Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

ERSTFELD: Lautes Spektakel ohne Heidi-Romantik

Volker Hesse hat zur Neat-Eröffnung ein Theaterstück mit 600 Personen inszeniert. Darin wird zwar gefeiert, aber es gibt auch nachdenkliche Momente.
Szene aus der Eröffnungsaufführung des deutschen Regisseurs Volker Hesse gestern in Erstfeld. (Bild Nadia Schärli)

Szene aus der Eröffnungsaufführung des deutschen Regisseurs Volker Hesse gestern in Erstfeld. (Bild Nadia Schärli)

Markus Zwyssig

Die Postkutsche ist nur kurz zu sehen. Ein paar Mal peitscht der Kutscher seine Pferde zum Galopp durch die Betonhalle im Rynächt, dann ist der Spuk vorbei – oder beginnt erst recht. Mineure in orangen Arbeitskleidern nehmen die Bühne, stampfen und gestikulieren in einer zermürbend angespannten Langsamkeit, in Besitz. Die starken Männer schieben Eisenbahnwaggons, darauf stehen Spieler, mal tänzelnd, mal im Chor singend. Und da sind die Akrobaten, die sich zirkusreif an Ringen und Ketten in die Lüfte ziehen. Das Publikum, das links und rechts auf der Tribüne sitzt, spürt den Schweiss und die Anstrengung der Tunnelarbeiter förmlich. Die Wucht der Menschenmassen beeindruckt.

Fernab von Clichés

Der deutsche Erfolgsregisseur Volker Hesse hat mit dem Spektakel zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels alles andere als eine Cliché-Feier inszeniert. «Es ist keine Heidi-Idylle, die wir auf die Bühne bringen», betont er im Interview mit unserer Zeitung. «Vielmehr wollen wir die Schweiz intelligent, aber auch nachdenklich und sensibel präsentieren.» Im von Hesse konzeptionierten Stück tauchen denn auch dunkle, berührende Elemente auf. Es gelingt ihm, das Jahrhundertbauwerk facettenreich auszuleuchten.

«Es ist ziemlich das Grösste, was ich je gemacht habe», sagt Hesse. Da stecke ganz viel Technik dahinter, und alles müsse ganz genau aufeinanderabgestimmt sein. «Die Inszenierung ist eine riesige Maschine», so Hesse, «und etwas ganz anderes als eine Theateraufführung im Allgemeinen.» Insgesamt 600 Mitwirkende am Nord- und Südende des Tunnels und ein Stab von 100 Personen sind für das Spektakel im Einsatz – geprobt dafür haben sie seit Monaten.

Naturgewalt und Mythengestalten

Die Projektionen an den Betonwänden machen die schier unglaublichen Naturgewalten im Tunnel erlebbar. Steinblöcke zerbersten, das Wasser sucht sich tosend den Weg. Das Stück erinnert zu Beginn in «Sacre del Gottardo» an die Härte des Tunnelbaus, wie der kleine Mensch mit den riesigen Gesteinsmassen und kaum beherrschbaren Wassermassen kämpft. Denn der Tunnel verlangte seine Opfer. Neun Menschen haben während der Bauzeit ihr Leben verloren.

Im zweiten Teil der Inszenierung erwachen die Bergdämonen. Gehörnte Gestalten, kauzige Figuren und ein Teufelsengel schleichen herum. Sagen und Mythen beschäftigen Hesse seit Jahren. Der 71-jährige Deutsche, der seit Jahren in der Schweiz lebt, hat die Urner als Regisseur der Tellspiele 2008 und 2012 in Altdorf kennen gelernt. «Bei den beiden ‹Tell›-Inszenierungen habe ich stark über Urner Geschichten und Mythologien der Alpen gegrübelt. Davon ist diesmal sehr viel miteingeflossen.»

Zahlreiche Urner spielten mit

Auch viele Urner kommen bei der Aufführung im Rynächt zum grossen Auftritt. Sie alle folgten dem öffentlichen Aufruf zum Mitmachen. Angeschrieben wurden auch diverse Sportvereine und die Kulturszene. Mit dabei sind auch zahlreiche Tellspieler. Neben den Laien helfen auch Profis mit, den Kampf des Menschen mit den Urgewalten im Innern des Bergs in Szene zu setzen. Akrobaten aus Spanien, Frankreich und Chile setzen mit Innerschweizer Amateuren ganz auf die tänzerische Ausdrucksweise. Hesse arbeitet zudem für das Spektakel mit bewährten Kräften zusammen: so etwa mit Jürg Kienberger bei der Musik, Aaron Tschaler beim Chor und dem Urner Christoph Gautschi bei der Perkussionsgruppe.

Exakt getimt im Norden und Süden

So präsize, wie die Tunnelarbeiter am Gotthard arbeiteten, so gut abgestimmt war auch die Eröffnungsinszenierung. Denn diese wurde an den beiden Tunnelportalen zeitgleich aufgeführt. Takt angebend waren dabei die beiden Züge, welche die Wettbewerbsgewinner durch den Tunnel transportierten. Exakt mit der Ankunft der Züge war auch das Spektakel zu Ende. Als Schlusspunkt forderten die Schauspieler das Publikum auf, den Premierenzug zu bejubeln. Die übermütige Freude der letzten Szene übertrug sich aufs Publikum und wurde im Freien fortgesetzt.

Hinweis

Volker Hesses Tanztheaterspektakel wird an den Publikumstagen vom kommenden Samstag und Sonntag, 4. und 5. Juni, jeweils um 11, 15 und 17 Uhr sowohl im Rynächt als auch in Poleggio zu sehen sein.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.