Zahl der freiwilligen Helfer verdoppelt sich: «Ersatz-Älpler» erobern die Berge

Bei Alpofon laufen die Drähte heiss. Noch selten wollten so viele Menschen auf einer Alp aushelfen. Bei der Hotline warnt man aber auch vor falschen Vorstellungen.

Christian Tschümperlin
Drucken
Teilen

Die Nachfrage nach Arbeit auf der Alp ist in diesem Sommer gross: Bei Alpofon, der Hotline, die Aushilfen an Älpler und Alpmeister vermittelt, haben sich dieses Jahr fast doppelt so viele Springer gemeldet wie in anderen Jahren. Bisher sind schweizweit 170 Anfragen eingegangen, gewöhnlich sind es knapp hundert. Exakte Zahlen für die Kantone Uri, Nid- und Obwalden liegen erst im Herbst vor. Stefanie Nickel ist eine von drei Frauen, welche die Hotline im nebenberuflichen Ehrenamt betreuen. Sie weiss aber bereits: «Die meisten Anfragen hatten wir für Graubünden, das Wallis und das Berner Oberland. Die Zentralschweiz fällt etwas ab und relativ selten haben wir Gesuche fürs Tessin oder die Romandie.» Das könne aber auch damit zu tun haben, dass das Alpofon in einigen Gegenden bekannter sei als in anderen.

Freiwillige beim Käsen auf der Alp.

Freiwillige beim Käsen auf der Alp.

Bild: PD

Noch vor zwei Monaten befürchtete man einen Älplermangel für diese Saison, weil man davon ausging, dass wegen der Coronakrise nicht genügend ausländisches Alppersonal einreisen könnte. Über die Gründe für die hohe Zahl der Freiwilligen kann Nickel nur spekulieren, vermutet aber aufgrund von Gesprächen: «Weil die Leute wegen Corona weniger ins Ausland verreisen, wollen viele zur Alp.»

Zahlreiche Helfer sind bereits im Einsatz. «Wir konnten schon recht viele Springer vermitteln», sagt sie. Das Alpofon stellt dabei nur den Kontakt zwischen Alp und Freiwilligen her. «Die Konditionen handeln diese untereinander aus.» Wichtig sei, dass der Vertrag nicht per Handschlag besiegelt werde. «Wir empfehlen einen schriftlichen Vertrag nach den Vorgaben der Alprichtverträge.» Der Arbeitstag dürfe 14 Stunden nicht überschreiten, für Hilfen ohne Erfahrung sei ein Lohn von 120 Franken am Tag angedacht, bei erfahrenen Sennern könnten es auch bis zu 200 Franken sein. Unentbehrlich sei eine Versicherung und für Ausländer eine Arbeitsbewilligung.

Nicht nur Alpenromantik, sondern viel harte Arbeit

Dass es zwischen Älplern und Springern auch zu Konflikten kommen kann, gesteht Nickel offen ein: «Nicht selten haben Menschen Vorstellungen vom romantischen Leben in der Alpenidylle», sagt sie. Das Leben auf der Alp sei aber streng: Die Tage sind lang, manchmal fehle es an fliessend Wasser oder Strom. «Auf abgelegenen Alpen kocht man stellenweise noch am offenen Feuer und wäscht sich im Brunnen», sagt sie. Hirten müssten oft weite Strecken zurück legen und Schafhirten sollten keine Höhenangst haben. «Eine reine Hütte-Alp kann unter Umständen etwas gemütlicher sein als eine Kuhalp. Und auf der Kuhalp gibt es gegen Ende Sommer auch etwas weniger zu tun, weil die Kühe weniger Milch geben.» Aber es sei nicht zu unterschätzen. Mache Leute suchten aber genau das: die rustikale Erfahrung. «Es gibt Menschen, die leidenschaftlich gerne zur Alp gehen: Der direkte Kontakt zur Natur, das Panorama und die Sonnenuntergänge – für manche ist es eine Lebensphilosophie».

Es sind nicht nur junge Menschen, die der harten Arbeit auf der Alp gewachsen sind: «Viele pensionierte Älpler melden sich bei uns. Wir haben einen über 70-Jährigen, der jeden Sommer einspringt und von dem alle total begeistert sind», verrät Nickel. Gemeldet haben sich denn auch allerlei Leute, von jungen Schülerinnen bis zu pensionierten Landwirten, Reiseleiter und im kulturellen Bereich Schaffende, Arbeitslose und Hilfsbereite, die wegen der Coronakrise nun viel Zeit haben.

Das Alpofon ist ein Projekt von IG Alp und feiert im Coronajahr sein 20-jähriges Bestehen. Wer sich für einen Einsatz interessiert, kann sich informieren unter: ig-alp.org/alpofon