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ERSTFELD: Katzenmusikmarsch wird gehämmert

Die seltsamste Urner Katzenmusik findet in Erstfeld statt. Die Akteure der Schattig-Fasnacht sieht man nicht, man hört sie nur – an drei Abenden vor dem Schmutzigen Donnerstag.
Christof Hirtler
Otto Furrer (83) ist nicht nur der älteste Teilnehmer, er stellt auch die vielen Holzschlegel her. (Bilder: Christof Hirtler (Erstfeld, 26. Januar 2018))

Otto Furrer (83) ist nicht nur der älteste Teilnehmer, er stellt auch die vielen Holzschlegel her. (Bilder: Christof Hirtler (Erstfeld, 26. Januar 2018))

Christof Hirtler

redaktion@urnerzeitung.ch

Eingangs Erstfeldertal, unterhalb des Trinkwasserreservoirs Flüe, trifft sich die Schattig-«Chatzämüüsig» im Schopf des Bauern Josef Gisler. Werkzeugkisten, Bretter und Militärdecken bilden eine improvisierte Sitzgelegenheit, ein Elektroheizgerät bläst warme Luft in den Raum. Annelies und Joe Zgraggen haben die Werkstatt mit Girlanden und Clownmasken dekoriert, Kuchen bereitgestellt und Kaffee gekocht. Auf der Werkbank stehen Pommes Chips, Weisswein und Bierchen bereit. Annelies Zgraggen hat sich sogar geschminkt, sie trägt eine pinkfarbene Perücke und hat sich die Wörter «Schattig Fasnacht» auf eine Backe gepinselt.

«Seit 32 Jahren sind wir jedes Mal dabei», sagt der 72-jährige Joe Zgraggen. Er besorgt die inzwischen rar gewordenen Petrolfässer. Fündig wurde er bei den Firmen Gipo und Strabag. Für den Notfall hat er in einem Stall 15 Fässer gelagert. «Wir sind die einzige Katzenmusik im Kanton Uri, die jedes Jahr neue Instrumente hat», erzählt Zgraggen – und lacht. Geübt wird nicht: «Sonst denken die Leute, wir seien aus dem Konzept.» Es gibt keine Vereinsmeierei, keine Statuten, keinen Vorstand, keine Mitgliederbeiträge, nur eine Kasse zur Deckung der Unkosten steht bereit. Jede und jeder zahlt, wie viel sie respektive er will.

Bis nach Schattdorf zu hören

Der Standort Flüe ist gut gewählt – von hier aus, 150 Höhenmeter über Erstfeld, verbreitet sich der Schall optimal. «Am besten tönt es, wenn es richtig kalt ist», so Zgraggen. «Der Talwind aus dem Erstfeldertal trägt den Schall sehr weit. Bei Föhn hört man uns ­sogar bis Schattdorf.» Annelies Zgraggen schwärmt: «Am schönsten ist das Trommeln im Schneetreiben!»

Die Schattig-Katzenmusik ist ein wichtiger Treffpunkt, einige treffen sich nur an dieser Fasnacht. Es gibt viel zu erzählen. Die meisten, wie der Pfarrer von Erstfeld, Viktor Hürlimann, sind seit langem dabei. Um 19.45 Uhr ist die kleine Werkstatt mit 24 Personen gut gefüllt. Der jüngste Fasnächtler, Marc Zgraggen, ist zwölf Jahre alt, der älteste, Otto Furrer, 83-jährig. Er stellt die vielen Holzschlegel her.

Kurz vor 20 Uhr hält Joe Zgraggen eine kleine Ansprache und fügt hinzu: «Wir beginnen erst mit Trommeln, wenn es in der Kapelle ‹ds Bättä gliitet het.» Kurze Zeit später gibt Michael Stadler anstelle des abwesenden Dirigenten Michi Gisler mit der Trillerpfeife das Zeichen zum Aufbruch. Man stopft sich Watte in die Ohren, nimmt zwei Holzschlegel und geht zu den leuchtend roten und blauen Petrol­fässern, die links und rechts der Strasse ins Erstfeldertal aufgestellt sind. Michael Stadler und Joe Zgraggen machen sich mit Vorschlaghämmern beim grossen Tank bereit. «Schattig» ist mit Grossbuchstaben auf den Tank gemalt. Damit er lauter tönt, hat der Tank keinen Boden. Ein 500-Watt-Bauscheinwerfer beleuchtet die Szenerie.

Philipp Esthermann schlägt mit dem Eisenfäustel gleich­mässig auf einen frei hängenden Eisenbahnpuffer. Der helle Klang – ding, ding, ding – gibt den Takt vor. Nach dem dritten Schlag ­setzen die Trommler ein. Die ­Melodie des Katzenmusikmarschs haben alle im Kopf. Und immer wieder, bis es richtig einfährt. Mächtig dröhnt der Tank, die wuchtigen Schläge der Vorschlaghämmer schmerzen in den Ohren. Es macht allen sichtlich Spass auf die Fässer einzudreschen. Unermüdlich, immer im Takt, ernst und konzentriert. Geredet wird nicht, Zuschauer gibt es keine. Nach 15 Minuten ist der Spuk fürs Erste vorbei. Die Fässer sind bereits voller Dellen und Beulen. Insgesamt dreimal wird das Lärmritual zelebriert, dazwischen wärmt man sich im Schopf auf, geniesst das Zusammensein. Punkt 22 Uhr ist Schluss, die Fässer werden von der Strasse gerollt und am Strassenbord in einer Kurve deponiert. Schön war’s. Man trifft sich anschliessend im «Ticino». Dort wird bis 3 Uhr früh gefeiert.

Auf der Suche nach neuen Fässern

Noch zweimal wird auf der Flüe mächtig Lärm gemacht, am Mittwoch, 31. Januar, und am Samstag, 3. Februar. Danach ist für die Schattig-Katzenmusik die Fasnacht vorbei, die Fässer werden gepresst und recycelt.

Joe Zgraggen wird sich im Dezember auf die Suche nach neuen Petrolfässern machen: Für die einzige Katzenmusik im Kanton Uri, die jedes Jahr neu instrumentiert wird. Bei der Schattig-Katzen­musik geht es nur um eines: um ­kultivierten, archaischen Lärm, ohne traditionelle Instrumente wie Trommeln, Pauken, Posaunen und Trompeten. Stolz sind die Schattiger auf ihre langjährige Tradition. Die Idee hatten ein paar Erstfelder Schulbuben Anfang der 1930er-Jahre: eine Katzenmusik ohne traditionelle Instrumente. Sie sammelten alte Pfannen, Sägeblätter und Petrolfässer. Mit Fäusteln und Holzhämmern schlugen sie auf den ungewöhnlichen Klangkörpern den Katzenmusikmarsch. Bis heute ist die Schattig-Musik dieser Idee treu geblieben.

Spielplatz in der Brüüchengand

Auf der Suche nach dem opti­malen Klang wechselten die Schattiger ihren Spielplatz mehrmals: 1934 verlegte man das Trommeln unter die grosse Linde in «Martys Weidli». Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die Katzenmusik beim Jützstein in der Brüüchengand, später auf einem Felsvorsprung. Seit 1984 befindet sich der Trommelplatz auf der Strasse ins Erstfeldertal, unterhalb des Wasserreservoirs Flüe. Noch Anfang der 1990er-Jahre durften nur Erstfelderinnen und Erstfelder mitmachen, die auch im Ortsteil Schattig wohnten, heute sind auch viele vom Dorf dabei. Die Tradition des Spielens in der Brüüchengand wird von den Jungen fortgesetzt. Sie spielen dort ab Dreikönigen jeden Donnerstagabend bis zum «Schmutzigä Donschtig».

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