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«Es braucht auch Hilfe von oben»

Tiere verunglücken, Unwetter, Blitz und Hagel sind auf Hochalpen häufig. Seenalp-Hirt Hans Riedi erklärt, weshalb es mehr als Elektrozäune und Feldstecher braucht, um möglichst gut geschützt zu sein.
Christof Hirtler
Seenalp-Hirt Hans Riedi segnet mit einem Kreuzzeichen seine Schwiegertochter Nadja und deren Sohn Lukas. (Bild: Christof Hirtler, Seenalp, 9. Juli 2018)

Seenalp-Hirt Hans Riedi segnet mit einem Kreuzzeichen seine Schwiegertochter Nadja und deren Sohn Lukas. (Bild: Christof Hirtler, Seenalp, 9. Juli 2018)

Die 428 Hektaren grosse Seenalp im Bisistal, umgeben vom Chaiserstock, Fulen, Rossstock und Chinzerberg, liegt auf 1200 bis 2000 Meter über Meer. Der Bergbauer Hans Riedi ist dort Hirt, verantwortlich für 240 Rinder, 400 Schafe und 15 Kühe. Vor 15 Jahren wurde er im Kapuzinerkloster Altdorf vereidigt.

Im Rechtsbuch der Korporation Uri ist der Eid wortgetreu abgedruckt. Wer das Amt des Hirten annimmt, hat folgenden Eid zu schwören: «Den übertragenen Hirtendienst getreu und fleissig zu versehen, ein unparteiischer Hirt zu sein; das ihm anvertraute Vieh gut zu besorgen und selber nach bestem Vermögen vor Schaden zu hüten; das Salz unter das Hirtevieh zu verteilen und hierin niemanden besonders zu begünstigen; den Nutzen der Alp und der Hirte angelegentlich zu befördern und Schaden oder Gefahr abzuwenden.» Diesem Eid ist Riedi tagtäglich verpflichtet.

Machtlos gegenüber Naturgewalten

«400 neue Hagstösse brauche ich jeden Sommer», erzählt der 60-jährige Hirt in der Stube der Seenalphütte. Kilometerlange Zäune halten die Tiere auf der Alp beisammen, Gefahrenstellen sind ausgehagt. Die Tiere sind ständig unter Beobachtung. Täglich kontrollieren und zählen Hans Riedi und sein Sohn Heinz die Rinder. Die Schafe versorgen sie zweimal wöchentlich mit Salz. Die Hirten pflegen die Verletzungen, behandeln Panaritium, pflegen Klauen. Damit tun sie das Menschenmögliche. Doch das genügt Riedi nicht: «Es braucht mehr als Elektrozäune und Feldstecher. Es braucht auch die Hilfe von oben.»

«Können nicht für alles zuständig sein»

Heute ist Wendelin Bucheli, der Pfarrer von Bürglen, zu Gast. Für die Alpsegnung kam er zu Fuss über den Kinzigpass. «Es braucht die Alpsegnung. Wir können nicht für alles zuständig sein», sagt Riedi. Bucheli zieht sich die Stola über, erbittet den Segen Gottes und betet mit Hans Riedi und dessen Schwiegertochter Nadja ein «Vater unser» und ein «Ave Maria». Anschliessend öffnet der Pfarrer eine PET-Flasche mit Weihwasser und segnet die Menschen, das Haus, den Stall und die Alp. Riedi ist zufrieden.

«Das Schlimmste ist der Hagel», erzählt Hans Riedi. «Dann stehen die Rinder verängstigt auf der Weide und schliessen die Augen. Du darfst nicht in ihre Nähe, sie könnten erschrecken, du musst die Rinder in Ruhe lassen. Gerät eine Herde in Bewegung, ist sie nicht mehr zu stoppen. Mein Vater erzählte mir von Rinderherden, die mitsamt ihrem Hirten über die Felswände in die Tiefe gestürzt sind.»

Weihwasser und Karfreitagseier

Nach der Alpsegnung bittet Hans Riedi den Pfarrer, Wasser und Salz zu segnen. Bei Unwetter spritzt er Weihwasser aus dem Fenster. Gesegnetes Salz mischt er unter das Heu oder gibt es beim Käsen ins Kessi: Die drei Tonnen Seenalp-Käse sollen gelingen. Karfreitagseier, sie schützen vor Blitz, befinden sich in jedem Alpgebäude der Seenalp. Die Bauern schützen ihre Rinder bereits vor der Alpzeit. An Karfreitag werden Ohrenzeichen geschnitten oder den Rindern ein paar Schwanzhaare entfernt im Glauben, dass sie im Herbst gesund von der Alp heimkämen. «Auch die Armen Seelen helfen in Notsituationen, ich bete oft für die Armen Seelen», sagt Riedi.

Beim Einnachten spricht Hans Riedi jeden Abend den Betruf, denn in der Nacht bleibt die Alp «unbewacht». Bei diesem durch die Volle gesungenen Gebet dreht sich der Betrufer 360 Grad um die eigene Achse und zieht damit einen Ring um die Alp. Soweit der Schall des Betrufes gehört werden kann, soweit wirkt die Kraft des Bannes. Hans Riedi übergibt mit diesem magisch-religiösen Ritual die Alp den Heiligen und der Muttergottes mit dem Jesuskind. Damit kann er Verantwortung abgeben, sich entlasten und ruhig schlafen.

Initiative kam von Älplern und Sennen

Auf dem Kinzigpass, dem Übergang vom Schächental ins Muotatal, befindet sich die kleine Kinzigkapelle. Nach dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche im Muotatal wurde sie 1924 auf Initiative der Älpler und Sennen gebaut und den Bauernheiligen Antonius und Wendelin geweiht. Auch im kommenden Herbst wird Hans Riedi aus Dankbarkeit für den guten Alpsommer bei der Alpabfahrt Geld ins Kässeli werfen. Und eine Kuh wird dabei auf einem Täfelchen ihres Kopfschmucks die Muttergottes mit dem Jesuskind tragen.

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