ERFAHRUNGSBERICHT: Brustkrebs: «Freue mich auf jeden neuen Tag»

Eine Urnerin erzählt von ihrem Schicksal – nicht um Mitleid zu erhalten, sondern um allen Betroffenen Hoffnung zu machen.

Alois Furrer-Truttmann
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Eine Frau tastet die Brust mit den Fingern ab. Brustkrebs ist bei Schweizer Frauen die häufigste Krebsart. (Archivbild Manuela Jans)

Eine Frau tastet die Brust mit den Fingern ab. Brustkrebs ist bei Schweizer Frauen die häufigste Krebsart. (Archivbild Manuela Jans)

Brustkrebs ist in der Schweiz bei Frauen die häufigste und am meisten zum Tod führende Krebsart: 5400 erkranken jährlich daran, 1400 sterben. Die Krebsliga Schweiz und Brustkrebsspezialisten möchten diese Zahl durch systematische Früherkennungsprogramme senken. Auch im Urner Landrat ist ein entsprechender Vorstoss hängig. Irma Zurfluh, eine 54-jährige Erstfel­derin, hat eine Brustkrebsoperation hinter sich. Sie schildert ihre damit verbundenen Erlebnisse. Auf die Frage, wieso sie dies in aller Öffentlichkeit tue, antwortet sie: «Ich will auf keinen Fall mich selber in den Vordergrund stellen oder gar auf Mitleid hoffen. Ich will einfach nur allen Menschen, welche die Diagnose Brustkrebs erhalten, Mut machen.» Dass Krebs nicht unbedingt Tod heisst, hat sie am eigenen Leib erfahren.» Es brauche aber eine enorme Kraft und viel Mut, und es sei sehr wichtig, dass man die Hoffnung nie aufgebe. Man müsse sich einem harten Kampf stellen. Zurfluh zitiert dabei den deutschen Schriftsteller Bertolt Brecht: «Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat bereits verloren.»

«Ganze Familie hat gelitten»

Als zierliche, aufgestellte, modisch chic gekleidete Frau erscheint Irma Zurfluh zum Gespräch an ihrem Arbeitsplatz, der Neat-Kantine in Amsteg. Nur wenigen ist bekannt, wie das Jahr 2012 für sie und ihre Familie verlief. «Nicht gut», meint sie. «Die ganze Familie hat gelitten, als die dunklen Wolken aufzogen.» Angefangen hat es im März, als ihr Mann Bruno bei einem Arbeitsunfall zwei Finger verlor. «Nadja, unsere 24-jährige Tochter, und ich sorgten uns sehr um ihn.» Bruno habe es erstaunlicherweise lockerer genommen und immer wieder gesagt, das Geschehene müsse man nicht nur akzeptieren, sondern auch lernen, damit umzugehen. «Es gibt nur einen Weg, und der ist, nach vorne zu schauen», lautete seine positive Devise.

Es begann mit Rückenschmerzen

«Damals wusste ich noch nicht genau, was dieser Satz wirklich bedeutet», blickt Irma Zurfluh zurück. Zur gleichen Zeit spürte sie in der rechten Brust einen Knoten, dem sie nicht besondere Beachtung schenkte. Ein paar Wochen später spürte sie nach einer ungeschickten Verrenkung unangenehme Rückenschmerzen. Sie führte es auf ihre Arbeit in der Neat-Kantine zurück. Seit mehreren Jahren reinigt sie dort die Zimmer und bringt die Betten der Arbeiter in Ordnung. Als die Schmerzen im Rücken auch auf die Halswirbel ausstrahlten, konsultierte sie ihren Hausarzt Heinz Eberhard in Altdorf. Er untersuchte sie gründlich und vereinbarte einen Termin zur weiteren Abklärung im Kantonsspital Uri. Irma Zurfluh führte am 19. September 2012 ein informatives Gespräch mit Oberärztin Meike Droste-Vehn. Es folgten Ultraschalluntersuchungen und eine Mammografie. Die Ärztin gab ihr einen Termin für eine Gewebeprobeentnahme (Biopsie) in Luzern. Bald danach teilte man ihr mit, dass man einen Tumor in der rechten Brust gefunden habe. «Meine Tochter Nadine, die mich zu dieser Untersuchung begleitete, begann zu weinen», schildert Irma Zurfluh jenen Moment. «Mir selber kam es vor, als träumte ich oder als ob ich in einem falschen Film wäre. Der Gedanke, dass ich Krebs hatte, war wie ein böser Traum, aus dem ich zu erwachen versuchte, ein echter Schock.»

An den Rand gedrückt

Die Untersuchung der Gewebeproben hatte ergeben, dass der Tumor hormonabhängig und besonders aggressiv sei. Weiter erklärte ihr der Arzt, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch sei, dass die linke Brust ebenfalls befallen sei. Sie rieten ihr, auch an der linken Brust eine Biopsie vorzunehmen. Es war für sie eine grosse Erleichterung, als ihr mitgeteilt wurde, die linke Brust sei nicht befallen. «Ein gesunder Mensch kann sich nicht vorstellen, was man fühlt, wenn man die Diagnose Brustkrebs erhält. Es gibt Hochs und Tiefs, die einen durchschütteln, physisch und psychisch an den Rand drücken», erzählt Zurfluh.

Der 30. Oktober war für sie ein unangenehmer Tag. Sie musste für die Operation in die Frauenklinik eintreten. Es wurde ihr gesagt, dass sie am folgenden Tag um 10.30 Uhr unter Vollnarkose operiert werde. «Viele Gedanken begleiteten mich während der nicht enden wollenden Nacht», schildert die 54-Jährige. «Ich hatte plötzlich grosse Angst, nach der Narkose nicht mehr zu erwachen.» Irma Zurfluh schrieb in diesen schweren Stunden einen Brief an ihre Familie. «Als ich schrieb, erinnerte ich mich an den Gesichtsausdruck meines Mannes. Es beschäftigte ihn damals wohl mehr als mich – er hatte grosse Angst, mich zu verlieren.» Kurze Zeit vorher hatte er erleben müssen, wie ein guter Freund seine Frau durch eine Krebskrankheit verloren hatte.

Die positiven Seiten der Krankheit

Irma Zurfluh kann der Situation im Jahr 2012 nachträglich aber auch Positives abgewinnen: «Der Unfall meines Mannes und mein Brustkrebs schweisste unsere Familie eng zusammen. Ich wusste genau, dass es nur eine Chance zum Überleben gibt: Mut, Hoffnung, kämpfen und auf Gott vertrauen.» Auf die Frage eines Arztes, der sich im Operationssaal nach ihrem Befinden erkundigte, habe sie geantwortet: «Ich schaffe es, denn ich bin stärker als der Krebs.» Um 13.05 Uhr erwachte sie unter Schmerzen aus der Narkose, sie spürte, dass ihre rechte Brust fehlte. Als Erstes zerriss sie den Brief, den sie zuvor geschrieben hatte. «Aber mein Selbstwertgefühl gelangte durch den Verlust meiner Brust auf einem Tiefpunkt an.» Die Operation war gut verlaufen, trotzdem musste Zurfluh am 15. November nochmals operiert werden. Der Chirurg entfernte ihr 16 Lymphknoten. Als Vorsichtsmassnahme folgten mehrere ambulante Chemotherapien im Kantonsspital in Altdorf. «Wegen des Haarverlusts trug ich eine Perücke, daran hatte ich irgendwie Spass.» Irma Zurfluh lacht, als sie weitererzählt. «Sie stand mir gut und sparte mir am Morgen viel Zeit. Perücke auf und fertig!» Später wurde ihre Brust operativ mit einem Expander vorgedehnt und mit Gewebe aufgefüllt, so dass man heute fast keinen Unterschied zur anderen Brust sieht. Stolz sagt Zurfluh: «Ich kann heute problemlos wieder Bikinis tragen, das hat mein Selbstwertgefühl zurückgebracht.»

«Wieder 100-prozentiger Mensch»

Etwas Gutes habe diese Krankheit auch sonst noch gehabt. «Ich lernte meine Freunde kennen. Die einen sorgten sich liebevoll um mich, die anderen wichen aus, weil sie vielleicht befürchteten, etwas Falsches zu sagen.» Sehr geholfen habe ihr in dieser schwierigen Zeit auch ihr Chef Bruno Arnold. «Er stand fürsorglich mit aller Kraft hinter mir und erkundigte sich immer wieder nach meinem Befinden.» Sobald es möglich war, kehrte sie an die Arbeitsstelle zurück. «Das gab mir die Bestätigung, wieder ein 100-prozentiger Mensch zu sein», sagt Irma Zurfluh. «Ich habe gekämpft, den Krebs besiegt, und jetzt freue mich auf jeden neuen Tag. Ich rege mich nicht mehr so schnell auf und geniesse das Leben doppelt.»