ERSTFELD: Urner bauen Riesen-Fischzucht

Eine Firma will mit Neat-Wasser künftig die grösste Fischmast der Schweiz betreiben. Die nötigen Tests sind abgeschlossen – nun sollen Kunden die Produkte bewerten.

Anian Heierli
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Laborleiter Fridolin Tschudi kontrolliert junge Zander, die aktuell zu Testzwecken in Erstfeld unterirdisch gezüchtet werden. (Bild Urs Hanhart)

Laborleiter Fridolin Tschudi kontrolliert junge Zander, die aktuell zu Testzwecken in Erstfeld unterirdisch gezüchtet werden. (Bild Urs Hanhart)

Das Vorhaben ist gigantisch: Für 30 bis 35 Millionen Franken soll in Erstfeld die grösste Fischzuchtanlage der Schweiz gebaut werden. Ab 2023 will die Urner Firma Basis 57 nachhaltige Wassernutzung AG (kurz B57) rund 1200 Tonnen frischen Fisch pro Jahr produzieren und so 30 bis 40 neue Arbeitsplätze schaffen. Der Fisch-Selbstversorgungsgrad der Schweiz würde dadurch um 25 Prozent erhöht.

Unterirdische Laboranlage

Die Projekt-Initianten setzen dabei auf modernste Technik und innovative Ideen. Bergwasser, das vom Gotthard-Basistunnel aufgefangen wird, soll in die Anlage fliessen und für die Zucht verwendet werden. Die dafür notwendige Nutzungskonzession fürs Wasser wurde im Mai 2015 zugesichert. Seither nimmt das Projekt immer stärker an Fahrt auf. B57 betreibt seit einigen Monaten zusammen mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften unterirdische Laboranlagen unweit des Neat-Portals in Erstfeld. Wissenschaftler untersuchen unter realen Bedingungen das Wachstum der Fischsorten Zander und Trüsche, um Daten für die geplante Grossanlage zu sammeln.

Bergwasser eignet sich für Zucht

Heute werden die Testergebnisse erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. «Wir haben gezeigt, dass sich das saubere Urner Bergwasser hervorragend zur Speisefischzucht eignet», sagt Fridolin Tschudi, Umweltingenieur ETH und Leiter des Forschungsprojekts. Es hätten auch schon Degustationen stattgefunden. Tschudi rechnet dem Gesamtprojekt deshalb sehr gute Chancen zu: «Die ersten Tiere haben die Schlachtgrösse erreicht und gehen in den nächsten Tagen in den Einzelhandel. Damit wollen wir herausfinden, wie unser Produkt ankommt.»

Künftig will B57 mehrere Fischarten anbieten. Man fokussiert sich dabei in einem ersten Schritt auf die einheimischen Sorten Egli und Zander. «Das sind bekannte Speisefische, und wir gehen davon aus, dass wir damit auf dem Markt erfolgreich sind», sagt Urs Aschwanden, Präsident des B57-Verwaltungsrats. Die Firma will aber auch weniger bekannte Arten langfristig etablieren.

Tropenfisch im Bergwasser

Mit der Testzucht von Trüschen – eine im Vierwaldstättersee heimische Art – hat man schon heute Neuland betreten. «Schweizweit sind wir die Einzigen, die eine Trüschen-Mast aufziehen», betont Tschudi. «Die Trüsche vereint alle Eigenschaften, die erfahrungsgemäss bei Konsumenten gut ankommen», sagt er weiter. «Ihr Fleisch ist weiss, geschmacksneutral und hat nur wenig Gräten.»

Als zweites Novum will B57 auch den Tropenfisch Pangasius ins Sortiment aufnehmen. «Pangasius ist ein geschätzter Speisefisch», betont Urs Aschwanden. «Heute wird Pangasius aber ausschliesslich importiert. Konsumenten wissen nicht, unter welchen Bedingungen die Fische gezüchtet wurden und ob allenfalls schädliche Stoffe enthalten sind.» Aschwanden verspricht, dass dies beim «Gotthard-Pangasius» nicht der Fall sein wird. «Alles, was hier produziert wird, würde ich auch meinen fünf Kindern vorsetzen», sagt er. Obwohl in Erstfeld für Schweizer Verhältnisse eine Fischmast der Superlative heranwächst, wird der Betrieb ohne Antibiotika und fragwürdige Zusatzstoffe zur Wasseraufbereitung auskommen. Der Grund dafür liegt einerseits im sauberen Bergwasser und andererseits in der modernen Aufbereitungstechnik fürs Wasser.

Temperatur von 14 bis 16 Grad

B57 will eine topmoderne Kreislaufanlage anschaffen und ist bereits mit mehreren Firmen im Gespräch. «Darin zirkuliert das Wasser und wird zu einem grossen Teil mechanisch und biologisch aufbereitet», erklärt Aschwanden. «Es entsteht wenig Abwasser und macht bei Warmwasserfischen energetisch Sinn.» Beispielsweise wächst der Zander bei 22 bis 26 Grad optimal. Das Bergwasser des Gotthard-Basistunnels hat das ganze Jahr eine Temperatur von 14 bis 16 Grad. «Wir wollen, dass sich das Wasser durch die Abwärme von Tier und Technik ausreichend erwärmt», so Aschwanden.

Die Grossanlage soll überdacht in einer Halle gebaut werden. Als Fläche für die Infrastruktur wird B57 die 2,5 Hektaren grosse Parzelle Ried direkt beim Nordportal des Basistunnels erwerben. Der Vorvertrag mit der Neat-Bauherrin Alptransit ist bereits vorhanden. «Das Grundstück ist verkehrstechnisch optimal erschlossen und liegt nahe an der Bergwasserleitung der Neat», sagt Aschwanden.

«Wir streben NRP-Gelder an»

Auch was die Finanzierung angeht, ist Aschwanden zuversichtlich: «Von der Öffentlichkeit, Regierung und Gemeinden wird das Projekt sehr positiv aufgenommen», so Aschwanden. Zudem strebe man Gelder der neuen Regionalpolitik an. Weitere Mittel will die Firma als Darlehen bei der Wirtschaftsförderung und lokalen Geldgebern beschaffen.

Was für Summen bereits zugesprochen worden sind, will Aschwanden zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sagen, da aktuell Verhandlungen am Laufen sind. «Es ist aber kein Geheimnis, dass wir offen für neue Aktionäre sind», sagt er.

2018 starten die Bauarbeiten

Verläuft alles wie geplant, starten die Bauarbeiten an der Grossanlage 2018. Als erste Realisierungsetappe wird das Betriebs- und Mastgebäude errichtet und ein erster Teil der Mastanlage erstellt. «Darin werden die Erkenntnisse der heutigen Laboranlage umgesetzt», sagt Urs Aschwanden. In weiteren Etappen soll der Urner Fischzuchtbetrieb in Erstfeld sukzessive ergänzt werden.