Reportage

Er hat den S-Pfeiler am Fläugenfadhorn im Kanton Uri zum ersten Mal alleine bestiegen

Dem Flüeler Bergführer Mario Fullin gelang im vergangenen Jahr im Alleingang die Erstbegehung des S-Pfeilers am Fläugenfadhorn im Erstfeldertal. Sein 70-jähriger Vater Toni, ein erfahrener Kletterführer, begleitete ihn auf seiner Route.

Georg Epp
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Wohl jeder Bergführer träumt davon, irgendwann etwas ganz Spezielles zu realisieren, dies war auch so bei Mario Fullin, Sohn des Bergsee-Hüttenwartes und Bergführers Toni Fullin. Seine verrückte Idee, eine Erstbegehung des S-Pfeilers am 2710 Meter hohen Fläugenfadhorn zu realisieren, erstaunte die Kenner der Kletterszene. Vor zwei Jahren begann er, die 910 Meter hohe Wand mit 24 Seillängen mit Schwierigkeitsgrad (6b +) 6b + obligatorisch im Alleingang zu bezwingen.

Bergführerkamerad Aldo Berther an einer exponierten Stelle in der Route «Infiniti».

Bergführerkamerad Aldo Berther an einer exponierten Stelle in der Route «Infiniti».

Bild: Marco Fullin (23. September 2019)

Nach 12 harten Kletter- und Arbeitstagen à je 16 Stunden stand er überglücklich auf dem Fläugenfadhorn. Damit verwirklichte der 47-jährige Bergführer im vergangenen Sommer eine der längsten Kletterrouten unbegangener Wände der Schweiz.

Ein solches Kunstwerk zu vollenden braucht Herzblut und viel Erfahrung. Diese holte sich Mario Fullin bei seinem Vater Toni. Zusammen haben sie mehr als 1000 Seillängen in Kletterrouten und Klettersteigen gebaut.

Marco Fullin und sein Vater Toni absolvierten zusammen die Route «Solo mio» am Fläugenfadhorn.

Marco Fullin und sein Vater Toni absolvierten zusammen die Route «Solo mio» am Fläugenfadhorn.

Bild: Georg Epp (Flüelen, 16. April 2020)

Und mit Andi Banholzer ist der 70-jährige Toni Fullin auch Autor diverser Kletter- und Tourenführer. Zur Route von Mario meint Toni: «Nur noch selten findet man in den Alpen solche naturgegebenen Linien, die ohne technische Unterbrechungsstellen zum Gipfel führen.» Es seien nicht allein die Schwierigkeiten, die das Spezielle dieser Tour ausmachen. Vielmehr sei es die geniale Linie, die Verbindung der einzelnen Aufschwünge zu einer grossen Sinfonie. «Am Schluss gibt es ein grosses Finale, ein einsamer Klettergipfel, der in den letzten 20 Jahren auf der Normalroute über die Nordflanke nur eine Hand voll Begeher gesehen hat», sagt Toni Fullin.

Das 2709 Meter hohe Fläugenfadhorn (Mitte rechts) im Erstfeldertal.

Das 2709 Meter hohe Fläugenfadhorn (Mitte rechts) im Erstfeldertal.

Bild: ZVG

Wohl die wenigsten der heutigen Kletterer können nur erahnen, was es heisst, solch eine Route im Alleingang von unten her einzurichten. Schleppen von zentnerschweren Rucksäcken über Hunderte Meter bis zum Einstieg, ohne sichernden Kameraden ins Ungewisse zu klettern, Haken setzen, Material hochziehen, am Abend absteigen und am nächsten Morgen wieder Hunderte von Metern aufsteigen und die Arbeit fortsetzen. Die grosse Einsamkeit, jede Entscheidung selbstständig treffen, machen wohl das ganze Abenteuer aus. «Nur wenige Kletterer haben in den letzten Jahrzehnten Ähnliches gemacht», ist Toni Fullin überzeugt. Der unvergessene Berg- und Skiführer Kaspar Ochsner aus Interlaken hat mit seinen legendären Sologängen am Wellhorn oder an den Wendenstöcken in dieser Disziplin Geschichte geschrieben.

Hüttenwart Markus Wyrsch: «Mario lebt fürs Klettern»

Gespannt verfolgte Toni Fullin das Abenteuer seines Sohnes. Nur weil er grosses Vertrauen in die Fähigkeiten und Erfahrung seines Sohnes hat, konnte er die Arbeit von Mario einigermassen gelassen verfolgen. Die Freude und Erleichterung an einem schönen Sommerabend Mitte August letzten Jahres war gross, als das erlösende Telefon kam «ich bin oben!». Ein Telefon von Markus Wyrsch, Hüttenwart in der Kröntenhütte, bestätigte ebenfalls, dass alles gut gegangen sei und dass Mario die rund 1000 Meter lange Abseilerei in Angriff genommen habe. Mit Fernrohr verfolgte Markus Wyrsch die Arbeit von Mario mit grossem Interesse. Er meint: «Mario Fullin lebt fürs Klettern auf höchstem Niveau. Eine Kletterroute mit Schwierigkeitsgrad 6b + und 24 Seillängen im Alleingang zu realisieren ist unbestritten eine super Leistung.»

Toni schluckte zweimal leer, als Mario seinen Vater und Lehrmeister einlud, die Route zu zweit zu absolvieren. Obwohl er diese Route gerne klettern möchte, kam das Einverständnis nicht sofort. Dagegen sprachen die strengen Arbeitstage als Hüttenwart auf der Bergseehütte, wenig Kletterpraxis im schweren Fels und als wichtigstes Argument seine 70 Altersjahre. Trotzdem suchte er sofort nach positiven Argumenten, um einwilligen zu können. Er sagte zu sich selber: «Ich muss ja nicht unbedingt am scharfen Ende des Seiles klettern. Zudem habe ich 55 Jahre Erfahrung und noch immer brennt eine grosse Liebe zum Klettern in meinem Herzen. Noch immer gehe ich gerne an mein persönliches Limit und es ist eine Möglichkeit, die Trägheit und Schwere des Altwerdens für einen Tag zu vergessen.»

Toni sagte schliesslich zu und bereits einige Tage später ging es los. Kocher, Schlafsack und sogar eine Flasche Wein hatte er neben der Kletterausrüstung hochgetragen und Mario kümmerte sich um Vater Toni. Etwas Bedenken hatte Toni wegen der Wettervorhersage, denn der Regen hämmerte am Abend relativ stark aufs Zeltdach. Irgendwann in der Nacht sah Toni, dass die positive Wetterprognose von Mario in Erfüllung geht.

Dritter Akt: Vater und Sohn Fullin im Aufstieg

Sobald es Tag wurde, legten Mario und Toni los. Es begann eine lange Kletterei. Mario wollte alles frei klettern und er zog dies auch bis zum Gipfel durch. Teilweise grosse Hakenabstände, nie gefährlich, aber doch für verwöhnte Sportkletterer eine Herausforderung, führten zum Ausstieg aus dem langen mittleren Wandteil. Nur kurze Trinkpausen unterbrachen das pausenlose Klettern. Langsam aber sicher spürte das eingespielte Duo die Klettermeter. Es ging in die vierte Nachmittagsstunde, als sie dann schliesslich auf dem Gipfel auf 2710 Meter standen.

Fläugenfadhorn

Weit unten erschienen die Hütten wie Spielzeuge und die beiden genossen die Ankunft auf dem Gipfel. Toni bedankte sich bei Mario für die grossartige Tour. Für ihn war es ein Ausflug zurück in die Jugend. Und für Stunden vergass er die Last des Alterns.

Per Telefon gratulierte Markus Wyrsch wieder von der Kröntenhütte aus. Er hat das Duo im Aufstieg mit Fernrohr mitverfolgt. Er war von der Tour begeistert und Toni Fullin ist sich sicher: Früher oder später wird Markus Wyrsch dem Locken dieser Route nicht entfliehen können. Weil im untersten Drittel zwei Varianten realisiert wurden, sind somit auch zwei Kletterrouten entstanden: auf der rechten Seite die Route «Solo mio» und auf der linken Seite die Route «Infiniti».

Den Abstieg noch vor Eintreffen der Dunkelheit geschafft

Auch heute wie früher gilt das Zitat: «Wirklich oben bist du erst, wenn du wieder unten bist». «18-Mal Abseilen à 50 Meter, dazu ein paar hundert Meter T4 bis T6 Gelände brachten uns zurück zum Einstieg», sagt Toni Fullin. Das Biwak aufgeräumt, die Rucksäcke gepackt und den 800 Meter steilen Abstieg bis zum Auto im Parkplatz Bodenberg wurden noch vor Einbrechen der Dunkelheit absolviert. Die letzten Sonnenstrahlen erloschen und bald versank der Gipfel im Dunkel der Nacht. In Tonis Herzen brannte ein Licht, das nicht so schnell erlöschen wird.