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ERSTFELD: Er ist geblieben, bis die Bagger auffuhren

Werner Walker musste für die Neat seine Heimat verlassen. Nun lebt er in einem Wohnwagen an der Autobahn – und ist mit der Situation zufrieden.
Anian Heierli
Werner Walker hat sich dem einfachen Leben verschrieben. Und das soll auch so bleiben – «bis zum letzten Atemzug». (Bild Anian Heierli)

Werner Walker hat sich dem einfachen Leben verschrieben. Und das soll auch so bleiben – «bis zum letzten Atemzug». (Bild Anian Heierli)

Anian Heierli

Ein Haus, eine Wohnung, ein schickes Auto, 30 Fernsehsender, kabelloses In­ter­net – fast kein Schweizer kann und will heute auf solche Dinge verzichten. Trotzdem findet man sie noch, die einfachen Leute, die mit wenig auskommen. Werner Walker ist so einer, der vom materiellen Luxus nichts wissen will. Der 84-Jährige lebt zurückgezogen und allein in einem Wohnwangen unmittelbar neben der Erstfelder Autobahn. «Ich bin zufrieden», sagt er. «Hier habe ich alles, was ich brauche.» Und das ist wenig. Sein rund 8 Meter langer Wohnwagen verfügt über einen einzigen Raum. Darin untergebracht sind ein Bett, ein Esstisch, ein kleiner gasbetriebener Kochherd und eine Toilette.

«Meine Katzen waren traurig»

Mittlerweile lebt Walker seit zehn Jahren in diesem Wohnwagen. Zuvor verbrachte er sein ganzes Leben im Erstfelder Rynächt. Der Rynächt ist ein schmaler Talgrund, indem früher vor allem Landwirtschaft betrieben wurde. Doch dort, wo einst sein Bauernhof stand, ist heute das Infocenter zur Neat. Erst als die Bagger auffuhren, hat Walker Platz gemacht. Er blieb solange wie möglich und war der Letzte, der wegen der Baustelle umsiedelte. «Das Verlassen meiner Heimat hat geschmerzt», erinnert er sich. Auch seine Katzen seien an diesen Tagen traurig gewesen. Doch jammern will er nicht.

2003 bis 2005 war für Erstfeld eine bewegte Zeit. Die Bewohner des Rynächts mussten für den Bau des Neat-Tunnels ihre Häuser verlassen. Stück für Stück verschwand ihr Lebensraum. Kühe, Bäume und Bauernhäuser wichen den Schienen, Zufahrtstrassen und Baracken. Walker hat aber, wie er selber sagt, den Verlust seines Hauses längst verkraftet – nicht aber vergessen.

Er kann sich noch bestens an zahlreiche Details von früher erinnern: etwa an seine Kindheit und seine Arbeit in der Landwirtschaft. Am 19. Dezember 1932 kam er als Bauernsohn im Rynächt zur Welt. Er wuchs als zweitjüngstes von sechs Kindern auf. «Wir hatten wenig», erzählt er. Vor allem die Kriegsjahre in den 1940ern seien hart gewesen. «Als Bauern hatten wir genug zu essen», so Walker. «Doch auch wir haben auf vieles verzichtet. Am Morgen hats statt Brot nur Kartoffeln gegeben.» Vor allem die Fliegeralarme von damals seien ihm präsent geblieben: «Jedes Mal, wenn der Alarm losgegangen ist, oder ein Flugzeug in der Luft war, verkroch ich mich unter die Bettdecke. Und in der Nacht haben wir zur Sicherheit das Licht im Haus gelöscht.»

Walker war nie im Ausland

Nach dem Krieg betrieb der wortkarge Mann selber einen Bauernhof im Rynächt. Allein. Frau und Familie hatte er keine. «Dazu ist es nie gekommen», sagt er knapp und will nicht weiter darauf eingehen. «Ich hatte 6 Hektaren Land und bis zum Schluss immer 8 bis 10 Kühe», erzählt er. Die Arbeit in der Landwirtschaft sei früher härter gewesen. Walker kam mit wenig Maschinen aus und hat auch keine Autoprüfung. «Wenn die Arbeit in der Landwirtschaft heute noch so streng wäre wie früher, würde es keine Bauern mehr geben.» Ihn habe die strenge Arbeit aber nie gestört. «Ich bin nie in die Ferien gefahren», sagt er. «Warum auch? Es ist auch in Uri schön.» Bis jetzt habe er die Schweiz nie verlassen.

Heute geht der 84-Jährige gerne spazieren oder geniesst die Sonne vor seinem Wohnwagen. Die Autobahn, die nur wenige Meter entfernt verläuft, stört ihn nicht. «Ich höre die Autos und Lastwagen kaum noch», sagt er. «Früher als die Strasse noch aus Beton statt aus Asphalt bestand, war der Lärm viel grösser.» Regelmässig bekommt er Besuch von seinen Nachbarn, die nach ihm schauen und für ihn einkaufen.

Kerzen, Radio und ein Kreuz

Wenn es regnet oder schneit, hört Walker in seinem Wohnwagen Radio oder liest Zeitung. Einen Fernseher brauche er nicht. Die Einrichtung ist spärlich. Auf dem Tisch sind einige Kerzen, im Regal steht ein Bild der Heiligen Madonna, und an der Wand hängen einige Fotos und ein Kreuz. «Ich bin glücklich», sagt er und betont, «dass er diesen Wohnwagen bis zu seinem letzten Atemzug nicht verlassen will.»

Rekordtunnel steht im Fokus

Mit dem Bau des Gotthard-Basistunnels der Neat zwischen Erstfeld und Bodio schreibt die Schweiz Geschichte. Am 1. Juni wird der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt im Beisein des Gesamtbundesrats sowie von Staats- und Regierungschefs aus den Nachbarländern und aus weiteren europäischen Staaten eröffnet.

Im Vorfeld dieses einzigartigen Grossanlasses publiziert die «Neue Urner Zeitung» in loser Folge Porträts, Reportagen, Interviews und Berichte, die den Bau des Jahrhundertwerks aus Urner Sicht beleuchten. Diesmal geht es ums Thema Umsiedlung.

Hinweis

Werner Walker wird auch im Buch «Rynächt – Abschied am Nordportal» des Urner Fotografen Angel Sanchez porträtiert. Bestellungen per Mail an: asanchez@gmx.ch

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