfindet sie. Indem er aus zwei Wörtern ein neues schafft. Solche sogenannten Kofferwörter sind dann etwa Narkoseworte, Dauenkino oder Lügestützen.

Tippfehler als Quelle der Inspiration

Zu diesen Worterfindungen sei er gleich mehrfach inspiriert worden, erklärt Gisler. Zum einen durch das Lesen von klassischen Enzyklopädien. «Ich fand es spannend, die in Silben fragmentierten Wörter anzuschauen», sagt der 52-Jährige. Mit jeder Trennung eröffne sich eine neue Kombinationsmöglichkeit, etwa, indem man die Vorsilben austauscht. Gisler nennt als Beispiel das Verb binden, das zu verbinden, entbinden, aber auch zerbinden und bebinden werden kann. «Für mich ist das Spannende, sich dann vorzustellen, was das sein könnte, dieses Zerbinden. Das Wort wird zur Projektionsfläche.» Zum anderen sei er auch im Alltag immer wieder auf neue Wörter gestossen. Auf einer Wand etwa, an der ein Plakat ein anderes überdeckt und so die Wörter nur teilweise zu lesen sind. Oder in Vertippern wie akutuell, Tastsachen oder Steueramnesie. «Normalerweise wird man so was überlesen oder als Tippfehler abtun», erklärt Gisler. Und weiter:

«Wird der Leser aber direkt mit Worterfindungen konfrontiert, mit dem Zaunpfahl quasi, fängt er an, zu interpretieren.»

Er verstehe sich deshalb als Bildhauer, der mit dem Wort ein Bedeutungsfeld umreisst, das jeder einzelne Leser mit seiner Vorstellung füllt, oder aber – um bei einer seiner Wortschöpfungen zu bleiben – als Kopfweltjäger.

Die so über die Jahre erbeuteten Worterfindungen baut Gisler entweder in seine Kunst ein, etwa als Schriftzug an einer Fassade oder in Form eines Memorys. Oder er stellt die Worterfindungen ganz ins Zentrum, wie 2001 mit seinem ersten Wörterbuch mit dem Titel «Der Enzyklop». Rund 3000 Worterfindungen von A wie Aallee bis Z wie Zwistern auf 168 Seiten befinden sich darin.

Daraufhin meldeten sich immer öfters Leser, Gleichgesinnte, die ebenfalls Gefallen am Kreieren von Wörtern gefunden hatten, mit eigenen Vorschlägen bei ihm. Die Einsendungen wurden schliesslich so zahlreich, dass sich Gisler 2006 dazu entschloss, einen Weblog ins Leben zu rufen, auf dem er und weitere Personen ihre Worterfindungen publizieren können.

Damit schien der Künstler einen Nerv getroffen zu haben: 50 feste Autoren aus dem deutschsprachigen Raum – davon ein Grossteil aus der Zentralschweiz – haben regelmässig neue Wörter publiziert, kommentiert und untereinander verlinkt, 20 sind bis heute aktiv. Daneben haben 300 Personen einmalig oder sporadisch via E-Mail mitgewirkt. Das Resultat dieser Sammlung bringt Gisler nun erneut zwischen zwei Buchdeckel. Im Vergleich zum damals eher handlichen «Enzyklop» ist das neue Werk nicht nur erwachsen, sondern auch ganz schön gross geworden: Nicht weniger als 16000 Stichwörter werden im 1064 Seiten starken und fast 4 Kilogramm schweren Werk aufgelistet und erklärt – fast so wie man es in einer Enzyklopädie erwarten würde.

Gigantismus ist Teil des Kunstprojekts

Ebenso wuchtig kommt der Titel daher: «Thesaurus rex», vom altgriechischen Wort thesaurós für «Schatz, Schatzhaus» und dem lateinischen rex für «König». Zusammengehalten werden die zwei Begriffe durch den Tyrannosaurus rex, den fleischfressenden Giganten der Kreidezeit.

Dieser Gigantismus ist durchaus gewollt, sagt Gisler. «Das Sperrige, Klobige ist Teil des Kunstwerks, ein Statement zur Sprache und Deutungshoheit.» Dass er das Werk in diesem Ausmass umsetzen konnte, hat Gisler nicht zuletzt der Albert-Koechlin-Stiftung zu verdanken, die das Vorhaben im Rahmen des Kulturprojekts «Die andere Zeit» unterstützt. Daneben sprachen verschiedenen Zentralschweizer Stiftungen und Institutionen Beiträge, zudem wurde einen Teil der Kosten via Crowdfunding gesammelt.

Und wer soll dieses gedruckte Statement kaufen, das mit einem Preis von 98 Franken auch nicht gerade günstig ist? Gisler lacht, die Antwort kommt schnell: «Wahnsinnige!» Wobei das Kaufen des Buches definitiv nachhaltiger sei, als sich eine Jeans inklusive vorgefertigter Risse zum selben Preis zu erstehen.

«Thesaurus rex» feiert zwei Buchvernissagen: Die erste am 23. Mai, ab 20 Uhr im Neubad in Luzern anlässlich des 1. Kongress der Worterfinderinnen und Worterfinder. Am 25. Mai, von 16 bis 18 Uhr präsentiert René Gisler sein Werk im Haus für Kunst in Altdorf. An beiden Anlässen wird es eine Lottospeech geben. Weitere Veranstaltungen werden unter www.thesaurusrex.ch publiziert.

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