ERSTER WELTKRIEG: Ein Streik legt die Urner Industrie lahm

Im November 1918 haben sich Urner Industrieangestellte an einem landesweiten Streik beteiligt. Sie protestierten damit gegen prekäre Arbeitsbedingungen.

Romed Aschwanden
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Erstfeld um 1922. Das Dorf war die Urner Keimzelle des Landesstreiks von 1918. (Bild Staatsarchiv Uri/Sammlung Aschwanden)

Erstfeld um 1922. Das Dorf war die Urner Keimzelle des Landesstreiks von 1918. (Bild Staatsarchiv Uri/Sammlung Aschwanden)

«Sie werden hiermit aufgefordert am Montag, den 25. November 1918, nachmittags fünf Uhr vor dem Untersuchungsrichter des Territorialgerichtes 5 im Regierungsgebäude in Altdorf zu erscheinen.» Mit diesen Worten lud die schweizerische Militärjustiz den Altdorfer Edwin Hunziker vor. Die schweizerische Militärjustiz in Uri? Dieser Hunziker musste wohl etwas Schweres verschuldet haben.

Edwin Hunziker wurde am 15. November 1918 in Altdorf verhaftet, nachdem er sich aktiv an der Organisation des Landesstreiks im Kanton Uri beteiligt hatte. Als Gewerkschaftssekretär war er einer der Hauptverantwortlichen des Streikkomitees in Altdorf, das vom 12. bis zum 14. November die Industriebetriebe in Uri zum Stillstand brachte.

Munitionsfabrik wuchs schnell

Doch alles von vorne: Die Geschichte beginnt 1895. Der Bundesrat entschied damals, dass die neue Eidgenössische Munitionsfabrik der Schweiz in Uri stehen soll. Uri, Land der Eidgenossen, Herz der Urschweiz, sichere Burg in den Alpen. Ob solche Zuschreibungen für die Wahl der Reussebene eine Rolle spielten, darüber können wir heute nur spekulieren. Mit Bestimmtheit aber erschien der Kanton Uri als sicherer Standort für die Fabrik, die im Kriegsfall die Schweizer Armee mit Munition versorgen sollte. Umgeben von Bergen und gesäumt vom Vierwaldstättersee, bildete Uri eine natürliche Festung gegen eine Bedrohung von aussen. Zudem wären bei einem Unfall in der Fabrik und einer dadurch ausgelösten Explosion nur ein paar Kühe, höchstens vielleicht noch ein paar Hirten in die Luft geflogen. Denn Uri war industrielles Brachland, als 1896 mit dem Bau der Fabrik begonnen wurde.

Während des 19. Jahrhunderts hatten die vermögenden Urner Familien kaum in die beginnende Industrialisierung investiert. Während Glarus und St. Gallen durch Tuchfabriken prosperierten und in Basel die chemische Industrie erblühte, gab es in Uri nur ein paar kleine Familienbetriebe, die kaum rentierten. Die Dynamitfabrik in Bauen bildete die einzige Ausnahme.

Die Urner profitierten: Die Munitionsfabrik wuchs schnell und beschäftigte bereits nach der Jahrhundertwende 150 Männer und Frauen. Überhaupt trat in den 1890er-Jahren ein wahrer Wandel zu Tage: Seit der Eröffnung des Gotthardtunnels 1882 waren in Erstfeld und Göschenen die «Bähnlerkolonien» entstanden, die rasch grösser wurden. Der Anschluss an die Nord-Süd-Achse brachte dem Kanton neue Möglichkeiten, sodass während des Ersten Weltkriegs mehr Menschen in der Industrie als in der Landwirtschaft tätig waren.

Arbeiterschaft geriet in Krise

Wer in der Industrie arbeitete, hatte unter prekären Arbeitsbedingungen zu leiden. So wurde in der Dätwyler AG (damals Schweizerische Draht- und Gummiwerke) täglich 10,5 Stunden gearbeitet, samstags und an Feiertagen etwas weniger. Ferien gab es keine. Natürlich nahm das die Arbeiterschaft nicht einfach hin und organisierte sich in Gewerkschaften. Insbesondere in Erstfeld und Altdorf traf man sich, diskutierte Reformen und wurde politisch aktiv. Die Gründung der SP Uri 1907 erstaunt in diesem Zusammenhang nicht, war aber für den konservativen und tief katholischen Kanton eine Besonderheit. Als während des Weltkriegs die Lebenshaltungskosten stiegen, geriet die Arbeiterschaft in eine Krise. Zwar passten Arbeitgeber die Löhne an, berücksichtigten die Teuerung aber nur zögerlich und eher knapp, sodass das reale Einkommen der Arbeiterfamilien stark sank. Ein Familienvater, der jeden Tag arbeitete, konnte kaum mehr seine Angehörigen ernähren. Heizkosten kamen hinzu, Kleider und andere Gebrauchssachen wurden fast zum Luxus. Unvorstellbar war ein Krankheitsfall, denn Versicherungen oder Krankenvorsorge existierten nicht. Auch in der Munitionsfabrik waren 11 bis 12 Stunden Arbeit pro Tag keine Ausnahme, und wer zu spät kam, erhielt weniger Lohn. Im «Schächenwald» war die Situation der Arbeiter immerhin etwas besser als anderswo. Die Fabrik verfügte über eine Kantine, in der man sich günstig verpflegen konnte. Als eidgenössischer Betrieb hatte die Fabrik ausserdem Versorgungspriorität. Vor allem während des Sommers, wenn die Kühe auf der Alp waren und sich die Milch im Tal verknappte, war das viel wert. Beispielsweise im Sommer 1916 fehlten allein in Altdorf 600 Liter täglich, und die Hotellerie in Flüelen fürchtete, nicht einmal mehr Milchkaffee servieren zu können. Nur der «Schächenwald» wurde weiterhin beliefert. In solchen Notfällen kam die Milch aus Luzern oder von noch weiter her.

Unerhörte Forderungen

Das wurde von der übrigen Bevölkerung nicht immer goutiert. Während der schweren Mangelphasen von 1917 und 1918 drohten einzelne Sennen, sie würden die Belieferung der Munitionsfabrik boykottieren, wenn nicht bessere Preise für ihre Milch gezahlt würden – soll der Bund doch selber schauen, wo das hinführt! Soweit kam es glücklicherweise nicht. Im Verlauf des Krieges steigerte die Munitionsfabrik ihre Produktion, und mit den Exporten stiegen auch die Gewinne. Schweizweit profitierte die Chemie- und Metallindustrie von den Kriegshandlungen, die Arbeiterschaft wurde an den Gewinnen aber nicht beteiligt. Unzufrieden und am Rand der Armut verlangte ein Anfang 1918 gegründetes Gewerkschaftskomitee in Olten für damalige Verhältnisse Unerhörtes: Eine 48-Stunden-Woche und eine AHV sollten eingeführt werden: Das Frauenwahlrecht, Vermögenssteuern und Ähnliches wurden gefordert – alles, was wir heute als selbstverständlich erachten. Um der Stimmung in der Bevölkerung Gewicht zu geben, organisierte das Oltener Komitee im November 1918 den landesweiten Streik. Auf den 12. November wurden alle Gewerkschaften zum unbefristeten Niederlegen der Arbeit aufgefordert. Die Urner, gut vernetzt und engagiert, waren sofort mit dabei. Im «Schächenwald», in der Dätwyler AG, in der Karbidfabrik Gurtnellen und auch auf dem Bahnhof Erstfeld wurde nicht mehr gearbeitet. Sogar der Bahnverkehr über den Gotthard kam zum Erliegen.

Lange Verhandlungen

Zweifellos gab es gegen diese Streikenden viel Unmut. Der Kanton organisierte eine Bürgerwehr. Mit Flugblättern und Gesprächen wollte man die Streikenden zur Aufgabe bewegen. Zur Sicherung der Munitionsfabrik und der Bahnanlagen in Erstfeld wurde die Armee aufgeboten, die Lage in Uri war spannungsgeladen. Zwischen Olten und Bern liefen indes die Drähte heiss, der Landesstreik als Druckmittel entfaltete seine Wirkung. Aber auch der Bund hatte seine Methoden, um Druck auszuüben: Die Armee wurde überall aufgeboten, sodass das Komitee aus Sorge um gewaltsame Ausschreitungen den Streik am Abend des 14. Novembers beendete. Am folgenden Tag wurde mit wenigen Ausnahmen in der ganzen Schweiz wieder gearbeitet.

Eine dieser Ausnahmen bildete Uri. Wohl hatten die Fabriken am Morgen des 15. Novembers ihre Arbeit wieder aufgenommen, als es zur Verhaftung von Edwin Hunziker kam. Hunziker, der nicht in der Munitionsfabrik angestellt war, wurde von einer Militärpatrouille über das Fabrikareal im «Schächenwald» abgeführt. Wer dies sah, legte sofort seine Arbeit nieder, empört ob diesem Akt der Provokation. Sekretär Hunziker wurde später freigesprochen. Der Landesstreik aber zog noch lange Verhandlungen nach sich, die durchaus Erfolge für die Arbeiter verbuchen konnten. Bis diese einsetzten, dauerte es aber noch einige Jahre. Erst noch verlor die SP Uri nach 1918 an Bedeutung, ihre Mitgliederzahlen gingen rasch zurück. Das stand direkt mit der Munitionsfabrik in Zusammenhang, die mit der Rückkehr zur Normalproduktion nach Kriegsende massive Entlassungen vornehmen musste.

Bedenkt man die harten Arbeitsverhältnisse, fällt es schwer zu glauben, dass es den Urner Arbeitern während der Kriegsjahre eigentlich gut ging. Schlechter Lohn und lange Arbeitstage waren immer noch besser als die Arbeitslosigkeit, die nach Kriegsende aufkam. Die hohen Lebenshaltungskosten begannen sich erst 1924 langsam zu erholen, zusätzlich blieben die Löhne in der Nachkriegszeit im Keller. Da nützte auch die 48-Stunden-Woche, die man mit dem Streik erkämpft hatte, nur wenig.

Hinweis

Mehr über das Arbeiterleben und den Landesstreik in Uri findet man im Jubiläumsband der SP Uri «100 Jahre in der SP UR», erschienen 2007.