Erstfelder Eisenbahner schwelgen in Erinnerungen

Aus Anlass seines 100-Jahr-Jubiläums trafen sich die Gewerkschafter des Verkehrspersonals in Erstfeld zu einer kleinen Feier.

Paul Gwerder
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Gewerkschafs-Sekretär Urs Huber mit den Verantwortlichen der Feier in Erstfeld, Michael Walker und Andreas Siegenthaler (von links). (Bild: Paul Gwerder, Erstfeld, 21. November 2019)

Gewerkschafs-Sekretär Urs Huber mit den Verantwortlichen der Feier in Erstfeld, Michael Walker und Andreas Siegenthaler (von links). (Bild: Paul Gwerder, Erstfeld, 21. November 2019)

Vor 100 Jahren, am 30. November 1919, nach dem Landesstreik, schlossen sich die schon seit etlichen Jahren bestehenden Berufsvereine der Eisenbahner zum Schweizerischen Eisenbahnerverband (SEV) zusammen. Der gemeinsame Kampf brachte Errungenschaften wie den Beamtenstatus 1927, Senkungen der Arbeitszeit und bedeutende Verbesserungen der Lohnbedingungen. Der SEV wurde für die Verkehrsunternehmen zum Ansprechpartner. Mit dem Ende des Beamtenstatus vor 20 Jahren begann die Ära der Gesamtarbeitsverträge. Und die Gewerkschaft SEV freut sich, dass im Durchschnitt 50 Prozent des Personals der Verkehrsbetriebe bei ihr Mitglied ist.

Anlässlich des Jubiläums hat der SEV einen Ausstellungsbus gestaltet, der seit dem 3. Juni eine Tour de Suisse absolviert und im Mittelpunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten von 60 SEV-Sektionen steht. Am Donnerstag machte dieser auffällig umgebaute Car einen Stopp im Eisenbahnerdorf Erstfeld. Im Inneren konnten die Besucherinnen und Besucher Geschichten von früherer und heutiger Zeit lesen.

Michael Walker, Präsident des Lokpersonalverbands Zentralschweiz, und Andreas Siegenthaler, Präsident des Pensionierten-Verbands Uri, freuten sich, dass dermassen viele Eisenbahner gekommen waren– darunter auffällig viele Pensionierte. Dies war nicht verwunderlich, denn der Pensionierten-Verband hat derzeit 284 Mitglieder. Heute arbeiten nur noch 64 Lokführer in dieser Gegend, davon sind 24 beim Personenverkehr in Erstfeld stationiert und die anderen 40 haben ihren Standort bei SBB Cargo in Arth-Goldau.

Die SBB-Infrastruktur findet in Uri kein Personal

In der Kaffeestube träumten die älteren Eisenbahner von der guten alten Zeit, in der es noch weit über 200 Lokführer im Depot Erstfeld gab. «Wir hatten eine schöne, wenn auch strenge Zeit bei der Bahn, aber damals war alles noch viel kollegialer und die Zufriedenheit unter dem Personal war recht hoch», erinnerte sich der frühere Lokführer Andreas Siegenthaler.

«Heute beschäftigen wir uns gewerkschaftlich mit Arbeitszeitproblemen, dem riesigen Lokführerunterbestand sowie unattraktiven Dienstschichten», sagte Michael Walker. Aber heute sind wir hier zum Feiern und nicht zum Jammern, waren sich die Anwesenden einig.

In Erstfeld war vom Zentralsekretariat Urs Huber anwesend, Leiter Bereich Infrastruktur. «Wir sind jetzt auf der letzten Fahrt mit dem Jubiläumsbus und ein Halt in Erstfeld war ein Muss», erklärte Huber. «Unser Ziel ist es, die Arbeitsplätze zu erhalten. Aber gerade im Kanton Uri haben wir die paradoxe Situation, dass wir kein Personal im Infrastrukturbereich finden, trotz unzähliger Inserate. Es sind da vorwiegend Baulokführer, Fahrleitungsmonteure und Leute aus verschiedenen Berufsrichtungen gesucht».

Wie Huber aus seiner täglichen Arbeit an der Front weiss, macht dem Personal die «Reorganisationswurt» der SBB zu schaffen. Für die Mitarbeiter sei es ein gewaltiges Ärgernis, wenn sie dauernd wie Marionetten von einem Dienstort zum anderen verschoben werden – deshalb die grosse Personalunzufriedenheit. Mit der Führungskultur ist der Gewerkschafter überhaupt nicht zufrieden, «denn diese Personalverantwortlichen hören einfach nicht mehr auf uns Gewerkschafter».

Erstfeld soll ein Eisenbahnerdorf bleiben

«Wir sind nicht gegen Veränderungen, sondern gegen die dauernde Verschlechterung der Arbeitsbedingungen», waren sich die Gewerkschafter einig. Huber meinte weiter: «Die ewigen und langwierigen Diskussionen machen zu schaffen. Ein Grund dafür ist, dass wegen der dauernden Reorganisationen wir immer wieder andere Ansprechpartner haben und das macht die Geschichte nicht einfacher».

Gemeindepräsidentin Pia Tresch gratulierte dem SEV zum hundertsten Geburtstag. «Für unsere Gemeinde war der SEV immer ein wichtiger Partner und wir lebten lange von vielen SBB-Arbeitsplätzen, gegen deren Abbau die Gewerkschaften teilweise auch mit Erfolg gekämpft haben», betonte Tresch und sagte kämpferisch: «Der Gemeinderat kämpft gegen den Abbau von noch mehr Arbeitsplätzen und wir versuchen, das Beste daraus zu machen, denn wir sind ein Eisenbahnerdorf und bleiben es auch.»