ERSTER WELTKRIEG: Hamsterkäufe in angespannter Lage

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs deckten sich viele Schweizer mit Lebensmitteln ein. In Uri kam es zu Klagen über steigende Preise.

Romed Aschwanden
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Die Kolonialwarenhandlung Huber in Altdorf um 1905. Die Gebrüder Huber übernahmen im Ersten Weltkrieg eine zentrale Rolle in der Lebensmittelverteilung. (Bild Staatsarchiv Uri/Sammlung Aschwanden)

Die Kolonialwarenhandlung Huber in Altdorf um 1905. Die Gebrüder Huber übernahmen im Ersten Weltkrieg eine zentrale Rolle in der Lebensmittelverteilung. (Bild Staatsarchiv Uri/Sammlung Aschwanden)

Was tut ein Schiffbrüchiger, der auf einer unbekannten Insel strandet? Er sucht den Strand nach Brauchbarem ab und rafft alles zusammen, was ihm verwendbar erscheint, versteckt den Vorrat vor wilden Tieren – und beginnt zu sparen. Was Robinson Crusoe im gleichnamigen Roman machte, ähnelt sehr dem Verhalten, das die Schweizer nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 an den Tag legten. Wer etwas besass, verstaute es sicher, und was man in den Geschäften an Lebensmitteln und Verbrauchsgegenständen fand, kaufte man auf. Das Land im Herzen Europas glich tatsächlich einer Insel inmitten der stürmischen See der Nachbarstaaten: Die Neutralitätspolitik und die verriegelten Landesgrenzen verschonten das Schweizer Volk vor direkten Auswirkungen des Krieges, verhinderten aber auch den freien Handel über die Landesgrenzen hinweg. Zwar produzierte die Schweiz viele Nahrungsmittel selbst, sie war aber stets auf Importe angewiesen.

Seit dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni hatten sich die Spannungen zwischen den grossen Staaten verschärft. In Basel kam es am 29. Juli zu einem Sturm auf die Läden. Jeder wollte seine Vorräte aufstocken, bevor die Preise in die Höhe schnellten. Man witterte den Krieg.

Kanton finanziell am Abgrund

Spürte man auch in Uri etwas von dieser Panik? Sicherlich, doch muss man sich bewusst sein, dass den Urnern noch eine andere Krise in den Knochen steckte: das Debakel der Ersparniskasse Uri. Die erste Sparkasse des Kantons war 1837 von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons gegründet worden mit dem Vorsatz, der ärmeren Bevölkerung die Möglichkeit zum Sparen und eine sichere Altersvorsorge zu garantieren. Durch Fehlinvestitionen hatte sich die Ersparniskasse ungemein verschuldet, sodass sie im März 1914 vor dem Konkurs stand. Um nicht all ihre Ersparnisse zu verlieren, stürmten die Kunden die marode Bank und hoben ihr Geld ab. Da der Kanton ebenfalls in die Ersparniskasse Uri investiert hatte, stand auch er finanziell am Abgrund: Nur ein Kredit der Schweizerischen Nationalbank konnte den Staatshaushalt retten. Das Urner Volk akzeptierte an der Landsgemeinde, dass man den Kredit, der sich auf 5 Millionen Franken belief, durch eine Steuer in den Folgejahren abtragen wollte. Auf dieses Debakel folgte nun der Ausbruch des «europäischen Krieges», wie die Zeitungen ihn damals nannten. Die Urner reagierten gelassen. Entweder fühlten sie sich sicher in ihrem Tal, oder sie hatten schon kurz zuvor genug Panik erlebt. Trotzdem berief der Regierungsrat eine kantonale Landesfürsorgekommission ein, die im August 1914 ihre Funktion aufnahm. Sie sollte Preistreiberei und Lebensmittelanhäufung verhindern und die Versorgung des Kantons organisieren.

Metzger in der Kritik

Die Kommission wollte die Bevölkerung beruhigen, denn es gäbe «nichts Schrecklicheres als immer in der Meinung zu sein, es gebe eine Hungersnot». Sie rief zur Sparsamkeit auf und zum Sammeln und Trocknen von Gemüse und Früchten. Gleichzeitig ermächtigte sie die Polizei, Hamstereinkäufe zu beschlagnahmen und Wucher zu bestrafen.

Solches gab es anfänglich nur bei den Urner Metzgern zu beanstanden. Diese verlangten unerhört hohe Fleischpreise, obwohl der Preis für Schlachtvieh durch den Exportstopp zurückgegangen war. An einer Konferenz mit dem urnerischen Metzgermeisterverband wurde das Problem thematisiert. Ja, die Preise seien sehr hoch, gestanden die Metzger. Doch der Import sei unterbunden worden, und die Schweizer Armee zahle diese hohen Preise. Nach ausführlicher Diskussion konnte man sich einigen und legte Höchstpreise fest: Für ein Pfund Schweinefleisch zum Beispiel sollte nicht mehr als 1 Franken bezahlt werden. Aber zum Ärger der Landesfürsorgekommission scherten sich die Metzger nicht um die Höchstpreise. Bereits eine Woche später trafen Klagen ein, die Preise würden überschritten. Die Kommission versuchte zu vermitteln, Strafen wurden keine verhängt.

Überteuerte Milch

Ein weiteres Produkt, das der Kommission Kopfzerbrechen bereitete, war das Brennholz. Im September 1914, den Winter im Blick, stellte die Kommission mit Schrecken fest, dass kaum mehr geschlagenes Holz im Kanton zu finden war. Bedenkenlos waren grosse Mengen nach Luzern ausgeführt worden, den Rest hatte das Kommando der Gotthardbefestigung beschlagnahmt. Wie wollte man den Winter überstehen, wenn man nichts mehr zum Anfeuern hatte? Kantonsförster Jauch gab Entwarnung: Alleine im Isental lägen noch 2000 Kubikmeter geschlagenes Holz bereit, das nur noch abtransportiert werden müsse.

Eine Preiserhebung im September deckte auf, dass Milch und Käse übermässig teuer verkauft wurden. In einem Kanton mit so gesunden Kühen und saftigen Weiden? Man könnte doch meinen, Milch sei hier zur Genüge vorhanden. Vermutlich war sie das auch. Die klugen Milchbauern behielten aber ihre Produktion zurück, um so den Preis zu erhöhen. Mit der übrigen Milch machten sie Butter und Käse oder verfütterten sie an Kälber. «Da sich aber gegen diese allgemeine Ausnützung der Lage nur schwer vorgehen lässt und wohl jeder Geschäftsinhaber eine Ausrede zur Hand hätte», empfiehlt die Landesfürsorgekommission, von Strafverfolgungen abzusehen und auf Höchstpreise zu verzichten. So schlimm war die Lage auch wieder nicht.

Auf Luxus verzichten

Werfen wir noch einmal einen Blick nach Basel: Dort beruhigte sich die Lage nach einer angstvollen Woche, und schon am 7. August 1914 kehrte Ruhe in die Geschäfte ein. Zwar waren Sardinen und Fleischkonserven, Reis und Maisgriess, Tee, Kaffee und Kakao ausverkauft, aber die allgemeine Panik hatte sich gelegt. Mit Vorräten hatten sich wohl nur finanziell privilegierte Familien eindecken können, die ärmere Bevölkerung hatte kein Geld übrig für solch teure Einkäufe. Daher empfahl der Allgemeine Consumverein Basel (heute Coop), sich an einen einfacheren Einkaufszettel ohne Fleisch und Luxusnahrungsmittel zu gewöhnen.

War also die Insel Schweiz tatsächlich vom Kriegssturm verschont geblieben? Für 1914 stimmt diese Beobachtung, die Not war vor allem eingebildet. Die Versorgungslage war angespannt, aber noch lange nicht in dramatischem Mass. Bis die Schweizer von wirklichem Hunger geplagt wurden und echte Not erfuhren, sollte es 1917 werden. Bis dahin verteuerten sich die Lebenserhaltungskosten stetig, und obwohl auch der Lohn nach und nach angepasst wurde, litten vor allem Angestellte. Mit der eidgenössischen Munitionsfabrik im Schächenwald, der heutigen Ruag, verfügte Uri über einen bedeutenden Industrie­betrieb. Wie sich dort die Arbeitsverhältnisse veränderten und welche Rolle der «Schächenwald» im Konflikt um die Milchversorgung spielte, wird im nächsten Artikel thematisiert.

Hinweis

Die Angaben und Zitate dieses Artikels entstammen den Protokollen der Landesfürsorgekommission, wie sie im Staatsarchiv Uri abgelegt sind.