ERSTFELD: Gotthard-Basistunnel mit erster offizieller Fahrt eingeweiht

Mit einem fünfstündigen Festakt ist am Mittwoch der Gotthard-Basistunnel offiziell eröffnet worden. Politiker aus dem In- und Ausland inklusive Merkel, Hollande und Renzi waren der Einladung gefolgt und feierten das «Jahrhundertbauwerk».

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Italiens Premierminister Matteo Renzi, Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef François Hollande im Eröffnungszug unterwegs von Erstfeld nach Bodio. (Bild: Keystone / Gabriele Putzu)

Italiens Premierminister Matteo Renzi, Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef François Hollande im Eröffnungszug unterwegs von Erstfeld nach Bodio. (Bild: Keystone / Gabriele Putzu)

Um 15.20 Uhr war es endlich soweit: Umrahmt vom Gesamtbundesrat schnitt Bundespräsident Schneider-Ammann symbolisch das Band durch und übergab damit den Gotthard-Basistunnel an die Betreiberin SBB. Mit einem «Merci für den Tunnel», bedankte sich SBB-Chef Andreas Meyer beim Bundesrat. «Danke fürs Betreiben», antwortete Schneider-Ammann.

Die Feierlichkeiten hatten bereits am frühen Morgen mit der Segnung des Tunnels begonnen. Im Licht von einigen wenigen Scheinwerfern beteten ein Pater, eine Pfarrerin, ein Imam und ein Rabbiner um den Segen für alle Reisenden und Arbeiter im Tunnel. Auch ein Atheist nahm an der Zeremonie teil. Diese fand aus Sicherheitsgründen nicht im Tunnel selbst, sondern beim Zugangsstollen Amsteg in einem sogenannten Mustertunnel zwei Kilometer tief im Berg drin statt.

Rede an beiden Portalen

Wenig später wandten sich Schneider-Ammann und Verkehrsministerin Doris Leuthard Auch zeitgleich auf beiden Seiten des Tunnels - in Rynächt UR und Pollegio TI - ein erstes Mal an die Gäste. «Wir vollenden ein Jahrhundertwerk - ein Werk, an dem von der ersten Skizze bis zur Planung und dem Bau des Tunnels mehrere Generationen mitgewirkt haben», sagte Schneider-Amman. Das erfülle ihn mit Stolz, aber auch mit Demut. Dass ein solches Jahrhundertwerk gelinge, sei nicht selbstverständlich. Er dankte allen, die dazu beigetragen hatten. Auch der neun Arbeiter, die beim Tunnelbau ihr Leben verloren hatten, wurde gedacht.

Leuthard sagte, der neue Tunnel sei ein Symbol für Offenheit und Fortschritt. Sie kam aber auch auf die Verlagerungspolitik zu sprechen, die mit dem heutigen Tag neuen Schub erhalte. «Wir können noch mehr Güter von der Strasse auf die Schiene bringen.» Dies zum Wohl der Alpen, der Natur und der Bevölkerung. Diese Überzeugung habe sich auch in der europäischen Verkehrspolitik durchgesetzt.

Mit erster Fahrt eingeweiht

Zum Schluss seiner Rede gab Schneider-Amman den Startschuss für die erste offizielle Fahrt von zwei Personenzügen: «Bahn frei! Place aux trains! Via libra pils trens! Via libera ai treni!». Die 1000 ersten Passagiere, die in der Verlosung ein Ticket ergattert hatten, wurden eine halbe Stunde später auf der anderen Seite mit Applaus von den Ehrengästen, dem Militärspiel und einem Feuerwerk empfangen.

Die Fahrgäste zeigten sich nach der Durchfahrt beeindruckt. Sie priesen unter anderem die Ingenieursleistung. Einige äusserten sich auch überrascht, wie kurz die Fahrt zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz dauerte.

Spektakel auf beiden Tunnel-Seiten

Währenddessen wurde an den beiden Portalen ein Spektakel zum Mythos Gotthard und dem hochmodernen neuen Tunnel aufgeführt. Und ab diesem Zeitpunkt spielte sogar das Wetter mit: Rechtzeitig zum Eintreffen des ersten ausländischen Staatschefs zeigte sich auch in Rynächt die Sonne.
 
Nacheinander konnte Schneider-Amman den liechtensteinischen Regierungschef Adrian Hasler, den österreichische Bundeskanzler Christian Kern, den italienischen Premier Matteo Renzi, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und den französischen Präsidenten François Hollande begrüssen.

Ein mehrfaches «Bumm» für den ausfahrenden Eröffnungszug auf dem Festplatz Rynächt. (Bild: Keystone / Laurent Gilleron)
50 Bilder
Das Publikum freut sich über die erste Durchfahrt beim Festplatz in Rynächt. (Bild: Nadia Schärli)
Sie setzten einen Schlusspunkt unter die Feier: Die Piloten der Patrouille Suisse. (Bild: Keystone/TI-Press/Samuel Goday)
Noch ist ein Band im Weg: SBB-Chef Andreas Meyer (links) und Bundespräsident Johann Schneider-Ammann unmittelbar vor der Zeremonie der offiziellen Eröffnung des Gotthard-Basistunnels. (Bild: Keystone / Peter Klaunzer / Pool)
Voilà! Das Band wird durchschnitten. (Bild: Keystone / Peter Klaunzer / Pool)
Zum Schluss wird gesungen: Johann Schneider-Ammann intoniert den Schweizer Psalm. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Die politische Prominenz fährt einen Sonderzug: Das ganz entspannte Quartett, der italienische Premierminister Matteo Renzi, der Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, Frankreichs Präsident François Hollande und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. (Bild: Keystone / Ruben Sprich)
Die Urner Reussebene in einem besonderen Moment: Ein Rauchzeichen signalisiert die Ausfahrt des ersten offiziellen Passagierzugs. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)
Am Nordportal winkt der Lokführer aus dem Fenster. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Fast synchron: Die Eröffnungszüge fahren aus dem Tunnel. (Bild: Alptransit Livestream)
Zwei Premiere-Passagiere sehen nichts durchs Fenster. Da bleibt Zeit für Grüsse aus dem Tunnel. (Bild: Keystone / Epa / Christian Beutler)
Dieses Abteil im Zug nach Bellinzona haben Schulkinder in Beschlag genommen. (Bild: Keystone / Epa / Christian Beutler)
Ein Ticketgewinner testet das Nickerchen im Tunnel. (Bild: Keystone / Epa / Christian Beutler)
Viel zitiertes Bonmot von alt Bundesrat Adolf Ogi: «Freude herrscht.» Hier trifft es zu. (Bild: Keystone / Epa / Christian Beutler)
Im Eröffnungszug: Das Wort hat der Zugbegleiter. (Bild: Keystone / Epa / Christian Beutler)
Präzision bei der Einfahrt: Die beiden Züge im Norden und Süden fahren gleichzeitig in den Tunnel ein. (Bild: Nadia Schärli)
Zeugen einer anderen Transport-Ära galoppieren durch das Festzelt. (Bild: Keystone / Peter Klaunzer / Pool)
Künstler stellen in einer Performance die Arbeit, aber auch die mytischen Seiten des Bauprojekts dar. (Bild: Nadia Schärli)
Inszeniert hat die Darbietung der deutsche Regisseur Volker Hesse. (Bild: Keystone / Peter Klaunzer / Pool)
Arbeiter begegnen den Geistern des Berges. (Bild: Nadia Schärli)
Gäste beschränken sich nicht aufs Zusschauen. Sie wollen auch festhalten. (Bild: Keystone / Ruben Sprich)
Showtime auch in Polleggio: Zeitgleich nicht nur die Reden der Bundesräte, sondern auch die Performance. (Bild: Keystone / Davide Agosta)
Liegts an der südlichen Lage? In Pollegio sind die Darsteller deutlich weniger bekleidet … (Bild: Keystone/ Gabriele Putzu)
… zwar – manchmal auch deutlich mehr. (Bild: Keystone/ Gabriele Putzu)
Mitwirkende des Theatro Dimitri gehen in ihrer Show die Wände hoch. (Bild: Pablo Gianinazzi/Keystone,Ti-Press via APi)
Bundesrat Alain Berset, Frankreichs Präsident François Hollande und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen in Erstfeld ein. (Bild: Nadia Schärli)
Johann Schneider- Ammann präsentiert sich mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. (Bild: Nadia Schärli)
Hohe Ehrengäste: Bundespräsident Johann Schneider-Ammann posiert mit Italiens Premierminister Matteo Renzi vor eine Tunnel-Kulisse (also nicht wirklich im Tunnel). (Bild: Keystone / Peter Klaunzer / Pool)
Johann Schneider-Ammann nimmt sich Frankreichs Präsident  François Hollande zur Seite. (Bild: Keystone / Peter Klaunzer / Pool)
Aussenminister Didier Burkhalter (rechts) begrüsst Lichtensteins Premierminister Adrian Hasler. (Bild: Keystone/Reuters POOL/Ruben Sprich)
Auf dem Bild zu sehen sind (in der vorderen Reihe von links): Bundesrätin Doris Leuthard, Frankreichs Staatschef François Hollande, Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesrat Ueli Maurer. In den hinteren beiden Reihen von links: Bundesrätin Simonetta Sommaruga, Ständeratspräsident Raphael Comte, Liechtensteins Regierungschef Adrian Hasler, Bundesrat Guy Parmelin, Bundesrat Didier Burkhalter, der österreichische Bundeskanzler Christian Kern, der italienische Premierminister Matteo Renzi, Nationalratspräsidentin Christa Markwalder und Bundeskanzler Walter Thurnherr. (Bild: Keystone / Peter Klaunzer / Pool)
Joschka Fischer, ehemaliger deutscher Aussenminister, will den Höhepunkt europäischer Transportgeschichte nicht verpassen. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Bundespräsident Johann Schneider-Amman umzingelt von Medienschaffenden. (Bild: Nadia Schärli / Neue LU)
Derweil: Schüler steigen in den Zug. (Bild: Keystone / Carlo Reguzzi)
Der italienische Transportminister Graziano Delrio (Mitte), bei der Ankunft auf dem südlichen Festgelände. (Bild: Keystone / Gabriele Putzu)
Das Festzelt auf dem Areal Rynächt hat sich mit Publikum gefüllt. (Bild: Alptransit Livestream)
Bundespräsident Johann Schneider-Amman spricht in Rynächt, Doris Leuthard in Pollegio. (Bild: Nadia Schärli)
Bundespräsident Johann Schneider-Ammann spricht am Festplatz Rynächt zu den Journalisten. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Die Einlage vor der Show: Ein Tänzer wärmt sich auf für seinen Auftritt. (Bild: Keystone / Laurent Gilliéron)
Mitarbeiter der SBB-Bahnpolizei und der Securitrans warten am Gotthard-Nordportal auf die Ankunft des Extrazuges. (Bild: Nadia Schärli)
Gewinner einer Fahrkarte für die Mitfahrt im ersten Passagierzug durch den Tunnel steigen ein. (Bild: Keystone / Urs Flüeler)
In Arth-Goldau versammeln sich Gewinner eines Mitfahr-Tickets. (Bild: Keystone / Urs Flüeler)
Alt-Bundesrat Flavio Cotti: Auch er ist zukünftig eine halbe Stunde schneller in der Deutschschweiz. (Bild: Alptransit Livestream)
Die Bundesräte Ueli Maurer und Simonetta Sommaruga warten – unter anderem auf den Auftritt ihres Bundesratskollegen Johann Schneider-Ammann. (Bild: Alptransit Livestream)
Pieter Zeilstra, Pfarrer Martin Werlen, der Rabbiner Marcel Yair Alimi, Pfarrerin Somina Rauch und der Imam Bekim Alimi (von links) unterwegs zur Segnung des Gotthard-Tunnels. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)
Pfarrer Martin Werlen bei der Segnung des neuen Tunnels. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)
Eine Statue der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Mineure, bei der Segnung des Gotthard Tunnels. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)
Renzo Simoni, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Alptransit Gotthard AG, Peter Füglistaler, Direktor des Bundesamtes fuer Verkehr und SBB-CEO Andreas Meyer (von links) in Castione. (Bild: Keystone / Davide Agosta)
Adolf Ogi, alt Bundesrat und der Vater der Neat bei seiner Rede vor 500 glücklichen Losgewinnern in Arth Goldau, die als erste durch den Gotthard-Basistunnel fahren dürfen. (Bild: Keystone / Urs Flüeler)
Dieser Spass darf sein: Soldaten fotografieren sich am Rednerpult des Bundespräsidenten. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)

Ein mehrfaches «Bumm» für den ausfahrenden Eröffnungszug auf dem Festplatz Rynächt. (Bild: Keystone / Laurent Gilleron)

Zusammen mit dem Gesamtbundesrat und den anwesenden Parlamentariern und Gästen reisten die ausländischen Staatschefs dann ein erstes Mal durch den längsten Tunnel der Welt. Die Fahrt dauerte für die Staatsoberhäupter etwas länger als für die normalen Fahrgäste: rund 30 statt nur 20 Minuten.

Damit die Gäste auch etwas vom Tunnel sehen konnten, sei er nur 140 Stundenkilometer gefahren, sagte Lokführer Urs Kobler danach. Zudem war der Tunnel für die Staatsoberhäupter von innen ausnahmsweise beleuchtet.

Merkel und Renzi unter Druck

In ihren Reden in Pollegio verneigten sich die politischen Spitzen Europas vor der Leistung der Schweiz und strichen die Bedeutung des Gotthard-Basistunnels für Europa heraus. Das Jahrhundertwerk sei weitaus mehr als ein Tunnel. «Heute ist in der Schweiz der europäische Traum Realität geworden», sagte Hollande.

Das Verbindende rückte auch Merkel in den Vordergrund. Dafür stehe der neue Tunnel symbolhaft. «Europa ist immer die Vielfalt, die uns vereint», sagte sie in ihrer Rede. «In Zeiten, in der andere Mauern bauen wollen, hat die Schweiz ein Zeichen gesetzt», sagte Renzi. Die Bezeichnung «Jahrhundertwerk» sei sicher angemessen.

Und auch der österreichische Bundeskanzler Christian Kern sprach von einem «grossen Tag für Europa». Die Schweiz habe symbolhaft gezeigt, «wie man unseren Kontinent wettbewerbsfähiger, erfolgreicher, lebenswerter machen kann.»

Die Regierungschefs aus Italien und Deutschland bekamen aber auch den Druck zu spüren, mit ihren Zubringerstrecken vorwärts zu machen. Verkehrsministerin Leuthard sagte, die Schweiz zähle nun darauf, dass die Ausbauten vorangetrieben werden.

Merkel und Renzi gaben sich denn auch selbstkritisch. «Der Gotthard ist wie das Herz, nun fehlt noch die Aorta», sagte Merkel und räumte ein, dass Deutschland verspätet sei. Und auch Renzi sagte, man setze sich dafür ein, dass die Reise bis nach Mailand weitergehe und damit ein «Mobilitätskorridor» geschaffen werde.

sda