ERSTFELD: Kapellen-Abriss: Sie setzen sich zur Wehr

Paul Furrer-Planzer hat im Erstfeldertal eine kleine Kapelle ausserhalb der Bauzone erstellt: ohne Bewilligung. Die Behörden haben den Abbruch verfügt. Furrer und seine Leute kämpfen weiter – und bekommen Unterstützung vom Bischof.

Bruno Arnold
Drucken
Teilen
Eine Delegation der IG Tobel-Cheer, die für den Erhalt respektive Fertigbau der Kleinstkapelle kämpft. (Bild: Urs Hanhart (Erstfeld, 20. Dezember 2016))

Eine Delegation der IG Tobel-Cheer, die für den Erhalt respektive Fertigbau der Kleinstkapelle kämpft. (Bild: Urs Hanhart (Erstfeld, 20. Dezember 2016))

Bruno Arnold

bruno.arnold@urnerzeitung.ch

Eine Wegkapelle an der Strasse ins Erstfeldertal: Diese Idee schwebte dem heute 67-jährigen Paul Furrer-Planzer seit Jahren vor. Gedacht war die Kapelle als Ort der Stille, des Nachdenkens und der Meditation für Talbewohner, Wanderer und Spaziergänger.

Seit bald drei Jahren steht die Kapelle beim Tobel-Cheer – 2,95 Meter breit und 2,95 Meter lang, mit einer Giebelhöhe von 2,40 Metern. Erbaut wurde sie auf dem Grundeigentum von Furrers Sohn. Die Kapelle steht auf einer wenige Quadratmeter grossen eingezäunten Aussichtsplattform mit Blick auf Erstfeld, aber auch mit Blick über eine senkrecht abfallende Felswand in die rund 65 bis 70 Meter tiefer gelegene Schlucht, durch die sich der idyllische Alpbach seinen Weg bahnt.

Gemeinde verfügt den Status quo

Umgesetzt hat Furrer den «Ort der Ewigkeit» aber nur «halb». Das Türmchen und das Dach der Kapelle fehlen, ebenso wie das geplante Bänklein zum Ausruhen und ein Brunnen mit Quellwasser zum Erfrischen. Der Grund: Im April 2014 hat die Gemeinde einen Baustopp verfügt. Furrer hatte mit den Arbeiten begonnen, ohne die Bewilligung der Justizdirektion Uri für seine Baute ausserhalb der Bauzone zu besitzen – obwohl er 2011 auf eine Vor­anfrage negativen Bescheid erhalten hatte: «Eine raumplanungsrechtliche Zustimmung für den Bau einer neuen Kapelle ausserhalb der Bauzone kann nicht in Aussicht gestellt werden», liess ihn das Amt für Raumentwicklung Uri wissen.

Trotzdem rechnete sich Furrer Chancen auf eine Bewilligung aus. Denn gemäss eidgenössischem Raumplanungsgesetz darf eine Baubewilligung für ein Gebäude ausserhalb der Bauzone erteilt werden, wenn der Zweck der Baute einen Standort ausserhalb der Bauzonen erfordert und wenn keine überwiegenden Interessen entgegenstehen. «Dass ich Anfang 2014 ohne offizielle Bewilligung des Kantons mit dem Bau begonnen habe, war sicher ein Fehler», gesteht Furrer heute ein.

Parteien lassen neutrales Gutachten erstellen

Nachdem er von der Baukommission Erstfeld dazu aufgefordert worden war, reichte Furrer im März 2015 das verlangte Baugesuch nach. Im Rahmen der öffentlichen Auflage gingen keine Einsprachen ein. Kanton und Bauherrschaft vertraten aber unterschiedliche Meinungen zum Thema Standortgebundenheit. Die beiden Parteien wurden sich schliesslich einig, diese Frage aus rechtlicher Sicht prüfen zu lassen. Roland Norer, Professor für öffentliches Recht und Recht des ländlichen Raums an der Universität Luzern, wurde vom Kanton mit dem Gutachten beauftragt. Gestützt darauf entschied die Justizdirektion Uri im Juni 2016: «Die nachträgliche Zustimmung kann nicht erteilt werden. Der rechtmässige Zustand ist wiederherzustellen.» Begründet wurde die Ablehnung vor allem mit der fehlenden Standortgebundenheit, mit der Präjudizierung einer Bewilligung für den Bau einer neuen Kapelle ausserhalb der Bauzone und mit dem Standort in der Nähe des Waldes.

Doch Furrer und die Trägerschaft IG Tobel-Cheer wollten die Kapelle nicht abreissen lassen. Sie gelangten mit einem Wiedererwägungsgesuch an die Justizdirektion. Unterstützung erhielten sie auch von der Baukommission Erstfeld. Diese zeigte sich «nach wie vor bereit, die Baubewilligung auszustellen» – die Zustimmung der Justizdirektion vorausgesetzt. Furrers Projekt stünden keine überwiegenden öffentlichen Interessen gegenüber. Und weiter heisst es: «Bis heute sind uns durchwegs nur positive und die Realisierung der Kleinkapelle unterstützende Meldungen zugetragen worden.» Die Baukommission verwies auch auf die ausserhalb der Bauzone bewilligte Errichtung einer um einiges grösseren Kapelle in Kerns. «Und die viel grössere Autobahnkapelle bei der Gotthard-Raststätte in Erstfeld wurde 1998 ebenfalls ausserhalb der Bauzone bewilligt», sagt Furrer. Zwischenzeitlich hatten zudem 166 Personen eine Petition der IG Kapelle Tobel-Cheer unterschrieben und sich damit für den Bau des Sakralbaus ausgesprochen.

Nächste Stätte ist eine Wegstunde entfernt

Furrers Anwalt stützte sich beim Wiedererwägungsgesuch auf ein beim ehemaligen Rechtsprofessor der Universität Zürich und alt Bundesrichter Karl Spühler in Auftrag gegebenes Gutachten. Dieser kam zum Schluss: «Wollen sich die Bewohner des Erstfeldertals an einer geeigneten sakralen Stätte der Ruhe, Besinnung und stillem Gebet hingeben, müssen sie sich über eine Wegstunde nach Erstfeld begeben.» Dies sei gerade für die älteren Leute – vor allem im Winter – kaum möglich. «Schon dies zeigt, dass die Baute auf einen Standort ausserhalb der Bauzone angewiesen ist.»

Auch der Churer Bischof Vitus Huonder und der Generalvikar für die Innerschweiz, Martin Kopp, plädierten dafür, das Anliegen der IG nochmals zu prüfen, und zwar unter dem Gesichtspunkt der Religionsfreiheit. «Diese erfordert immer auch die Sichtbarkeit des Glaubens», schrieb Huonder. Es gehe hier nicht um eine kommerzielle Baute, sondern darum, dem seit Jahrhunderten in Uri gelebten christlichen Glauben sichtbaren Ausdruck zu geben.«So hoffe ich, dass seitens des Kantons Uri ein weiser Entscheid gefällt wird, der auch das religiöse Empfinden vieler Christen gebührend berücksichtigt», so der Churer Bischof.

Bis Ende April 2017 Zeit für den Abbruch

«Ob für die Gewährleistung der Glaubens- und Gewissensfreiheit in näherer Umgebung eine Sakralbaute notwendig ist, lassen wir offen», äusserte sich Justizdirektorin Heidi Z’graggen im November 2016 in ihrer Stellungnahme zum Gutachten von Spühler. «Selbst wenn dem so wäre, erscheint uns der Weg nach Erstfeld zumutbar.» Auch die Distanz zur Kapelle beim Tobel-Cheer sei für viele im Erstfeldertal wohnende Leute «beträchtlich» und würde von diesen wohl im Auto zurückgelegt. «Wieso es nicht zumutbar ist, bei dieser Gelegenheit bis nach Erstfeld zu fahren, ist nicht nachvollziehbar.» Z’graggen forderte die Baukommission Erstfeld nochmals auf, den Rückbau zu verfügen. Mit Schreiben vom 12. Dezember wurde dies formell getan. Furrer muss bis Ende April 2017 «den rechtmässigen Zustand wiederherstellen».

Doch ans Aufgeben denkt der Initiant nicht. «Dass ich bisher rund 3000 Franken für Bauarbeiten, Gebühren und Verfahrenskosten ausgegeben habe, ist nicht der Grund», sagt er. «Für mich wurde einfach der Ermessensspielraum nicht ausgeschöpft und die Religionsfreiheit zu wenig gewichtet. Zudem bin ich es den treuen IG-Mitgliedern schuldig.»