EUROPAREISE: «Blechliesel hat ihre Tücken»

Bernhard Brägger kommt mit seinem Ford T Jahrgang 1926 gut voran. Doch die eigentlichen Schwierigkeiten stehen ihm erst noch bevor.

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Bernhard Brägger: «Der Ford T und ich bilden eine Schicksalsgemeinschaft. (Bilder PD)

Bernhard Brägger: «Der Ford T und ich bilden eine Schicksalsgemeinschaft. (Bilder PD)

bar. Vor genau drei Monaten ist der 72-jährige Exilurner Bernhard Brägger zu einer aussergewöhnlichen Reise gestartet. Sie führt ihn in seinem 22 PS «starken» und 88 Jahre alten Ford T (Tin Lizzy oder auch Blechliesel) über rund 20 000 Kilometer an den westlichsten, südlichsten, östlichsten und nördlichsten Punkt des europäischen Festlands. Rund zehn Monate will er unterwegs sein. Brägger möchte seine Reiseeindrücke nach der Rückkehr in einem Buch veröffentlichen – zusammen mit spannenden Fotos sowie interessanten Anekdoten und Recherchen, die er unterwegs anstellt. Beat Morell* hat Brägger in der Nähe von Barcelona zum bisherigen Reiseverlauf befragt.

Bernhard Brägger, wie muss man sich die Fahrt im Ford T vorstellen?

Bernhard Brägger: Mit den heutigen Vorstellungen von Autofahren hat das Ganze nicht viel zu tun. Der Ford T ist 88-jährig und langsam. Er hat schwache Bremsen, einen schwachen Motor und ein Planetengetriebe, das mit den Füssen geschaltet werden muss. Das alles hat seine Tücken. Aber wenn man die Blechliesel liebt, dann geht es. (lacht)

Ein Auto lieben? Wie meinen Sie das?

Brägger: Ein Kollege hat mir mal gesagt: Bernhard, erst wenn du die Blechliesel liebst, macht sie dir Freude. Ich habe das zuerst auch nicht begriffen. Für mich war dieses Fahrzeug etwas Mechanisches, etwas Materielles, für das man nicht unbedingt Gefühle entwickeln kann. Vom Moment an, in dem ich verstanden habe, dass die Blechliesel und ich eine Schicksalsgemeinschaft bilden, habe ich den Plausch bekommen. Und bis jetzt hat sie mich bis auf zwei kleine Bagatellen nicht im Stich gelassen. Ich bin überzeugt: Wenn ich mit Gefühl fahre, wenn ich zur Liesel Sorge trage und sie auch mal mit einem «Gut gemacht!» aufmuntere, dann werden wir beide die Reise überstehen.

Und wenn es trotz allem zu einer grossen Panne kommt?

Brägger: Dann gibt es halt einen längeren Stopp, um das Ganze genau abzuklären. Ich habe in der Schweiz mehrere Kollegen, denen ich jederzeit telefonieren und den Sachverhalt erklären kann. Sie sagen mir, was zu tun ist. Dass ich auf sie zählen kann, habe ich bereits erlebt.

Inwiefern?

Brägger: Im spanischen Burgos ist der Exzenter, mit dem man den Windflügel antreibt, abgebrochen. Also hatte ich keine Kühlung mehr. Einer meiner Kollegen in der Schweiz hat in einer Garage irgendwo im Luzerner Hinterland einen passenden Exzenter aufgetrieben. Ein anderer Kollege ist daraufhin nach Madrid geflogen und von dort mit dem Bus nach Burgos gefahren. Am andern Morgen konnte ich die Reise bereits wieder fortsetzen. Der Kollege ist dann übrigens gleich noch ein Stück weit mitgefahren.

Diese Abwechslung haben Sie sicher genossen?

Brägger: Den grossen Teil der Reise will ich bewusst allein absolvieren. Das Allein-Reisen hat nämlich durchaus seinen Reiz. Ich kann tun und lassen, was ich will, kann anhalten, wo ich will, kann länger bleiben, wenn es mir irgendwo besonders gut gefällt oder wenn ich einer interessanten Geschichte für mein geplantes Buch auf die Spur komme. Ich bin ohne GPS unterwegs und verlasse mich auf die Karte. Dort sind auch Campingplätze angegeben. Wenn mir der Platz passt, wird das Zelt aufgeschlagen. Bei hundsmiserablem Wetter oder wenn mir der Platz nicht passt, nehme ich auch mal ein einfaches Hotelzimmer. Die Details der Weiterreise plane ich meistens erst am Vorabend. Das Alleinreisen hat aber auch den Vorteil, dass niemand meine Launen ertragen muss. (lacht) Wenn mich der Ford T wegen eines sich anbahnenden Defekts stresst, dann kann das schon mal zu einem Fluch oder eben zu schlechter Laune führen. Das will ich möglichst niemandem zumuten, denn eigentlich möchte ich mit einem Begleiter in einem entspannten Verhältnis unterwegs sein. Aber natürlich hat das Allein-Reisen auch einige Nachteile.

Welche?

Brägger: Wenn ich allein reise, muss ich lenken, das Fahrzeug im Griff haben, auf die Karte schauen, die Signalisationen genau beachten und vieles mehr. Das alleinige Navigieren kann zeitweise schon etwas stressig sein. Deshalb bin ich wirklich froh, wenn mir ab und zu jemand die Navigationsarbeit abnimmt. Das bringt nicht nur Entspannung, sondern auch willkommene Abwechslung.

Wer kommt als Begleiter in Frage?

Brägger: Vor allem Personen aus dem engsten Freundeskreis, aber auch Leute, die früher mit mir Rallye gefahren sind und von Navigieren etwas verstehen. Um die Termine mit meinen Begleitern einzuhalten, muss ich natürlich schon auf den Fahrplan achten. Ich kann mich nicht mit ihnen am Tag x am Punkt y verabreden und dann einfach erst ein paar Tage später kommen, nur weil ich ein lustiges Erlebnis hatte, einfach länger an einem Ort bleiben wollte oder einen Umweg fahren musste. Anders sieht es natürlich bei einer grösseren Panne aus.

Wurden Sie bisher schon zu Umwegen gezwungen?

Brägger: Effektiv aufgezwungen worden sind mir bisher keine Umwege. Allerdings habe ich mich zu einer Kurskorrektur entschlossen, indem ich Punta de Tarifa in Spanien, den südlichsten Punkt des europäischen Festlands, nicht wie geplant angefahren bin.

Aus welchem Grund?

Brägger: Auf Anraten von sehr vielen Fernfahrern. Sie haben mir alle abgeraten, mit dem Ford T nach Tarifa zu fahren, weil ich eine sehr stark befahrene und relativ enge Strasse hätte benützen müssen, auf der vor allem schwere Lastwagen unterwegs sind. Und gerade vor dem LKW-Verkehr in Spanien habe ich grossen Respekt. Mit dem Ford T darf ich nicht auf den zahlungspflichtigen Strecken fahren. Ich benütze deshalb die Nationalstrassen. Doch genau dort sind auch sehr viele schwere Camions unterwegs, weil sie dort eben nicht zahlen müssen. Daran habe ich nicht gedacht, und ich wurde entsprechend überrascht. Das Fahren auf diesen Nationalstrassen erfordert höchste Konzentration, besonders auch bei Regen. Wenn mich die Lastwagen in vollem Tempo überholen, dann versetzen sie meinen Ford T nicht etwa nur um 10, sondern schon mal um 20 bis 30 Zentimeter. Nach 200 Kilometern auf diesen Strassen war ich jeweils fix und fertig.

Und wie geht Ihre Reise nun weiter?

Brägger: Den westlichsten und den südlichsten Punkt habe ich hinter mir. Nun gehts Richtung Frankreich. Dort möchte ich unter anderem ein paar Strecken anschauen, die ich bei der Rallye Monte Carlo gefahren bin. Dann fahre ich nach Italien. In Brindisi gehts auf die Fähre und danach auf der Strasse weiter Richtung Balkan. Das wird sicher ein etwas schwierigerer Teil der ganzen Reise, bevor ich zum Schluss das Nordkap als eigentliches Pièce de Résistance anpeile.

Hinweis

* Dokumentarfilmer Beat Morell hat Bernhard Brägger Anfang Juli interviewt und der «Neuen Urner Zeitung» die entsprechende Tonaufnahme zur Verfügung gestellt. Das Interview wurde von Bruno Arnold aufgezeichnet. Weitere Infos gibts unter www.facebook.com/Mechanalog.