ERSTFELD: Auch ohne Arme ganz stark

Ein Bauer hat bei einem Unfall beide Arme verloren. Seinen Traum, den Hof seines Vaters zu übernehmen, hat er trotzdem nicht aufgegeben. Und er wurde gar wahr.

Rahel Schnüriger
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Schiebt dem Vieh mit dem Rasenmäher-Traktor Futter zu: Bauer Alois Zgraggen aus Erstfeld. (Bild: Pius Amrein)

Schiebt dem Vieh mit dem Rasenmäher-Traktor Futter zu: Bauer Alois Zgraggen aus Erstfeld. (Bild: Pius Amrein)

Der Föhn war drin, am 16. Oktober 2002. Alois «Wisi» Zgraggen lebte mit seiner Frau Angelika bereits in seinem neuen Bauernhaus beim Bielenhof in Erstfeld. Sohn Thomas war ein Jahr alt, Angelika im fünften Monat schwanger mit Reto. Dieser Mittwoch war der letzte Tag, um die Siloballen zu pressen. Sie hatten den ganzen Tag zu tun, aber keinen Stress. Nach dem gemeinsamen Melken fuhr Wisi mit seinem schnelleren Traktor voraus aufs Feld, der Vater kam hinterher. Der damals 25-Jährige begann schon mal allein.

Nur noch drei Ballen, doch etwas klemmte. Als Wisi bei laufendem Motor hantierte, stolperte er über einen Schuhbändel. Die Walze zog den rechten Arm herein, mit dem linken versuchte Wisi, sich auf ein Rohr abzustützen, um den Arm herauszuziehen. Fast gelang es ihm, dann fiel er erneut. Jetzt war auch der zweite Arm drin. Die vierzehn Walzen der Maschinen rotierten, rieben die Arme von Wisi ab. Die Minuten waren lang, bis sein Vater mit dem langsameren Traktor aufs Feld fuhr und seinen Sohn endlich von den Qualen befreien konnte. Durch die Abreibung blutete Wisi nicht. Der Vater rief zuerst die Rega an, dann Angelika, hielt den Hörer an Wisis Ohr: Er habe ganz normal getönt, sagt seine Frau, «entsprechend ruhig habe ich reagiert.» Beide hatten nicht realisiert, wie schlimm es wirklich war.

Über den Betrieb geredet

Die zwanzig Minuten, während denen Vater und Sohn auf die Rega warteten, redeten sie über den Betrieb. Von Anfang an war klar, dass sie nicht aufgeben würden. Von neuen Wegen habe er gesprochen, sagt der Sohn, alles müsse umgestellt werden. In diesem Moment sagte der Vater nicht viel. Doch «innert weniger Stunden war mein Entscheid gefällt», sagt er heute. Er würde den Betrieb so umstellen, dass Wisi dabei bleiben kann. Auch wenn es ihm nicht leicht fiel, verkaufte er am 30. Dezember alle 68 Kühe. Drei Jahre dauerte es von da an, bis alles auf die heutige Dexterrindzucht umgestellt war. Seinen Traum, den Hof zu übernehmen, konnte Wisi vor zwei Jahren erfüllen. Heute züchtet er rund 50 Dexterrindviehe, verkauft das hochwertige Fleisch direkt ab Hof. Im Winter macht er vieles mit seinem «roten Schäfer», ein Gefährt spezifisch für ihn hergerichtet, mit dem er Dinge transportiert und auch sonst hantieren kann. Die Tiere füttert er mit den Füssen. Und der «Stumpä», sein übriggebliebener linker Oberarm, ist hilfreich. Im Winter trägt er die Prothese selten, sie ist kalt, und Wisi kommt gut auch ohne zurecht. Nie hat der blonde Mann mit dem schelmischen Lachen ans Aufgeben gedacht, keine Spur von Selbstmitleid ist zu spüren. Den anderen beim Arbeiten zuschauen ist nichts für Wisi – er packt lieber selbst mit an. 2007 erhielt er den Dätwyler-Preis als «überdurchschnittlich kreativer Krisenmanager».

Im Sommer braucht er die Prothese häufiger. Anfangs war es eine Hand, wenig nützlich und heikel im Umgang. Irgendwann hat er sie einfach nicht mehr getragen. Als eines Tages ein Orthopäde klopfte, um Fleisch abzuholen, sah er Wisi beim Mittagessen. «Ich habe gegessen wie ein Hund», erinnert sich der Bauer. Der Orthopäde wusste von einer Manschette mit Gabel dran, mit der er fortan ass. Und machte ihm schliesslich einen Haken, mit dem er arbeiten kann. «Sie ist für mich wie ein Bergschuh», sagt Wisi Zgraggen. Ein Mittel zum Zweck. «Nur gehe ich heute etwas mehr zBerg.»

«(W)arm ab Party»

Bei solchen Aussagen lacht der 35-Jährige herzhaft. Beim – wie er selber sagt – «Zehn-Jahr-Jubiläum» im vergangenen Herbst postete er auf Facebook: Heute Abend (W)arm ab Party. «Eigentlich ist die beste Therapie ja, darüber zu lachen.» Er nimmt mit dem Röhrli noch einen Schluck Punsch, blickt rüber zu seiner Frau Angelika. Sie trägt das schwarze Haar kurz, die stahlblauen Augen leuchten wach. Es ist keine zimperliche Frau an Wisis Seite. Hat er sich verändert, seit dem Unfall? «Ich ha sGfühl, ich sig de gliich», sagt Wisi. Vielleicht etwas reifer. Doch was das Wichtigste im Leben sei, habe er gelernt: die Familie. Inzwischen haben Wisi und Angelika vier Kinder, drei Buben und ein Mädchen. Manchmal sei sie gefragt worden, wie sie das schaffe, sagt Angelika. «Ich habe ja den Wisi geheiratet», sagt sie dann. Und der sei immer noch derselbe. Dasselbe frohe Gemüt, mit dem sie vor dreizehn Jahren vor den Altar getreten war. Betrübt wird er nur, wenn es einem Tier nicht gut geht, oder eine Trockenperiode nicht aufhören will.

Alles sofort wieder ausprobiert

Nach dem Unfall probierte er sofort alles wieder aus: Snowboarden, Skifahren, ein Liegevelo. «Diese positive Einstellung hat auch mir geholfen», sagt sich Angelika. Besonders mit dem im Februar 2003 geborenen Reto. Doch noch immer geht nicht alles, selbst wenn der Wille noch so stark und der Kopf noch so stur ist. Anziehen etwa, oder aufs WC gehen. Wenn er allein unterwegs sei, «verthebenis lang», sagt Wisi. Wenns gar nicht mehr geht, sucht er ein Altersheim, wo ihm jemand helfen kann.

Er hat gelernt, mit allem umzugehen: «Das Wichtigste war, mir selbst zu verzeihen», sagt Wisi. Sich einzugestehen, dass er den Motor nicht hätte laufen lassen dürfen, aber auch, dass er nichts konnte für den technischen Defekt an der Maschine. «Schliesslich ist das schönste Geschenk nicht ein Arm», sagt Wisi lachend: «Sondern das Leben.»